Saxophonist Branford Marsalis in Seligenstadt

Koryphäe an der „Dorfschule“

Seligenstadt - Branford Marsalis war da. Der weltberühmte Saxophonist trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein, fesselte Workshop-Teilnehmer mit handwerklichen Tipps und unterhielt mit musikalischen Einlagen sowie kurzweiligen Geschichten aus seinem reichen Erfahrungsschatz. Von Sabine Müller

 Ein außergewöhnliches Lehrstück in Sachen Musik an einer „Dorfschule“ – für manchen Nachwuchskünstler vielleicht wegweisend. Für ambitionierte Saxophonisten in der Region begann das neue Jahr mit einem Paukenschlag: Branford Marsalis, einer der vielseitigsten seiner Zunft, jüngst gekürter ECHO Jazz-Preisträger 2015, gestaltete einen Workshop in Seligenstadt. Er ist derzeit auf Deutschland-Tournee, kam von Kassel und hatte am Mittwoch sein nächstes Konzert in Stuttgart. In Frankfurt hatte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zwei Kurse für Masterclasses dazwischen geschoben, geduldig eingefädelt vom dortigen Dozenten, Musiker und stellvertretenden Leiter der Seligenstädter Musikschule, Stefan Weilmünster.

Dass Branford Marsalis aber auch an eine „Dorfschule“ kommt, „das gab’s noch nie“, sagt dieser stolz. Die finanzielle Unterstützung der Stadt sowie weitere Sponsoren machten es möglich. Doch offensichtlich lockte nicht nur die Gage: Der Überflieger zeigte Bodenhaftung und fühlte sich im St.-Josefshaus so wohl, dass er die veranschlagten drei Stunden sogar überzog. Mehr als 140 Teilnehmer drängen sich am Dienstagabend im Jakobsaal. Die Veranstalter hatten Wartelisten geführt und eine Vorauswahl getroffen: Sechs Musiker dürfen aktiv mit dem US-Star, der schon mit Sting und Tina Turner gespielt hat, an Standards oder eigenen Stücken arbeiten.

In legerem Outfit hat er es sich auf seinem Stuhl bequem gemacht, wippt bei den Vorträgen mit Fuß oder Oberkörper im Takt. Von Anfang an ist er ohne Allüren und sucht den Diskurs mit dem Publikum. Das hilft den Solisten, nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Klar, manche sind nervös. „Musst du nicht sein“, sagt Marsalis locker, hört sich nach dem Vortrag an, was der Interpret auf dem Herzen hat und gibt Tipps zu Fingersatz, Tempo, Melodieführung. Hebt die Brauen, wenn ihm etwas missfällt, beide Daumen nach oben, wenn er zufrieden ist. Wer hinterher mit einem Händedruck des Meisters verabschiedet wird, wäscht sich wahrscheinlich nie mehr.

Als Marsalis hört, dass der Musikschüler aus Offenbach zarte 13 ist, mimt er spaßeshalber den Zusammenbruch: So weit sei er selbst in diesem Alter noch nicht gewesen – dabei debütierte er mit 23 auf einem Album der amerikanischen Jazz-Legende Miles Davis. Einige sind so keck, ihn zum Zusammenspiel einzuladen, freuen sich, wenn der Meister tatsächlich zum Instrument greift.

Stefan Weilmünster hat den Akteuren mit Pianist Andrej Likhanov, Andreas Manns (Bass) und Robert Strobel (Schlagzeug) eine professionelle Rhythmusgruppe an die Seite gestellt. Sein 15-jähriger Zögling Viktor Fox aus Seligenstadt, der vergangenes Jahr den Bundeswettbewerb „Jugend jazzt“ gewann, hat sein eigenes Trio mitgebracht. Vor allem bei den Schüsselsätzen spitzt die Fangemeinde des 55-Jährigen die Ohren. Er erlebe oft, dass die Programme der Profis immer komplexer werden, berichtet der Musiker, fragt: „Für wen willst du eigentlich spielen?“ Sein Ziel sei, nicht die Fachwelt zu beeindrucken, sondern das Gros des Publikums gut zu unterhalten. Genreübergreifendes Denken ist Marsalis wichtig. So beweist er anhand eines mitgebrachten Klangbeispiels, dass in einem bedeutenden Jazzstandard von John Coltrain aus den späten 50ern die Sequenz eines klassischen Stückes auftaucht, das schon 30 Jahre zuvor entstanden ist.

Überhaupt: Wann hat man schon mal die Chance, Anekdoten eines Weltstars, der sie alle kennt – „Train“, „Elvin“ (Jones), „Dizzy“ (Gillespie) – aus direkter Nähe zu lauschen? Das werde auch seinen Schülern, die teilweise erst zehn Jahre alt sind und wenig amerikanisches Englisch verstehen, in Erinnerung bleiben, glaubt Stefan Weilmünster – vielleicht sogar deren musikalischen Ehrgeiz anspornen.

Rubriklistenbild: © paw

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