Aus der Buchhaltung ins ICE-Cockpit

Klein-Welzheimerin hat mit Ende 50 den Lokführerschein bestanden

Stolze ICE-Führerin: Monika Geissler hat alle Prüfungen bestanden.
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Stolze ICE-Führerin: Monika Geissler hat alle Prüfungen bestanden.

Es ist eine Zeitungsanzeige, die das Leben von Monika Geissler aus dem Seligenstädter Stadtteil Klein-Welzheim vor knapp zwei Jahren um 180 Grad dreht. Die damals 56-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt Buchhalterin in einem mittelständischen Unternehmen – hat dort einen Job, in dem sie sich wohlfühlt. Doch dann liest sie an einem Augustwochenende 2019 eine Anzeige, in der Lokführer gesucht werden.

Seligenstadt – „Ich dachte sofort: Boah, wie schön! Auch wenn ich zuerst gar nicht an mich gedacht habe“, sagt sie. „Aber dann ging mir das nicht mehr aus dem Kopf.“ Monika Geissler recherchiert im Internet und entdeckt, dass es bei der Deutschen Bahn auch eine Ausbildung zur Lokführerin für Quereinsteiger gibt. Spontan schickt sie Bewerbungsunterlagen los, rechnet sich aber keine Chancen aus. „Ich hätte nie gedacht, dass das was wird – wegen meines Alters“, sagt sie.

Und während ihre Familie am darauffolgenden Wochenende mit den Mountainbikes loszieht, schaut die Klein-Welzheimerin bei der Infotour ihres potenziellen neuen Arbeitgebers in Frankfurt vorbei. „Meine Familie hat gedacht, ich hätte was am Sträußchen. Keiner hat mich ernst genommen“, sagt die heute 58-Jährige. „Ich habe ja auch vorher nie gesagt, dass ich Lokführerin werden will.“ Doch in den Gesprächen vor Ort überzeugt Monika Geissler. „Am Ende des Tages hatte ich plötzlich die 50-prozentige Zusage für die Ausbildung. Zuhause hat mir das natürlich niemand geglaubt.“ Dann geht es Schlag auf Schlag: Ende September wird die Zweifach-Mama beim Bewerbertag auf Herz und Nieren getestet. Gespräche mit einem Psychologen stehen ebenso wie ein Reaktionstest, ein EKG und ein Bluttest auf dem sechsstündigen Programm. „Das war schon hart“, sagt sie. „Und das haben alle Teilnehmer gesagt – egal ob jung oder alt.“

Aber es hat sich gelohnt. Am 1. Februar des vergangenen Jahres startet Monika Geissler als einzige Frau zusammen mit fünf Männern die Ausbildung. Anfangs gibt es noch Präsenzunterricht – mit Beginn der Corona-Pandemie geht’s dann auch für sie ins Homeoffice. Hier heißt es Gesetze und Elektrotechnik lernen. Vor allem vor letzterem habe sie großen Respekt gehabt, sagt sie. „Aber es ist wichtig, die Technik zu verstehen, damit wir im Störungsfall reagieren können. Ich kann die Witze nicht mehr hören, dass wir nur Gas geben und bremsen.“ Irgendwann ist sogar die Küche mit Signalen zugepflastert. „Deshalb habe ich von Corona auch gar nicht so viel mitbekommen, weil ich wirklich dauernd gelernt habe, auch am Wochenende.“

Knapp ein Jahr später wird es ernst: Im Januar dieses Jahres findet zuerst die schriftliche, dann die praktische Prüfung, eine Testfahrt, statt. „Da war ich so aufgeregt – das ändert sich nicht, egal wie alt man ist“, sagt sie. „Auch weil die Prüfung richtig knackig war.“

Jetzt darf Monika Geissler sich offiziell als „Triebfahrzeugführerin“ bezeichnen – hat aber noch einiges zu tun. „Ich lerne gerade weitere ICE-Baureihen dazu, um nicht nur mein Prüfungsmodell fahren zu dürfen.“ Außerdem braucht sie weitere Streckenkenntnisse, um irgendwann auch Züge auf anderen Routen im Fernverkehr steuern zu dürfen.

Stolz, die Ausbildung durchgezogen zu haben, ist sie jedenfalls: „Es fängt bei uns ja erst langsam an, dass auch älteren Menschen neue Jobmöglichkeiten eröffnet werden. Davor habe ich mich viel um die Kinder gekümmert. Deshalb war das jetzt schon genau der richtige Zeitpunkt für mich, das zu machen. Und die Verantwortung in dem Beruf hat mich unheimlich gereizt – genauso wie dieses Freiheitsgefühl auf der Schiene.“

Inzwischen glauben auch Freunde und Familie, dass es ihr ernst ist. „Vor allem die Freunde meiner Söhne finden das ziemlich cool“, sagt sie. „Ich freue mich jetzt aber erstmal auf die Zeit, wenn das Lernen vorbei ist und es endlich richtig los geht!“ (Von Julia Oppenländer)

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