Gefährliche Krötenwanderung

Plump, glubschäugig, voller Warzen

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Ehrenamtliche NABU-Mitglieder graust es vor nix: Sie haben 956 Amphibien über die Straße getragen, bevor sie der Verkehr zur Strecke bringt.

Seligenstadt/Mainhausen - April April, macht, was er will. Donnerstagnacht will er, dass die Kröten zum Zuge kommen. Um 22 Uhr schüttet es wie aus Kübeln. Da jagt man keinen Hund vor die Tür. Von Sabine Müller

Die nachtaktiven Amphibien dagegen lieben einen Spaziergang im zwölf Grad warmen Regen, wissen die Mitglieder der NABU-Gruppe Seligenstadt/Mainhausen.

Hartmut Müller hat sich deshalb vom Sofa geschwungen, um gemeinsam mit Heike Pauly den 650 Meter langen Schutzzaun an der Zellhäuser Straße zu kontrollieren. Die von Frühlingsgefühlen beflügelten Erdkröten dürfen nicht vom Verkehr zur Strecke gebracht werden.

Ende Februar kriechen die Schattenwesen aus ihren Löchern und machen sich - gut ausgeschlafen - auf ihren bis zu fünf Kilometer langen Marsch. In diesem Fall vom Naturschutzgebiet Zeller Bruch über Äcker und Wiesen in Richtung Königsee. Er ist tief und weist einen relativ hohen Fischbestand auf, doch die leicht giftigen Kaulquappen sind dagegen gefeit, erklärt Hartmut Müller.

Kröten begeben sich in Lebensgefahr

Zunächst muss das Laichgewässer aber erst mal erreicht werden. Zwar soll man Reisende nicht aufhalten, doch diese hier begeben sich in Lebensgefahr. Freiwillige des Naturschutzbundes und Mitglieder des Technischen Hilfswerks haben deshalb bereits im dritten Jahr Amphibienschutzzäune entlang der L3065 aufgestellt und alle paar Meter Eimer in der Erde eingegraben.

Seit 3. März sind zwölf Ehrenamtliche in den späten Nachtstunden sowie früh am Morgen unterwegs, um die hinein geplumpsten Tiere zu bergen und auf die andere Straßenseite zu tragen, wo sie ihre Wanderung fortsetzen.

Mit 70 Kilometer pro Stunde

Mit 70 Kilometer pro Stunde zischen Autos über den regennassen Asphalt zwischen Seligenstadt und Zellhausen. Allein ihr Sog könne den „Lurch des Jahres 2012“ töten, erklärt Hartmut Müller, der sich in der Vergangenheit für eine tageweise Straßensperrung sowie eine zeitweilige Tempo-30-Beschränkung ausgesprochen hatte, doch damit kein Gehör bei den Verantwortlichen fand.

Diese Kröte müssen die beiden Helfer beim Kontrollgang am Donnerstagnacht schlucken: Drei Tote liegen bereits am Straßenrand. Zum Glück irren viele weitere Artgenossen am Zaun entlang oder hocken in den Eimern. Im Lichtkegel der Lampen wirken sie plump, glubschäugig und von Warzen übersät - wahrlich keine Kuscheltierqualitäten. Doch Bufo bufo, so der wissenschaftliche Name, ist ein nützlicher Schneckenfresser und steht selbst auf dem Speiseplan von Krähe, Reiher, Iltis und Igel.

In Gummistiefeln am Wiesensaum entlang

Heike Pauly graust es vor nix, weder vor Krötenschleim noch vor nassen Füßen. Schließlich hat sie vorgesorgt: In Gummistiefeln stapft sie am Wiesensaum entlang, klaubt die Wanderer mit Einmalhandschuhen aus dem gelb-braun gefleckten Laub, von dem sie kaum zu unterscheiden sind, lupft die Gefangenen aus den nummerierten Eimern und gibt ihrem NABU-Kollegen die Quote durch, die sorgfältig notiert wird: Mal „ein Männchen“, mal „ein Weibchen“, dann „Männchen und Weibchen“.

Die Paarkombination kommt schon außerhalb des Laichgewässers häufig vor, denn das Hormon gesteuerte kleinere Männchen klammert sich fest, wenn es sich mal auf dem Rücken seiner Herzdame bequem gemacht hat und lässt sich von ihr schleppen, bis es im See zur Eiablage und -befruchtung kommt. Auf diese Weise füllt sich der Sammeleimer schnell. „Huhu, wie viele seid ihr? -Zählt doch mal durch!“ ruft Heike Pauly. Doch die Krötenweibchen stellen sich stattdessen auf die Hinterbeine und machen sich lang für Ausbruchsversuche, die Männchen versuchen via Räuberleiter wieder in die Freiheit zu gelangen.

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Später stellt sich heraus, dass in dieser Stunde 48 Kröten im Eimer über die Straße wanderten - 31 Männchen und 17 Weibchen. Drei Tage später fanden die Helfer nur noch ein Männchen in Eimer 31. Mit der stolzen Zahl von insgesamt 956 Amphibien scheint in diesem Frühjahr die beschwerliche Reise zum Laichgewässer beendet zu sein.

Die Rückwanderung der Kröten wird sporadisch bis in den Juni hinein andauern. Die Gemeinde Mainhausen will den vor zwei Jahren eingebrachten Vorschlag erneuern und alle Helfer am Krötenzaun für den Umweltpreis des Kreises Offenbach vorschlagen. Hartmut Müller aber hofft auf den 25. April: Dann treffen sich Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde, der Umweltämter Seligenstadt und Mainhausen sowie der stellvertretende Forstamtsleiter, um über einen Tümpelaushub als Ersatzlebensraum für Kröten auf Seligenstädter Gemarkung zu beraten.

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