Parteien haben Spendierhose an: Kreationen und Visionen aus den Wahlprogrammen

Seligenstadt: Hochschulstadt mit S-Bahnanschluss

Gestaltungsplan von SPD und Jusos für das Seligenstädter Mainufer: Amphitheater, Palatium, Wassersport
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Gestaltungsplan von SPD und Jusos für das Seligenstädter Mainufer: Amphitheater, Palatium, Wassersport

Haben die Seligenstädter am Sonntag die Qual der Wahl? Klar, denn abgesehen vom Stammwähler, dessen Votum feststeht, finden die Unentschlossenen in den Wahlprogrammen der fünf Parteien bemerkenswerte Orientierungspunkte – wenn sie sich die Mühe machen, die Texte durchzulesen. Wer sich darauf einlässt, der wird querbeet ein höchst ambitioniertes, teils geradezu gewagt fantasievolles Sammelsurium an Vorschlägen und Visionen finden.

Seligenstadt – Rechtsgrundlage, Finanzier- und Realisierbarkeit stehen bisweilen auf einem ganz anderen Blatt. Alle zusammen- und ernst genommen wäre unser Städtchen damit auf bestem Weg, eine ziemlich energieautarke Hochschulstadt mit S-Bahnanschluss zu werden, geadelt durch eine Flaniermeile samt Atrium am Mainufer sowie eine Fußverkehrsstrategie. Einige Glanzlichter im Überblick:

.  Die CDU schlägt in ihrem Wirtschaftsprogramm den Ausbau der Grundversorgung in den Stadtteilen (Metzgerei, Bäckerei, Bioläden) vor – eine unbestreitbar gute Idee, aber kann eine Partei oder eine Stadt das leisten/finanzieren? Auch die Forderung „Gezieltes Handeln der Wirtschaftsförderung, um weitere Schließungen von Gastronomie in Froschhausen und Klein-Welzheim zu verhindern“ klingt plakativ. Die alte Unions-Idee, die Stromversorgung zu repatriieren, nunmehr über die Stadtwerke abzuwickeln, darf da nicht fehlen. Maßvolle Verdichtung und konsequente Vermeidung von Bausünden klingt gut, aber mit den Bausünden ist das so eine Sache. Nicht die Einhardstadt, sondern der Kreis Offenbach genehmigt bekanntlich entsprechende Bauanträge. Auch der CDU liegen die betagten Bürger am Herzen: Ausweitung der Angebote für altersgerechtes Wohnen in allen Stadtteilen, besonders die Angebote der Tagespflege und des betreuten Wohnens. Tagespflege sollten wir uns merken, denn bislang verzichtet die Stadt aus Kostengründen darauf, weicht nach Karlstein und in andere Kommunen aus.

Die Neugestaltung des Mainufers ist auch bei der Union gesetzt. Allerdings sind die Vorschläge „Uferpromenade mit neuen Sitzmöbeln und attraktiver Bepflanzung“ geradezu bescheiden im Vergleich zu anderen Ideen. Die Machbarkeits- und Finanzierungsprüfung einer Brücke über den Main nach Karlstein als künftige Alternative haben CDU und Grüne im Plan. Und dann doch noch ein Knaller: „Entlastung des Knotenpunktes Bahnübergang am Wasserturm. Hier ist dringend ein zukunftsweisendes Konzept mit vollständiger Bahnunterführung zu erarbeiten.“ Das erinnert an alte Zeiten...

.  SPD und Jusos überraschen mit der Idee eines „Amphitheaters“ am Main sowie der Nutzung des Palatiums durch teilweise Öffnung im Einklang mit den Denkmalschutzbestimmungen. Interessante Mischung aus griechisch-römischer und staufischer Architektur. Hinzu kommt die alte SPD-Idee einer Liegewiese am Main sowie ein Steg, um sicher mit Sportgeräten wie Kanu, Kajak oder „Stand up Paddle“ aufs Wasser gehen zu können.

Aufbau der Tagespflege, Barrierefreiheit und betreutes Wohnen in Seligenstadt gehören auch bei den Genossen zum Standard. Bei der Landesregierung will die SPD auf einen zügigen Bau des dritten Abschnitts der Umgehungsstraße zur Verkehrsentlastung drängen und – Achtung – „ggf. selbst planen und bauen“. Bauen wir uns nach dem Frust der vergangenen Monate unsere Umgehung also gleich selbst?

Weiter geht der Höhenflug: Campus Seligenstadt bedeutet: „Unsere Stadt soll langfristig Hochschul- oder Berufsakademiestandort in öffentlicher Trägerschaft des Kreises oder der Stadt werden.“ Ein echter Hit, die Begründung wird sicher irgendwann nachgeliefert.

.  Die Freien Wähler (FWS) haben ihr Leib-und-Magen-Thema vollständige Ortsumfahrung im Programm, schlagen zudem „Kostenfreie Hopper-Fahrt ab 60 Jahren“ vor. Eine Seniorentagesstätte im Neubaugebiet Westring ist eine Diskussion wert. Eng dürfte es mit der Rückführung des Eigenbetriebs Stadtwerke unter das Dach der Stadt werden.

.  Die FDP setzt sich neben Familienförderung durch Beratungsstellen für die Ansiedlung eines vom Land Hessen geförderten Familienzentrums ein. Am Standort ehemalige Matthias-Grünewald-Grundschule soll eine mehrsprachige Kita- und Grundschule „Bildungshaus“ (Krippe, Kita und Grundschule) nach dem Prinzip der Erasmusschule in Offenbach das Schulangebot ergänzen.

Zudem: „Wir wollen einen S-Bahn Anschluss für Seligenstadt erreichen, denn ein Anschluss wird den Pendlerverkehr mit dem Kfz durch die Innenstadt massiv reduzieren, was vor allem der Umwelt und der Entlastung der Anwohner zugute kommt. Bis dieses Ziel erreicht ist, setzen wir uns weiterhin konsequent für eine Verbesserung der bestehenden Zugverbindung in die Region ein.“

.  Die Grünen gehen mit dem Slogan „Einhardsteg als Brückenalternative“ ins Rennen. Darüber hinaus leidet die Partei ein wenig an der Manageritis: Ein Gewerbeparkmanager soll kommen, eine zusätzlichen Stabsstelle Förderung und Finanzen wäre nett, und dann ist da noch der Klimaschutzmanager, einst beschlossen, aber nie umgesetzt. Die Förderung der Gewerbetreibenden in Form von Pachtzuschüssen anzudenken ist nach Grünen-Ansicht nicht verboten. Interessanter scheint da der Vorschlag eines großen, digitalen Seligenstädter Kaufhauses, in dem Kunden all die regionalen Waren finden. Originell, aber eine echte Nischennische: Flächen nutzen, die für eine konventionelle Bebauung nicht in Frage kommen, um den Bau von Tiny Homes zu ermöglichen.

Zudem wollen die Grünen Fußverkehr fördern. „Mit einer kommunalen Strategie wollen wir für mehr Sitzbänke, Wegweiser, kurze Wartezeiten an Ampeln sowie Fußgängerbrücken sorgen.“ Von einer Fußgängerzone in der Innenstadt werde der Einzelhandel profitieren. (Von Michael Hofmann)

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