Vier Kandidatinnen machen anderen Frauen Mut, sich in die Politik zu wagen

Kommunalwahl im Ostkreis: Diese Frauen kandidieren auf vorderen Listenplätzen

Fertig zur Stimmenabgabe: Die Listen für die Kommunalwahl sind nun zugelassen. 
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Auf den Listen zur Kommunalwahl stehen, mit ein paar Ausnahmen, nach wie vor mehr Männer als Frauen.

Bloß keine falsche Scheu vor der Männerdomäne: Vier Frauen, die auf vorderen Listenplätzen zur Kommunalwahl im Ostkreis antreten, berichten von ihrem politischen Werdegang und machen anderen Frauen Mut, scham- und angstfrei für eigene Interessen einzustehen.

Ostkreis – „Noch nie so jung und so weiblich“, „gleichberechtigte Aufstellung“, „50 Prozent Frauen auf den vorderen Plätzen“ – mit diesen Losungen haben etwa SPD, Bündnisgrüne und UWG im Ostkreis ihre Kandidatenlisten zur Kommunalwahl am 14. März vorgestellt. Die Betonung zeigt: Nach wie vor ist es eine Besonderheit, wenn genauso viele Frauen wie Männer für ein politisches Amt kandidieren.

Woran liegt das, und was motiviert die Frauen, die die Gleichstellung in der Männerdomäne Politik tragen? Wir haben vier Kandidatinnen befragt, die auf den vorderen Listenplätzen rangieren. Sie alle eint langjähriges ehrenamtliches Engagement und der Wunsch, in der Heimat etwas zu bewegen.

Dass es dabei um Themen geht, die für den eigenen Alltag eine tragende Rolle spielen, liegt in der Natur der Sache: „Betreuung von Kindern sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden vor allem von Frauen eingebracht“, sagt Nicole Fuchs, die nach Erstem Stadtrat Michael Gerheim den zweiten Listenplatz für die SPD Seligenstadt belegt. Es sind Themen, die der Fremdsprachenkorrespondentin neben dem gerechten Zugang zu Bildung selbst am Herzen liegen, da sie für die Gleichberechtigung der Frau unabdingbar sind. „Vor allem Frauen achten auf die Durchsetzung der Frauenquote und kritisieren häufig, dass sie nicht eingehalten wird“, ergänzt die 37-Jährige und berichtet von der Geschlechterquote der SPD, die dafür sorgt, dass immer abwechselnd eine Frau und ein Mann auf der Liste stehen.

Nicole Fuchs, SPD Seligenstadt

Ihre parteipolitische Arbeit musste Felicitas Mohler-Kaczor durch die Geburten ihrer drei Kinder vorübergehend ruhen lassen. Doch nun will die Diplom-Juristin ihre Kenntnisse und Erfahrungen wieder nutzen. Mohler-Kaczor tritt für die SPD Mainhausen auf Listenplatz zwei zur Kommunalwahl an, mit Annekathrin Uecker und ihr sind auf den ersten vier Plätzen zwei Mütter kleiner Kinder vertreten. Bei der Mitgliederversammlung im vergangenen Sommer wurde für eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent gestimmt.

„Als ich mein Interesse bekundet habe, habe ich von allen Seiten Unterstützung bekommen. Man war begeistert darüber, dass ich als ‚junge Frau und Mutter‘ andere Sichtweisen und Ideen einbringen kann“, sagt Mohler-Kaczor, die überzeugt ist: Probleme wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf können nur gelöst werden, wenn Betroffene sich an der politischen Diskussion beteiligen.

Mohler-Kaczors Familie musste selbst auf einen Betreuungsplatz warten. „Dies führte dazu, dass ich meine Elternzeit verlängern musste. In meinem privaten Umfeld habe ich erlebt, dass dies keine Seltenheit ist. Frauen benötigen aber verlässliche Zusagen, um die Rückkehr in den Beruf planen zu können.“ Stellschrauben könnten hier eine bessere Entlohnung des Erzieherberufs, der Ausbau von Tagesmütter und -väterstellen sowie eine Aufteilung der begehrten Nachmittagsplätze unter mehreren Familien sein, schlägt Mohler-Kaczor vor. Dass ihr Mann ihr auch bei zeitintensiven Projekten den Rücken frei hält, „sollte selbstverständlich sein“.

Felicitas Mohler-Kaczor, SPD Mainhausen

Ein generelles Desinteresse an politischen Themen hat Mohler-Kaczor bei Frauen in ihrem Umfeld nicht beobachten können. Im Gegenteil: „Frauen sind in vielen Bereichen sozial engagiert, in Elternbeiräten, Sportvereinen, im Umweltschutz. Das gesellschaftliche Miteinander sähe anders aus, würden Frauen sich nicht einbringen“. Fehlt nur noch der Schritt in die institutionalisierte Politik, der etwa mit einer Mitgliedschaft in einer Partei getan wäre.

Doch die SPD-Kandidatin hat Hoffnung für die Zukunft. Gerade in den vergangenen Jahren sei ein gesellschaftlicher Wandel eingetreten. „Es gibt eine junge Generation, die durch und durch politisch ist. Ich bin voller Zuversicht, dass ihr Interesse an Umweltschutz und Chancengleichheit bleibt und sich auch in den politischen Gremien fortsetzen wird“, sagt sie.

Nicole Kirchner, Studentin der Chemie im fünften Semester an der TU Darmstadt, tritt erstmals bei einer Kommunalwahl in Seligenstadt an, und zwar für die Linken. Ein Blick auf deren Liste zeigt: Über 50 Prozent der Kandidaten sind jünger als 25 Jahre. Das politische Engagement der jungen Generation beschränke sich aber nicht nur auf parlamentarische Partizipationsformen, sondern weite sich auch auf Bewegungen wie Fridays for Future und Black Lives Matter aus, sagt Nicole Kirchner.

Nicole Kirchner, Die Linke / Ostkreis

Die politische Landschaft Seligenstadts konnte die Kandidatin der Linken von 2017 bis 2020 durch ihre Arbeit im Sprecherteam des Jugendbeirats kennenlernen, doch das Fazit fiel ernüchternd aus: Keiner der etablierten Parteien wollte sie sich anschließen. „Ich war vor allem davon enttäuscht, dass es im politischen Diskurs allzu oft mehr um ‚Parteiengeklüngel‘ ging als um die besprochenen Themen.“

Die Gründung eines neuen, stark basisdemokratischen Ortsverbands der Linken im Jahr 2019 sei eine großartige Chance gewesen: „So können wir ohne den Ballast vergangener Partei-Fehden eine konstruktive themenorientierte Politik verfolgen“. Ihr Fokus liegt auf den Interessen junger Menschen, deren Sprachrohr sie sein möchte, sowie auf Sozialpolitik. Beides sieht sie stark vernachlässigt. Seligenstadt, so ihr Plädoyer, sollte für jeden Menschen eine offene Stadt sein, unabhängig von Einkommen oder Herkunft. Sie möchte sich zudem dafür einsetzen, „dass das Klimaschutzkonzept Seligenstadts von 2013 endlich umgesetzt wird“.

Für ihr Engagement erhält Nicole Kirchner viel Zuspruch von Freunden und Familie. Doch auch Fragen wie „Bist du dir sicher, dass du überhaupt etwas verändern kannst?“ hat sie schon gehört, lässt sich davon aber nicht entmutigen. Sie will Politik nahe am Bürgerwillen machen.

Adeline Krammig, die für die CDU Hainburg hinter drei Männern auf dem vierten Listenplatz antritt, weiß: „Gerade auf kommunaler Ebene muss man lernen, Geduld zu haben. Oft ist der Kreis oder Regionalverband beteiligt, Pläne müssen ausgelegt und besprochen werden, Investoren planen um, Rahmenbedingungen verändern sich.“

Adeline Krammig, CDU Hainburg

Über das Thema „Kann ich das als Frau?“ habe sie sich nie Gedanken gemacht, sagt Krammig, die aus einer in Vereinen und Verbänden ehrenamtlich stark engagierten Familie kommt. Weibliche Vorbilder ebneten den Weg, Mutter und Tanten waren, ebenso wie Krammig, in der Einsatzabteilung der Feuerwehr Klein-Krotzenburg tätig. Beruflich ist sie mittlerweile Sachgebietsleiterin im Bürgerbüro der Stadt Offenbach, Gesetze und Verordnungen gehören dort zum Alltag.

„Die Erfahrung kommt mit dem Machen“, bestärkt sie alle, die Interesse an einem politischen Amt haben, und reiht sich damit in die O-Töne der anderen Kandidatinnen ein. „Es ist wichtig, dass mehr Frauen in die Politik gehen und ihre Sichtweisen darstellen. Junge Kolleginnen müssen keine Angst davor haben, dass es mehr Männer in der Kommunalpolitik gibt – nur dadurch, dass sie sich engagieren, kann ein Wandel gelingen“, sagt Nicole Fuchs, die sich für eine gezielte Förderung von Frauen in allen Parteien ausspricht. Ihre Parteikollegin Mohler-Kaczor ergänzt: „Frauen sollten sich nicht schämen, lauter für die Punkte einzutreten, die ihnen wichtig sind.“

Die vier Kandidatinnen im Kurzporträt

Nicole Fuchs (SPD Seligenstadt) ist seit elf Jahren Stadtverordnete in Seligenstadt, seit 2018 stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin und seit 2019 Fraktionsvorsitzende, startete bei den Jusos in Kreis und Seligenstadt. Seit 15 Jahren ist die 37-Jährige im Ortsverein der SPD Seligenstadt aktiv, daneben ehrenamtlich im Tierschutzverein Seligenstadt engagiert. Umweltschutz gehört daher auch zu den Themen, die sie in Seligenstadt stärker im Fokus sehen möchte.

Seit 18 Jahren ist die 37-jährige Felicitas Mohler-Kaczor (SPD Mainhausen) SPD-Mitglied. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Praktikum beim SPD-Bezirk Hessen-Süd und arbeitete später als studentische Hilfskraft im Wahlkreisbüro Dietzenbach für die Bundestagsabgeordneten Erika Ober und Uta Zapf. Seit zehn Jahren ist sie Vorstandsmitglied im Verein „pro interplast“ Seligenstadt, der medizinische und soziale Hilfe in Entwicklungsländern finanziert.

Die 20-jährige Nicole Kirchner (Linke/Ostkreis) ist seit 2019 Mitglied der Linken, die erstmals bei einer Kommunalwahl in Seligenstadt antritt – mit Nicole Kirchner als Spitzenkandidatin. „Junge Menschen müssen nicht mehr für Politik begeistert werden, wir sind eine politische Generation“, sagt sie. Drei Jahre lang war die Studentin als Sprecherin im Seligenstädter Jugendbeirat tätig, zudem ist sie Teil des Organisationsteams von Fridays for Future Seligenstadt.

Nach Ämtern in der Jungen Union (JU) Hainburg und im Kreisvorstand der JU zog die 38-jährige Adeline Krammig (CDU Hainburg) 2016 in die Gemeindevertretung ein. Ein Generationswechsel in den vergangenen fünf Jahren hatte auch Auswirkungen auf ihren politischen Werdegang, mittlerweile ist sie Vorsitzende des Haupt- und Finanzausschusses, in der Fraktion zudem Geschäftsführerin und eine der beiden stellvertretenden Vorsitzenden.

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