Kalamitäten im Stadtwald

Hessen-Forst-Planung: 85 000 Euro Defizit und Absatzprobleme

Seligenstädter Stadtwald: Lager gefüllt, Holzvermarktung stockt.
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Seligenstädter Stadtwald: Lager gefüllt, Holzvermarktung stockt.

Der arg in Mitleidenschaft gezogene Stadtwald bescherte Seligenstadt ein Rekorddefizit. Aus dem Waldwirtschaftsplan 2021, erstellt von Hessen-Forst Langen, geht hervor, dass bei geplanten Ausgaben von 185 300 und Einnahmen von 101 700 Euro ein Zuschuss in Höhe von 83 600 Euro fällig wird. Am Ende seines Berichts betont Forstamtsleiter Michael Löber, die Erstellung eines Waldwirtschaftsplans habe „noch nie unter derart unwägbaren Voraussetzungen“ gestanden.

Seligenstadt - Das negative Endergebnis des Waldwirtschaftsplans resultiert aus den Ereignissen der vergangenen beiden Jahren: extreme Trockenheit, Borkenkäfer- und Pilzbefall sowie Sturmschäden vom August 2019. Um die daraus entstandenen Abgänge zu kompensieren, sind über Jahre umfangreiche Aufforstungen erforderlich.

Bei der Verabschiedung des Waldwirtschaftsplans für den 802 Hektar großen Stadtwald blieben die Seligenstädter Kommunalpolitiker viele Jahre von bösen Überraschungen verschont. Die Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben ergab in der Regel ein schönes Zubrot: Die Jahre 2015 (plus 28 500 Euro), 2017 (27 500 Euro), 2018 (29 000 Euro) und zuletzt 2019 (37 000 Euro) lassen sich aufführen. Doch bereits für 2020 steht ein Minus von 22 000 Euro zu Buch, das sich im nächsten Jahr wohl fast vervierfacht.

Eine Reihe von Ursachen lassen sich aufzählen. Aus rein Seligenstädter Sicht steht der fatale Fallwind im August 2019 an erster Stelle, der verheerende Schäden angerichtet hat. Aber, und darauf verweist Löber, andere Faktoren tragen zum Defizit bei. So sei das „Holzmarktgeschehen der letzten beiden Jahre geprägt durch Kalamitäten – Trockenheit und Borkenkäfer“. Ein Holzmarkt in der gewohnten Form existiere derzeit europaweit nicht, so der Fachmann. Die Lager seien gefüllt, vor allem beim Nadelholz. Derzeit dürften in Hessen in allen Waldbesitzarten mehr als zwei Millionen Festmeter Nadelholz unvermarktet sein. Eine Entspannung sei nicht in Sicht, im Gegenteil: „Je nach Witterung dürfte sich die Situation noch verschärfen.“

Erschwerend kommt hinzu, dass die Folgen der Corona-Pandemie sich auf dem Holzmarkt niederschlagen: Der Export in Nicht-EU-Länder ist zum Erliegen gekommen, Ausfuhren in angrenzende EU-Länder sind weitgehend eingestellt. „Aktuell haben bereits einzelne Kunden den Einschnitt reduziert oder sogar komplett eingestellt. Die Abnahme von Liefermengen wurde im Idealfall geschoben, teilweise jedoch auch komplett storniert.“

Ferner verweist Löber darauf, dass die geplante Holzmenge nicht mehr von Hessen-Forst, sondern von der Holzverkaufsorganisation Darmstadt – Dieburg – Offenbach (HVO Da-Di-Of) vermarktet werde. Deshalb könne er die Einnahmen „nur mit vorsichtig geschätzten Werten planen“.

Auch der Stockkauf (Verkauf ungeschlagener Bäume), bisher ein funktionierender Absatz, gehe drastisch zurück, da die Kunden häufig ins EU-Ausland exportierten. Und die Preise für Nadelholz seien gegenüber der Vorsaison nochmals zurückgegangen, eine kostendeckende Holzernte über alle Sortimente hinweg mittlerweile nicht mehr möglich. Sinnvoll ist es nach Ansicht des Forstamtsleiters auf jeden Fall, in dieser Situation auf Frischholzeinschlag im Nadelwald weitgehend zu verzichten.

„Sollte es erneut so trocken und heiß werden wie in den vergangenen Jahren, ist vom Schlimmsten auszugehen“, so Löber. Letztlich sei unter den geschilderten Voraussetzungen „eine auch nur annähernd seriöse Planung für 2021 nicht möglich“. Die Stadtverordneten nahmen seinen Bericht zur Kenntnis – ohne Diskussion.

Von Michael Hofmann

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