Interview

Chefarzt über Aussichten im Kampf gegen Corona-Pandemie: Konsequentes Impfen maßgeblich

Dr. Nikos Stergiou
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Dr. Nikos Stergiou

Dr. Nikos Stergiou gehörte vor einem Jahr zu den Corona-Kranken der ersten Welle. Wie er nach einem Jahr die Pandemie sieht und wie er glaubt, dass wir aus ihr herausfinden, erläutert der Chefarzt der Inneren Medizin an der Seligenstädter Asklepios-Klinik im Interview. Die Fragen stellte Oliver Signus.

Sie waren vor knapp einem Jahr an Covid-19 erkrankt. Wie sieht es mit Ihrer Immunität aus?

Ja, vor einem Jahr war ich erkrankt und hatte vorübergehend erhebliche Symptome, die mich körperlich stärker einschränkten, als mir zuzugeben ich bereit war. Als Freizeitsportler habe ich dies bei der Belastbarkeit gespürt, aber durch konsequentes Training ist meine Leistungsfähigkeit wieder hergestellt. Zehn Monate nach der Erkrankung wurde ich dann auch geimpft, hatte kaum Nebenwirkungen und denke, dass es um meine Immunität durch überstandene Erkrankung und Impfung bestens bestellt ist.

Wie war die Situation in der Seligenstädter Klinik?

Die Asklepios-Klinik war und ist voll in die Versorgung von Corona-Patienten eingebunden, mitunter kamen wir auch an die Belastungsgrenze, die Intensivbettenkapazität war nahezu erschöpft. Bis die Impfung unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Sicherheit brachte, war auch immer mal wieder pandemiebedingter Personalausfall zu beklagen. Bedrohliche Versorgungsengpässe für die Bevölkerung konnten aber bislang vermieden werden, nicht zuletzt aufgrund der guten Kooperation mit unserer Partnerklinik in Langen und der Uniklinik Frankfurt. Das zurückliegende erste Jahr der Pandemie haben wir für unsere Klinik ausgewertet: Wir hatten knapp 300 an Corona erkrankte Patienten, nahezu das Doppelte an Verdachtsfällen und über 50 auf der Intensivstation bzw. an der Überwachung. Wir hatten auch Tote zu beklagen, überwiegend aus der Altersgruppe der über 80-Jährigen. Dennoch gab es auch junge Menschen, die die Erkrankung nicht schadlos überstanden, oder sogar aufgrund von Begleiterkrankungen an oder mit Covid verstarben. Nun stehen wir mitten in der dritten Welle und sehen das an den mit Covid-Patienten belegten Betten in unserer Covid-Station und auch auf der Intensivstation. Wir erwarten jetzt, dass wir unsere Kapazitäten ausweiten müssen, wenn der Trend über die Feiertage anhält.

Corona-Pandemie: Chefarzt über Impfstoff Astrazeneca und Inzidenzwert

Das Verfahren für die Zulassung der Impfstoffe wurde extrem verkürzt, an Kritik daran mangelt es nicht, vor allem an Astrazeneca, wie schätzen Sie die Qualität ein?

Besondere Situationen erfordern außergewöhnliche Vorgehensweisen. Ein verkürztes Zulassungsverfahren für Impfstoffe in Krisensituationen muss nicht zwangsweise mit einer verminderten Qualität der zugelassenen Präparate einhergehen. Der Impfstoff von Astrazeneca war nach allem, was mir bekannt ist, sowohl rein statistisch als auch mit Blick auf die Fachinformation hoch potent, nebenwirkungsarm und für die Überwindung der Pandemie in allen gesellschaftlichen Lagen als ein maßgeblicher Stützpfeiler gedacht. Nun ist es so, dass die Überwachungen ergaben, dass der Einsatz auf bestimmte Personenkreise beschränkt sein soll, was es umzusetzen gilt. Dies ist aus meiner Sicht ein seriöses Vorgehen.

Stichwort Inzidenz: Es ist der Wert, der unser Leben bestimmt, seit er den R-Wert ersetzt hat. Ist diese Methode Ihrer Ansicht nach seriös?

Inzidenz und R-Wert sind Versuche, die Dynamik der Pandemie in messbare Zahlen zu kleiden. Hier sollten wir uns auf Statistiken und Epidemiologen verlassen, die den Einsatz z. B. des Inzidenzwertes für sinnvoll erachten. Es ist letztendlich ein Modell, die in Deutschland zur Verfügung stehenden medizinischen Versorgungsmöglichkeiten in Relation zur steigenden Erkrankungsrate zu setzen, um das Gesundheitswesen handlungsfähig zu lassen und damit die Patientenversorgung sicherzustellen. Dass sämtliche mathematischen Rechenmodelle störanfällig sind, wissen wir auch. Für uns vor Ort zählen vor allem die Intensivkapazitäten zur Behandlung schwerer Erkrankungsverläufe. Hier müssen wir wachsam sein und tagesaktuell Meldung machen.

Arzt der Seligenstädter Asklepios-Klinik im Interview: Disziplin und Vernunftbasiertes Handeln wichtig

Zurzeit steigt die Inzidenz wieder massiv. Es wird aber auch wieder mehr getestet. Sind Lockdowns überhaupt das richtige Mittel?

In einer Demokratie erwarte ich von der Legislative Entscheidungen auf der Basis einer umfassenden Information, die sich die politischen Amtsträger von Experten einholen. Dieses Wissen der Spezialisten sollte in einen Entscheidungsprozess einfließen, aus dem eine möglichst viele Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu beachtende Vorgehensweise entsteht. Da ich glaube, dass zu viele Experten ihre Sicht medienwirksam platzieren und damit für Verunsicherung sorgen, nur soviel: Eine Einschränkung des sozialen Lebens und des zwischenmenschlichen Kontaktes per Verordnung ist eine Möglichkeit, um nicht mit einem Anstieg der Infektionen und einem damit einhergehenden Risiko unzureichender Intensivbettenkapazitäten konfrontiert zu werden, das ist die größte Sorge aus medizinischer Sicht. Vernunftbasiertes Handeln jedes Einzelnen wäre eine Alternative. Aber leider zeigt sich immer wieder, dass die Bereitschaft/Einsicht dazu nicht bei jedem gegeben ist.

Von den Testwerten hängt für unser ganzes Land viel ab. Was halten Sie von den Selbsttests? Ist es sinnvoll, dass sich künftig jeder selbst testet, auch wenn er keine Symptome einer Erkrankung aufweist?

Selbsttests, gut angewendet und ehrlich mit dem Ergebnis umgegangen, sind ein Stützpfeiler zur Rückkehr in ein mehr oder minder normales Leben. Medizinische Testverfahren in Krankenhäusern, Testzentren sowie in Arztpraxen, durchgeführt von geschultem Personal, ein weiterer. Maßgeblich wird aber neben den Basismaßnahmen das konsequente Impfen sein, das uns aus der Krise führt. Das alles muss zu einer sinnvollen Strategie zusammengeführt werden und diese Strategie wiederum zu einer permanenten Überprüfung durch die Institutionen wie zum Beispiel das Robert-Koch-Institut. Dies erfordert von allen Disziplin, und genau diese Disziplin können wir leider nicht von allen Menschen erwarten, das sehen wir täglich.

Chefarzt über Corona-Lage: „Der Staat muss zuerst die Schwachen schützen“

Impfen, Selbsttests, aber kein Ende von Abstand halten, Maskenpflicht, Hygiene, Reise- und Besuchsverbote. Wie schätzen Sie unsere Zukunft ein?

Ich glaube, dass wir nach der dritten Welle, in der wir uns bereits befinden, durch konsequentes Impfen der Bevölkerung zu einer Normalität finden werden, allerdings stehen zwischenzeitlich gesellschaftliche Phänomene noch im Weg: Da gibt es Neid im Zusammenhang mit in Aussicht gestellten Lockerungen der Beschränkungen für Geimpfte oder für Personen, die die Krankheit überstanden haben; und eine geforderte, meines Erachtens falsche Solidarität, die immer wieder zu Einschränkungen führt. Warum sollten Geimpfte mit negativem Schnelltest und FFP-2-Maske nicht zu kulturellen Veranstaltungen gehen können oder (zunächst innerdeutsch) verreisen können, um das gesellschaftliche Leben wieder anzukurbeln? Dann diese Fehlinformationen zweifelhaften Ursprungs oder fehlinterpretierte Überinformationen mit schwer verständlichem Spezialwissen und diese unerträgliche, weil kontraproduktive und egoistische wirtschaftliche und politische Schläue Einzelner, gepaart mit einer, nennen wir es einmal „Verantwortungsdiffusion“. Das muss aus dem Weg geräumt werden, um einer ehrlichen und von offener Kommunikation geprägten und vertrauenswürdigen Pragmatik wieder Raum zu geben. Der Staat muss zuerst die Schwachen schützen, die dies nicht selbst können, und auf diese Phase folgt ein innerhalb der gesetzlichen Vorgaben zunehmend eigenverantwortliches Handeln der anderen. Staatsdiener müssen hierbei uneigennützig, ohne Taktieren handeln und wir als Gesellschaft gleichfalls wahrhaft solidarisch und gesetzeskonform aber auch mündig agieren.

Die Menschheit hat bislang alle Viren überlebt, droht sie nun an einem einzigen Virus zu scheitern?

Die Menschheit wird an diesem Virus nicht scheitern. Sie wird nur an die Grenzen gebracht. Es wird Zeit, sich neue Gedanken zu machen, sich mit Sozialverhalten, Gesellschaftsstrukturen und Erziehung auseinanderzusetzen. Nicht am Virus scheitern wir. Wenn, dann scheitern wir an uns selbst.

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