Hells Angels erweisen totem Freund letzte Ehre

„Ein Friedhof voller Rocker“

Immer imponierend: Motorrad-Eskorte der Hells Angels, auf unserem Bild im Anschluss an die kirchliche Trauung des Angels-Chefs Frank Hanebuth in Niedersachsen.  (c)Foto: dpa
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Immer imponierend: Motorrad-Eskorte der Hells Angels, auf unserem Bild im Anschluss an die kirchliche Trauung des Angels-Chefs Frank Hanebuth in Niedersachsen.

Seligenstadt - Überraschender und spektakulärer Auftritt der Hells Angels am Samstagvormittag. Im Konvoi begleiteten sie den Sarg eines toten Freunds von Aschaffenburg bis zum alten Friedhof in Seligenstadt - die Polizei stets auf Tuchfühlung. Von Michael Hofmann

Offensichtlich aber haben nur wenige Bürger den Auftritt registriert, und die, die Auskünfte geben könnten, schweigen sich eisern aus. Sie kamen weder heimlich, noch still und schon gar nicht leise auf ihren schweren Maschinen ins Einhardstädtchen geknattert. Mit einem riesigen Motorradkorso von einem Aschaffenburger Bestattungsunternehmen aus bis zur Trauerhalle des Seligenstädter Friedhofs nahmen am Samstagvormittag dem Vernehmen nach rund 230 Hells Angels Abschied von einem Clubkollegen. Der Seligenstädter D.S., der vor fast zwei Wochen an plötzlichem Herztod gestorben sein soll, war angeblich einer der Anführer der Hanauer Gruppe des Motorrad- und Rockerclubs. Am Samstag sollen Biker aus ganz Europa (England, Frankreich, Italien) angereist sein, um zusammen mit regionalen Gruppierungen dem Führungsmitglied die letzte Ehre zu erweisen.

Neugierig geworden beobachtete Erste Stadträtin Claudia Bicherl den Ablauf, glaubt aber so um die 400 Teilnehmer gesehen zu haben. Eine Zahl, die die Organisatoren auch bei der Anmeldung genannt hatten. „Ein Friedhof voller Rocker - sehr beeindruckend“, so die Stadträtin, die - ebenso wie einige Friedhofbesucher, die gerade bei der Grabpflege waren - der Faszination des Augenblicks erlag.

In der Trauerhalle fand am weißen Sarg ein Gedenken statt, keine Bestattung. Die Urnenbeisetzung ist zu einem späteren Zeitpunkt geplant. „Wir wollten die Sache nicht hoch hängen“, sagt die Stadträtin, verweist auf die formale Zuständigkeit des Ordnungsamts, das informiert gewesen sei, und bilanziert: „Keinerlei Zwischenfälle.“ Angehörige und Trauergesellschaft hatten offenkundig alles getan, um die breite Öffentlichkeit fernzuhalten. So gab es im Vorfeld weder die übliche Bekanntgabe der Stadt, noch eine Anzeige.

„Keine Zwischenfälle“, sagt auch die Pressestelle der Kripo in Offenbach extrem wortkarg. Und: „Die Polizei hat den Trauerkorso angemessen begleitet.“ Mehr wollen die Freunde und Helfer nicht bekanntgeben, nicht einmal bestätigen, dass sie eigens die belebte Hillerkreuzung (L2310/K185) kurzzeitig gesperrt hielten. „Sie werden von uns auch nichts über Hintergründe oder taktische Maßnahmen erfahren“, so Polizeisprecherin Andrea Ackermann kategorisch. Ganz offensichtlich gaben die Trauergäste auch keinerlei Grund zur Beanstandung. Sogar auf ihre „Kutten“ hatten die Angels verzichtet - ihre Motorradjacken, auf denen acht Rockergruppen, darunter Hells Angels und Bandidos, seit Mitte März ihre Symbole nicht mehr zeigen dürfen.

Archivbilder

Der Auftritt der Motorrad-Gang in der Region war auch den Main-Echo-Kollegen - nach einem entsprechenden Hinweis aus der Leserschaft - eine Recherche wert. Demnach hat sich der Korso am Samstag um 8.30 Uhr in Aschaffenburg in Bewegung gesetzt. Polizisten hätten die Motorradfahrer von Bayern nach Hessen begleitet, „um den Verkehrsfluss zu gewährleisten“, zitiert die Zeitung einen Sprecher des LKA Hessen. Ein Video auf Internetseiten des Clubs soll die zumeist in schwarzes Leder gekleideten Hells Angels auf ihrer Fahrt nach Seligenstadt zeigen: Zwei Bikern an der Spitze folgten der Leichenwagen und etwa 230 weitere Motorradfahrer. Im Netz gibt es zudem Fotos vom Auflauf der Rocker auf dem Seligenstädter Friedhof.

Nebeneffekt: Erstmals in seiner Geschichte war das Seligenstädter Parkdeck am Friedhof an jenem Samstagvormittag, ebenso wie angrenzende Straßen sowie Lidl- und Aldi-Parkplatz, vollgestopft mit Motorrädern. Die Stadt hätte also auf ihrem kostenpflichtigen Terrain durchaus ein kleines Geschäft machen können. Aber dem Vernehmen hat die Verwaltung am Hell-Angels-Samstag auf Parkzettel-Kontrollen verzichtet...

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