Hilfe bei der Bewältigung des Alltags

25 Jahre Lebensräume Seligenstadt: Angebot für psychisch Kranke präsentiert

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Wenn du nicht mehr kannst: Die Stiftung Lebensräume weiß Rat.

Heute feiert Lebensräume Seligenstadt Jubiläum. Das Angebot reicht von der psychosozialen Beratung über Betreutes Wohnen bis zu Tagesstätte und offener Angehörigengruppe.

Seligenstadt – Ihre ersten 25 Jahre feiert die Institution Lebensräume Seligenstadt am Mittwoch, 11. September, von 11 bis 16 Uhr. Interessenten können das freundlich gestaltete Haus am Trieler Ring 90 mit Begegnungs- und Therapieräumen sowie moderner Küche besichtigen, sich bei Mitarbeitern und Besuchern über die Arbeit für psychisch Erkrankte informieren. Christoph Wutz, Vorsitzender der Stiftung Lebensräume, eröffnet das Fest.

Das Angebot reicht von der psychosozialen Beratung über Betreutes Wohnen bis zu Tagesstätte und offener Angehörigengruppe. Aktuell begleiten sieben Mitarbeiter 60 Menschen im Alltag. Das Haus ist in Stadt und Kreis Offenbach vernetzt, pflegt gute Zusammenarbeit mit Ärzten, Behörden, Kliniken, Pflegediensten und anderen sozialen Einrichtungen der Stadt.

45-Jährigen zurück ins Leben geholt

Gerd Neumann (45, Namen aller Klienten geändert) steht Anfang Juni vor der Tür. Er gibt an, dass er kein Geld habe, sich nicht mehr zu helfen wisse und unter schweren Depressionen leide. Hausleiterin Daniela Braun erfährt in Beratungsgesprächen, dass Neumann bis zum Vorjahresende im Erwerbsleben stand, bis ihn eine psychische Erkrankung aus der Bahn warf. Er lässt seine Post unbearbeitet, verschleppt Termine, ist misstrauisch gegenüber Ämtern. Dennoch kommt er irgendwie ein halbes Jahr lang über die Runden – bis nichts mehr geht. Braun, Diplom-Sozialpädagogin, telefoniert mit Behörden, hilft beim Ausfüllen von Formularen, begleitet Neumann zu Terminen. „Dank der psychosozialen Beratung wurde Obdachlosigkeit verhindert und der mittellose Mann ins Leben zurückgeholt“, sagt sie.

Dorothea Lux-Dembinski, diplomierte Krankenschwester, berichtet, dass die offene Angehörigengruppe gut angenommen werde. Aktuell kommen acht Angehörige, darunter Martin Winter (70). Er findet dort Entlastung und Rat fürs Leben mit seiner schwer depressiven Ehefrau. „Ich bin so froh, dass ich euch habe“, sagt er. Die Angehörigen halten Kontakt und greifen einander unter die Arme, wenn sie allein nicht weiterwissen. Winter gönnt sich mittlerweile jährlich Urlaub.

Schutz und Halt bietet von Montag bis Freitag die Tagesstätte. „Die Rückzugstendenz bei schlechtem psychischem Zustand ist groß“, berichtet Braun. „Da ist es sehr wichtig, wenn die Menschen wissen, wo sie hingehen und Kontakt finden können.“

„Ich spüre, dass die Tagesstätte mir gut tut“

Stabilisierung fand Manfred Köhler. Der vor 25 Jahren erkrankte Mann besucht die Tagesstätte seit der ersten Stunde. Er wurde intensiv begleitet, als seine Eltern starben, bei denen er wohnte, und schafft es inzwischen, allein zu leben. „Er hat gelernt, sein Verhalten in Krankheitsphasen zu reflektieren“, erzählt Braun. „Er weiß um seine Auffälligkeit, auch, dass er anstrengend sein kann...“

Helene Lauer, 55, schätzt das Tagesangebot. „Ich spüre, dass die Tagesstätte mir gut tut.“ Die Seligenstädterin ist eine kluge Frau, in der Stadt integriert, im Vereinsleben aktiv. Auffällig ist ihr hoher Anspruch. „Ich musste immer stark sein“, erzählt sie, „bis ich schwer erkrankte.“ Die Frau hat in der Tagesstätte an der Hobelbank gelernt, mit Holz zu arbeiten, auch, dass sie mal schwach sein darf. Ihr ist es wichtig, einen Ort zu haben, „wo ich mich nicht ständig kontrollieren muss“. Auf dem Land sei die Sozialkontrolle sehr hoch. Sie spüre es an Blicken und Bemerkungen der Menschen.

Etwa 20 Leute besuchen regelmäßig die Tagesstätte. „Andere pflegen eine lose Bindung, kommen, wenn es ihnen schlecht geht“, erzählt die Leiterin. „Dann sind wir sofort für sie da.“ Eine große Hilfe ist für viele der aufsuchende Dienst Betreutes Wohnen. Etwa zwei Dutzend Menschen erfahren Unterstützung bei Einkäufen, werden zu Behörden- oder Arztterminen begleitet, lernen öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und die Wohnung in Ordnung zu halten.

Hilfe nach Stress bei Terminen im Job-Center

Nora Klinger, 57, räumt inzwischen selbst auf, wenn der wöchentliche Besuch von Lux-Dembinski ansteht. Sie bietet ihr Kaffee an, und wie nebenbei besprechen beide, was die nächste Woche zu erledigen ist. Die Einsamkeit seit dem Tod ihrer Mutter ist dabei stets ein Thema.

Karl Hofmann hat Stress bei Terminen im Job-Center. Er bekomme nichts mit, spüre, wie bereits vor dem Termin die Rollos runtergingen, erlebe jede Äußerung als gegen ihn gerichtet, erzählt Detlef Dinter. „Dabei ist sein Jobcoach ein netter Mann.“ Der Diplom-Pädagoge berichtet, dass Mitarbeiter von Behörden sehr dankbar für die Begleitung seien. 

mt

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