Nach Fährzeitverkürzung

Kürzester Weg zur Arbeit: Frau schwimmt durch den Main

Seligenstadt - Um Personalkosten zu sparen hat die Stadt Seligenstadt bekanntlich im April den Fährbetrieb verkürzt. Start ist nun erst um 9.45 Uhr, also vier Stunden später. Viel zu spät, um auf der bayerischen Mainseite rechtzeitig zur Arbeit zu kommen.

„Rein ins Wasser“: Jutta Maaßen bereitet sich auf die 100 Meter lange Schwimmstrecke nach Bayern vor.

„Keine Fähre und ein knapp neun Kilometer langer Umweg, da gab es nicht viel zu überlegen: rein ins Wasser“, so Jutta Maaßen, die nun seit mehreren Wochen das Hindernis Main auf ihrem Radweg zur Arbeitsstelle im Innovationspark Karlstein nimmt. Jeden Morgen lässt sie ihr Rad am Mainufer stehen, legt Schwimmflossen an und schwimmt los. „Vom Anlegeplatz der Fähre auf der Karlsteiner Mainseite sind es für mich mit meinem zweiten Rad nur noch wenige hundert Meter - ein Katzensprung. Der Umweg über die Kilianusbrücke Mainflingen ist deutlich länger“, erläutert Maaßen. Und tatsächlich beträgt der Weg von der Anlegestelle über die Kilianusbrücke zum Innovationspark exakt 9,6 Kilometer. Mit durchschnittlich Tempo 12 bräuchte Maaßen nach eigenen Aussagen etwa 40 Minuten; bei schlechtem Wetter bis zu einer Stunde. „Um über den Main zu schwimmen, brauche ich allerdings gerade mal zwei Minuten“, sagt die Ingenieurin. Seit Jahren fährt sie von Rodgau mit dem Rad zu ihrem Arbeitsplatz, dem Innovationspark Karlstein. Jetzt ist eine Disziplin dazugekommen: Schwimmen.

Spezielle Ausrüstung, etwa einen Neopren-Anzug, brauche sie nicht; das Wasser sei angenehm warm. Um schneller und beweglicher zu sein, benutzt sie lediglich Flossen, so habe sie die Hände frei zum Festhalten ihrer wasserdichten Tasche, die durch ihre auffällige Farbe als Signalboje dient und gleichzeitig die Bürokleidung trocken auf die bayrische Mainseite bringt. Für Außenstehende ein kurioses, weil ungewohntes Bild. Schwimmausrüstung wie Flossen, Trockentaschen und Tauchanzüge hat Maaßen als Tauchlehrerin und begeisterte Unterwasserrugby-Spielerin zu Genüge. Selbst für die kalte Jahreszeit sei sie ausgerüstet: „Mit meinem Trockenanzug kann ich bei minus zehn Grad ohne Probleme warm und gemütlich auf die andere Mainseite schwimmen. „Allerdings wäre das Ganze im Winter umständlicher“. Das Problem in den kalten Monaten seien Transport, Aufbewahrung sowie An- und Ausziehen des schweren Anzugs; deswegen plant Maaßen im Winter den Umweg über die Kilianusbrücke in Kauf zu nehmen.

Mit ihrem unkonventionellen Arbeitsweg lieferte Maaßen das Sommerthema schlechthin in der Region. Kaum ein Sender, der die Geschichte nicht mit Mikro und Kamera von irgendeiner Warte schillernd betrachtete. Gelegentlich allerdings zulasten der journalistischen Sorgfalt. So wurde etwa die Falschmeldung verbreitet, Jutta Maaßen sammele in einer Petition Unterschriften gegen die Fahrzeitänderung der Fähre. Eine solche Aktion existiert zwar, und Maaßen hat sie auch unterschrieben, allerdings nicht initiiert: „Ich habe auch nicht vor die Geschichte politisch anzupacken oder mich lokalpolitisch zu engagieren. Ich möchte einfach nur den effektivsten Weg zur Arbeit nehmen – das ist alles.“

Die Meerjungfrauen in Floridas Weeki Wachee

In der Mainüberquerung sieht die 50-Jährige schlicht eine Zeitersparnis. Der Seligenstädter SPD-Sprecher Franz A. Roski hatte in einem Internetbeitrag den Weg Maaßens mit einem Fahrrad-Routenplaner nachgerechnet und kam zu dem Entschluss, sie stelle „falsche Behauptungen“ auf: Nach Roskis Berechnungen beträgt der Umweg über die Kilianusbrücke in Mainflingen lediglich fünf Minuten. „Typisch Politik: Nicht um das Problem kümmern, sondern schönrechnen“, kommentiert Maaßen. Der SPD-Politiker kritisierte weiterhin: „Kein vernünftig denkender und rechnender Mensch würde sich wegen fünf Minuten Fahrtzeitverlängerung ein zweites Fahrrad zulegen, sich zweimal umziehen und 100 Meter durch einen nicht ganz ungefährlichen Fluss schwimmen.“ Jutta Maaßen relativiert: „In Hainburg und in Kleinostheim sind Mainstaustufen. Dazwischen liegt Seligenstadt, das heißt die Flussströmungen sind hier eher gering.“ Das Überqueren des 100 Meter breiten Flusses stelle für sie als Tauchlehrerin kein Problem und keine Gefahr dar. Trotzdem achte sie besonders auf die Schifffahrt: „Ich kann mir schon vorstellen, dass ein Kapitän in Panik gerät, wenn er eine Schwimmerin mitten im Fluss sieht. Auf die kurze Strecke könnte das Schiff ja nicht bremsen oder ausweichen. „Deshalb war ich noch nie im Wasser, wenn ein Schiff sichtbar oder hörbar war. Und auch wenn es so weit kommen sollte: Mit Flossen bin ich schneller an der anderen Seite als ein Schiff überhaupt um die Ecke kommen kann“.

So hält Sport im Wasser richtig fit

Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Aschaffenburg warnt zwar vor dem Baden in Flüssen, stehe zu Maaßens Arbeitsweg allerdings neutral: „Schwimmen Sie in Flüssen nur, wenn Sie fit sind und über eine gute Kondition verfügen. Jedes Jahr ertrinken in Seen und Flüssen etwa 400 Personen, das sind etwa 85 Prozent aller tödlichen Wasserunfälle.“ Verboten sei das Schwimmen im Main allerdings nicht. (kama)

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