Zeitgenössische Landschaftskunst im Alten Haus

Irdische Paradiese in Gefahr

Sabine Dächert, Ohne Titel (Ausschnitt)

In Zeiten globalen Klimawandels und großflächiger Naturzerstörung haben Künstler Verantwortung.

Seligenstadt – Das spüren Betrachter der gemalten, fotografierten, gezeichneten und collagierten Landschaftsbilder in der Galerie des Seligenstädter Kunstforums. Pilar Colino, Sabine Dächert, Manfred Pieck und Heinz Wallisch zeigen, was verloren zu gehen droht. Den Kuratorinnen Ruth Wahl und Nanette Kernstock ist es gelungen, romantische wie kritische Betrachtung zu einen.

Der in Wiesbaden wirkende, 1944 in Lodz geborene Manfred Pieck ist durch und durch (Neo-)Romantiker. Angeregt durch Landschaftserfahrungen, malt er auf Styrodur, Hartschaumkunststoff oder Holzplatten mit aufgespacheltem Fliesenkleber. Seine zeitlosen Gebirgslandschaften, Wasserfälle, Himmel und Weitblicke wirken wie geträumt. Auf der Suche nach Arkadien malt Pieck in einer Mischung aus impressionistischem und tonigem Farbauftrag, undurchsichtig oder transparent in feinen Lasuren. Dabei kratzt er in Malreliefs feine Spuren ein, zieht Schleier über Hochebenen und Täler, lässt Rinnsale im Unendlichen verlaufen. Der Betrachter fühlt sich versetzt in Landschaften Joseph von Eichendorffs, beseelte Stimmungsmalerei Caspar David Friedrichs. Pieck reißt ihn jedoch aus seinen Träumen, indem er Rechtecke zerbricht, Natur zum Fragment werden lässt. Menschen spart er aus bei „Die Entfernung von den Dingen“, „Von Fernen träumend“, „Versunken“ oder „Lichtrauschen“.

Näher an den Betrachter rückt der 1942 in Teplitz geborene Heinz Wallisch seine Reiseeindrücke aus Algerien, Italien oder Frankreich. Mit spitzer Radiernadel, mit dem Blick fürs Wesentliche erfasst er Details oder beunruhigende Veränderungen im von Hochspannungsmasten gespickten Rhein-Main-Gebiet. Auch er geht gegen das Verschwinden von Landschaft an, baut auf gediegene Radiertechnik inklusive Aquatinta, Strich- und Farbätzung. Für Frankreich- und Italien-Liebhaber, die zu Hause bleiben müssen, ist das ein Augentrost. Mit Sinn fürs Schöne, Heitere breitet der Künstler Traumlandschaften aus: Gebirgsketten der Pyrenäen, südliche Alleen, Lavendelfelder der Provence, Felsen der Bretagne, Gipfel der Alpillen, Zypressen bei St. Rémy – oder „Ein bisschen Ätna“. Schöner ist das gefährdete irdische Paradies kaum zu schildern.

Den Finger in offene Wunden des Fortschrittsglaubens legt die 1967 im spanischen Castellón geborene Bad Homburgerin Pilar Colino. Kombinierte Fotocollagen und Malereien sind hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht nach dem Schönen und Kritik an Zerstörung. Farb-Form-Konstruktionen wie „Wald“, „Urwald“, „Wolfsbauernhof“, „Independence Mine“ oder „Quo vadis“ erschließen sich nicht leicht. Durch die Natur zieht Colino Stränge, die Gewohntes verfremden, obwohl es Fotos von Grashalmen entsprungen ist. Ob Natur oder verlassene Orte, sie schärft den Blick. Räumliche Schichtung erreicht sie durch Hintereinandersetzen bemalter wie bedruckter Glasscheiben in Mixed-Media-Technik, die industriellen Umbruch ebenso ins Bild setzt wie wuchernde Urlandschaft.

Ohne Pinsel kommt die 1959 in Frankfurt geborene Sabine Dächert aus. Inspiriert von realen wie fantasierten Landschaften konstruiert sie mit Glas und Kunststoff transparente Gebilde, die sie im Licht ihrer Makrolinse fotografiert. Farbüberlagerung und Lichtbrechung erzeugen pittoreske, oft kristallklare Wirkungen. Dazu nutzt Dächert Verfahren wie Cyanotypie-Blaudruck auf lichtempfindlichem, farbigem Papier, um Wellen und Wolken festzuhalten. Oder sie kaschiert meisterlich und experimentierfreudig Fotos auf Aludibond-Platten, lässt Grenzen zwischen Malerei, Grafik und Fotokunst verschwinden. VON REINHOLD GRIES

Ausstellung: „LANDschaf(f)tKUNST“, 12. Juli bis 20. September, Galerie Kunstforum Altes Haus, Frankfurter Straße 9, Seligenstadt. Geöffnet Freitag/Samstag/Sonntag, 15 bis 18 Uhr, oder nach Vereinbarung: z 06182 924451

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