Zur Frankfurter Buchmesse

Kommentar: Literarische Katerstimmung

Die Champagnerlaune auf der Frankfurter Buchmesse hält sich dieses Jahr in Grenzen: Der Branche geht’s nicht gut. Verlage kämpfen mit sinkendem Umsatz – oder sogar ums Überleben, immer weniger Menschen nehmen noch ein Buch in die Hand, auch E-Books helfen da wenig. Von Lisa Berins 

Lesen ist anscheinend so sexy wie das Tragen alter Tennissocken. Einige Verlage, darunter Rowohlt und S. Fischer, haben nun sogar ihre Partys auf der Messe abgesagt. Literarische Katerstimmung! Wie konnte es zu einem solchen Abstieg des Buches kommen? Haben wir wirklich keine Zeit mehr zum Lesen, eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne durch ständiges Handygedaddel, oder, schlimmer: einfach keine Lust mehr, uns länger mit Problemen, Fragen und Meinungen von Schriftstellern, Intellektuellen, Nonkonformisten auseinanderzusetzen? Eine einfache Antwort gibt es ganz sicher auch auf der Buchmesse nicht. Was paradox erscheinen mag: Trotz der aussterbenden Leserschaft strömen die Besuchermengen in die Frankfurter Messehallen. Als Massen-Event verpackt, ist Literatur dann doch wieder okay.

Ein weiteres Problem, mit dem sich Veranstalter und Verlage herumschlagen, ist die Reaktion auf die politische Spaltung der Gesellschaft. Was soll, darf oder muss veröffentlicht, welche Verlage als Aussteller zugelassen werden, soll es überhaupt ein Ausstellerverbot geben? Die Organisatoren haben darauf mit einem klaren Nein geantwortet, versprechen aber ein besseres Sicherheitskonzept. Nach dem Gerangel am Stand des rechtspopulistischen Antaios-Verlags im vergangenen Jahr sollen die Problemverlage nun in einer Ecke der Halle untergebracht werden – angemeldet hätten sich aber ohnehin nur zwei.

Impressionen zur Buchmesse 2017 in Frankfurt

Trotz der Schwarzmalerei wird die Buchmesse dennoch ein Erfolg werden. Der Grund ist die Entdeckung einer literarischen Festtafel: Kaum einer kannte Georgiens Literatur bisher, gerade ein paar Dutzend Bücher wurden vor der Gastlandeinladung ins Deutsche übersetzt. Jetzt sind es auf einen Schlag 150. Es sind Betrachtungen aus einem hin- und hergerissenen Land, für unsere westliche Sicht ganz ungewöhnliche Erzählungen: Folklore, Postsozialismus, die Nähe zum Orient, der Aufbruchswille der jüngeren Generation.

Was aber hilft nun gegen die Katerstimmung? Nach georgischem Brauch: Chaschi, eine starke Brühe aus Pansen und Knoblauch. Aus meiner Sicht: Zeit finden, sich einen dicken Wälzer vornehmen und lesen.

Rubriklistenbild: © op-online

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