Landshut-Jahrestag: Henner Irle erinnert sich an Krisenstab-Drama

Schlimme Erfahrungen

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Seligenstadt - Henner Irle denkt in diesen Tagen oft zurück. „Es war eine meiner schlimmsten Erfahrungen“, sagt der 79-jährige Froschhausener über das Drama um die entführte Lufthansa-Maschine Landshut im Deutschen Herbst.

Luftfahrttechniker und Krisenmanager: Henner Irle in den 1970er Jahren als betriebswirtschaftlicher Leiter der Wartung in Frankfurt. In dieser Funktion gehörte der heute 79-Jährige auch dem Krisenstab der Lufthansa an.  

Fünfeinhalb Tage lang erlebte er im Oktober 1977 aus nächster Nähe mit, wie um Entscheidungen gerungen wurde, und spürt noch heute die Last der Verantwortung. Irle gehörte dem Krisenstab der Lufthansa an, der unter anderem den Einsatz der GSG9 vorbereiten half.
Das Sondereinsatzkommando des Bundesgrenzschutzes in die Luft zu bringen und während der folgenden Odyssee durch Südeuropa und den Nahen Osten bis nach Mogadischu ständig in der Nähe der entführten Maschine zu halten, gehörte nach Worten Irles zu den zentralen Aufgaben der in Frankfurt versammelten Krisenmanager. Über Standleitung habe der Krisenstab der Airline ständig mit der Bundesregierung in Bonn in Verbindung gestanden. „Dort sind die politischen und operativen Entscheidungen gefallen“, erinnert sich der gebürtige Rheinländer, der seit dem Jahr 1966 mit seiner Familie in Froschhausen lebt. „Wir haben gesagt, was flugtechnisch geht und was nicht.“

Dafür war Henner Irle der geeignete Mann. In Stuttgart hatte er Luft- und Raumfahrttechnik studiert, 1977 war er betriebswirtschaftlicher Leiter der Wartung in Frankfurt und vertrat im Krisenstab die Sparte Technik. Auch die anderen drei großen Konzernteile - Flugbetrieb, Verkauf und Verkehr - hatten nach seiner Erinnerung je einen ständigen Vertreter in der Runde, je nach Lage seien weitere Experten dazu gekommen. Denn der Krisenstab wurde nicht nur bei terroristischen Angriffen aktiviert: Auch ein Flugzeugabsturz, ein großer Streik oder der Zusammenbruch wichtiger Betriebsbereiche - etwa der EDV - führten zu seiner Einberufung.

Zehn oder elf solcher Ernstfälle, genau weiß er das nicht mehr, hat Henner Irle im Stab miterlebt. Die Landshut-Entführung war für ihn weder der größte noch der dramatischste. Ein Streik im Jahr 1971 habe zehn Tage gedauert. Emotional habe ihn ein Jumbo-Absturz mit 59 Toten im November 1974 in Nairobi am stärksten belastet. Nachhaltig beschäftigt hat ihn der Terror im Oktober 1977 aber doch: „In den 40 Jahren bin ich das immer wieder durchgegangen.“ Aufgrund dieser Erfahrung habe er sich auch intensiv mit dem gesamten RAF-Komplex befasst. „Landshut war die größte Entführungskrise nicht nur bei der Lufthansa, sondern weltweit“, sagt er heute, „auch gemessen an den Auswirkungen.“

Welche Folgen ihre Entscheidungen für die 87 Menschen an Bord der Boeing 737 haben könnten, fragten sich die übernächtigten Krisenstäbler in Frankfurt laut Irle ununterbrochen. Höchstens ein paar Stunden Schlaf habe er in fünfeinhalb Tagen bekommen und einen Perspektivwechsel erlebt: „Anfangs haben wir in erster Linie einen Angriff auf die Lufthansa gesehen, aber im Fokus stand ja tatsächlich der Staat.“ Wie in der deutschen Öffentlichkeit sei auch im Stab umstritten gewesen, ob mit einer Befreiungsaktion das Leben der Geiseln aufs Spiel gesetzt werden dürfe. „Wir hatten das nicht zu entscheiden, aber wir haben bis zuletzt diskutiert“, sagt Irle. „Wirklich niemand konnte davon ausgehen, dass es so gut über die Bühne geht. Ich kenne Einzelheiten, die nicht jeder kennt, und es kommt mir bis heute wie ein Wunder vor.“

Nach der geglückten Befreiung ging das Leben und auch Henner Irles Laufbahn bei der Lufthansa weiter. Er stieg zum Chef der Wartung in Frankfurt auf und war die letzten fünf Jahre vor dem Abschied in den Ruhestand Geschäftsführer bei Lufthansa Cargo. Im Seligenstädter Stadtteil Froschhausen, wo seine beiden Kinder aufwuchsen, fühlt sich der Familienvater mit seiner Frau wohl, ist beim Tennisclub aktiv und Fördermitglied bei der Feuerwehr.

Schwierige "Landshut"-Demontage in Brasilien

Das Landshut-Drama indessen blieb für ihn immer präsent und rückte erst kürzlich wieder in den Blick: Bei einem Wiedersehenstreffen im Frankfurter Airport-Center traf der Froschhausener auf frühere Kollegen und andere Beteiligte, etwa den damaligen GSG9-Kommandeur Ulrich Wegener und den Copiloten Jürgen Vietor, der nach der Ermordung von Flugkapitän Jürgen Schumann aus Babenhausen das Steuer der Landshut übernommen hatte.

Es sei ein bewegendes Erlebnis gewesen, sagt Irle: „Wir haben alle zusammen gekämpft, damit das Schlimmste nicht passiert.“ (zrk)

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