Fledermaus-Exkursion

Lautlose Jäger belauschen

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Das Braune Langohr.  

Seligenstadt - Wenn es dämmert über dem Seligenstädter Stadtwald, beginnt die Stunde der nachtaktiven Jäger. Einer mit legendärem Ruf ist die Fledermaus. Von Sabine Müller

Bei einer Exkursion mit Mitgliedern des Naturschutzbundes (NABU) Seligenstadt und Mainhausen konnten die Teilnehmer die Tiere von ganz nah beobachten und bei der Insektenjagd belauschen.

Viele Legenden fliegen ihr voraus, kaum eine wird ihr gerecht. Es hat lange gedauert, bis die 4,5 Millionen Jahre alte Menschheit die Lebensweise des 70 Millionen Jahre alten Säugetieres erforscht hatte. „Übrigens die einzigen Säugetiere, die fliegen können“, sagt Hartmut Müller, „und zwar mit den Händen - das Fingerwachstum hat dies ermöglicht“. Das NABU-Mitglied hat die Teilnehmer zu Beginn des Abendspazierganges auf dem Parkplatz Lange Schneise versammelt und stellt die geheimnisvollen Flattertiere anhand von Evolutionskarte, Pappmodellen und Fotografien vor. Zwölf Fledermausarten sind in diesem Gebiet nachgewiesen. Das Dutzend Fledermausforscher dagegen kommt aus Seligenstadt, Mainhausen und Hainburg, darunter drei Jungen im Alter zwischen sechs und neun, die darauf brennen loszuziehen, um Abendsegler, Braunes Langohr, Zwerg- und Fransenfledermaus oder Großes Mausohr endlich mal in echt zu sehen. Also geht’s hinein in den Wald, über den sich kurz vor zehn Uhr die Dunkelheit senkt.

Hartmut Müller hat die Leiter geschultert und steuert zielstrebig die nächsten der rund 300 Flach- und Rundkästen an, die der NABU an den Bäumen zwischen der Gemarkungsgrenze Froschhausen und Mainhausen aufgehängt hat. Viele heimische Fledermausarten stehen auf der Roten Liste, sind gefährdet, gar vom Aussterben bedroht. Der Landschaftsschwund schluckt auch ihre Beute. Außerdem gibt es immer weniger Winterschlafquartiere wie Höhlen und Keller, im Sommer brauchen sie Dachböden und Baumhöhlen für Rückzug und Aufzucht der nur ein bis zwei Jungtiere. Vor 30 Jahren haben die Naturschützer deshalb mit dem Nistkastenprogramm begonnen. Regelmäßig werden die Behausungen kontrolliert, die Funde dokumentiert. Durch die kühlen Temperaturen sind die blutrünstigen Schnaken heute träger als sonst um diese Jahreszeit. Die angeblich genauso blutrünstigen Fledermäuse machen sich allerdings auch rar, wie die Kasteninspektionen zeigen: Krümeliger Fledermauskot, Wabenreste eines Wespennestes, Moos, Federn und Laub - wahrscheinlich die Mietwohnung eines Fliegenschnäppers - doch die kleinen Vampire sind ausgeflogen. Nicht nur die Jungs machen lange Gesichter. Doch die fünfte Buche birgt die Überraschung, in Hausnummer 583 hat es sich ein Großes Mausohr-Männchen gemütlich gemacht. Zusammengefaltet hängt es von der Decke. Müller pflückt es ab und präsentiert es in seinen dicken Handschuhen, so können die Besucher den zeternden Waldbewohner mit den spitzen Zähnchen im Lichtkegel der Taschenlampe in Ruhe betrachten - und belauschen: Der Fledermaus-Detektor macht’s möglich. Fledermäuse gleiten nämlich gar nicht lautlos durch die Nacht, wir können die Frequenzen ihrer Rufe nur meist nicht hören. Die kleinen Apparate aber übersetzen die Echoortung, mit denen die Tiere ihre gesamte Umgebung exakt wahrnehmen. Fachleute können über die Rufe sogar die Arten zuordnen. Als die Exkursionsteilnehmer am Waldrand stehen, zwitschert es plötzlich an jeder Ecke, während die Fledermäuse pfeilschnell über die Köpfe hinweg fliegen und nach Insekten, Spinnentieren und Nachtfaltern schnappen. „Dass sie sich in unseren Haaren verfangen ist ein Gerücht“, beruhigt Müller, „damit sehen sie mit ihrem Ultraschall viel zu gut“.

Kein Gerücht ist es nach Meinung des Nabu-Experten, dass hoch fliegende Arten durch Windkraftanlagen zu Tode kommen. „Bis zu 100 Fledermäuse verunglücken pro Jahr an einem Windrad.“ Im benachbarten Rodgauer Gebiet sind welche geplant. Angesichts des schon jetzt bedrohten Lebensraumes der Tiere sieht Hartmut Müller dies „nicht unkritisch“.

Vom 24. auf den 25. August ist „International Batnight“ - Anlass für die örtliche Nabu-Gruppe, zur nächsten Fledermaus-Exkursion einzuladen. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.

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