Mehr als 100 Interessenten

Info-Abend zur Ausbildung an der Merianschule

Vor kurzem war Joshua Grassmann (20) selbst noch Merianschüler. Dieser Tage stellte er sich interessierten Jugendlichen als angehender Konstruktionsmechaniker vor.  (c)Foto: zrk
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Vor kurzem war Joshua Grassmann (20) selbst noch Merianschüler. Dieser Tage stellte er sich interessierten Jugendlichen als angehender Konstruktionsmechaniker vor.

Seligenstadt - Lieber Handwerker, Kauffrau oder Mechatroniker werden? Für ein Studium ist dann immer noch Zeit, und die Chancen werden sogar besser.

Diese Botschaft kam jetzt in der Seligenstädter Merianschule bei über 100 Schülern aus den Abschlussklassen und deren Eltern an. Ein neues Format in der Berufsorientierung startete mit großem Erfolg. Als Konrektorin Katja Jansen den Abend eröffnete, gab es in der Cafeteria kaum noch Stehplätze und erst recht keine freien Stühle mehr. Das Konzept, mit dem die Schulleitung die wöchentliche Berufsberatung an der Schule ergänzen will, hatte große Erwartungen erweckt. Neben berufenen Experten, die mit Vorträgen über Bildungswege und Berufsoptionen aufklärten, standen 14 ehemalige Merianschüler als Ansprechpartner zur Verfügung und berichteten in Kurzreferaten über ihre aktuelle Ausbildung.

„Ohne das Handwerk wäre ganz Deutschland ein riesiger Schreibtisch.“ Neben derart griffigen Formeln hatte Uwe Czupalla, Geschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, harte Fakten mitgebracht. Nur 600 der über 6500 Handwerksbetriebe im Kammerbezirk bilden nach seinen Worten aktuell aus. „Viele Firmen haben aufgegeben“, weiß Czupalla aus zahllosen Gesprächen mit Meistern und Inhabern über den Fachkräftemangel. Immer weniger junge Leute zeigten an diesem Berufsweg Interesse.

Thomas Süsser, Teamleiter für Bildungsberatung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, kennt das Problem auch aus dem Industrie-, Handels- und Dienstleistungsbereich: Nur noch 15 Prozent der Schulabgänger strebten eine duale Ausbildung an, fast alle übrigen wollten auf höhere Schulen oder ins Studium. Der Bedarf der Wirtschaft geht laut Süsser in die entgegengesetzte Richtung: Eine aktuelle Prognose sage für Stadt und Kreis Offenbach 2025 einen Mangel von 8000 beruflich Qualifizierten voraus, dagegen fehlten nur 1800 Akademiker.

Sowohl Czupalla als auch Süsser gaben sich alle Mühe, die klassische Berufsausbildung schmackhaft zu machen. Die duale Ausbildung in Deutschland sei weltweit sehr angesehen, so der IHK-Experte: „Damit kann man überall Fuß fassen.“ Im kaufmännischen Bereich entspreche eine Weiterbildung zum Fachwirt einem Bachelor-Abschluss, ein Betriebswirt sei einem Master gleichgestellt. Auch das Handwerk öffnet laut Uwe Czupalla Türen, die auf anderen Bildungswegen verschlossen bleiben: „Es ist der einzige Wirtschaftszweig mit einer Ausbildung zum Unternehmer“, betonte er. Mit rund 130 Berufen vom Bäcker oder Metzger über Mechatroniker, Maßschneider und Elektroniker bis hin zum spezialisierten Lichtreklamehersteller oder Hörgeräteakustiker sei auch für Vielfalt gesorgt.

Quer durch alle Wirtschaftsfelder können junge Menschen nach Worten von Gorda Novacic, als Berufsberater der Offenbacher Arbeitsagentur auch für die Merianschule zuständig, aktuell unter mehr als 350 Ausbildungsberufen wählen. Schülern wie Eltern rät er, frühzeitig über die Berufswahl zu sprechen und aktiv zu werden. Freiwillige Praktika machten sich in jedem Lebenslauf gut und seien hilfreich, eigene Neigungen und Fähigkeiten zu entdecken. Auch empfiehlt er Realismus und Flexibilität: Nicht jeder Berufswunsch könne in Erfüllung gehen. „Der Plan B sollte immer in der Schublade sein“, empfiehlt auch Uwe Czupalla.

Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt

Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt
Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt
Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt
Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt
Fotos zur Abschlussfeier an der Merianschule in Seligenstadt

Während ihre Eltern in der Cafeteria den Experten lauschten, kamen zahlreiche Schüler aus den Jahrgangsstufen acht, neun und zehn mit den jungen Auszubildenden ins Gespräch. In acht Klassenräumen erzählten angehende Kaufleute, Kranken- und Altenpflegekräfte, Hotelfachleute und Mechaniker vom Alltag im Betrieb und beantworteten viele Fragen. Um Zugangsvoraussetzungen und Bewerbungstipps ging es dabei ebenso wie um Ausbildungsvergütungen und praktische Aufgaben.

Merianschul-Lehrer Stephan Sommer war anschließend in Gesprächen mit seinen Schülern darum bemüht, das neu Erfahrene zu vertiefen. Wichtig sei vor allem, rechtzeitig Entscheidungen zu treffen, betonte der Pädagoge. Unentschlossenen Schülern rät er lieber zu einem freiwilligen sozialen Jahr als zu weiterem Schulbesuch: „Das bringt ein bisschen mehr Reife für die Persönlichkeit.“ (zrk)

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