Interview

Leben und Arbeiten mit dem Restrisiko

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Klinik-Alltag: Patienten, die an einer Covid-19-Infektion leiden, werden separiert.

Für die Seligenstädter Asklepios-Klinik ist die Corona-Krise eine wochenlange, harte Prüfung, die oft an die Substanz geht. Ein Interview mit Chefarzt Dr. Nikos Stergiou.

Seligenstadt – Im Interview mit unserer Zeitung spricht Chefarzt Dr.Nikos Stergiou, der langjährige Ärztliche Direktor, über Herausforderungen an Ärzte und Mitarbeiter, über wichtige Erkenntnisse und Erfolge, aber auch über die komplexe Ansteckungsproblematik sowie Unzulänglichkeiten.

„Wir sind hier alle gesund“, sagte York Zausig, Chefarzt und Pandemie beauftragter der Kreisklinik Aschaffenburg/Alzenau, dieser Tage in einem Interview. Auch sei es gelungen, alle Covid-19-Patienten (von 23 bis 94 Jahre) gut zu versorgen. 

Können Sie das für Ärzte, Pflegepersonal und Krankheitsfälle der Seligenstädter Asklepios-Klinik auch sagen?

Null-Infektionsrate bei Pflegepersonal und Ärzten ist ein unbedingtes Ziel, aber aus meiner Sicht und aus meiner persönlichen Erfahrung unrealistisch. Im täglichen Umgang mit Erkrankten oder Verdachtsfällen ist ein guter Schutz sicher zu gewährleisten, wenn man sich an die Richtlinien hält. Anders verhält es sich mit Verdachtsfällen oder mit Patienten, die aus anderen Gründen die Klinik aufsuchen und bei denen im Verlauf eine Covid-19-Infektion diagnostiziert wird. Da bleibt ein Restrisiko, übrigens ein Risiko, das bei jeder möglichen Infektionskrankheit für uns als am Patienten arbeitende Berufsgruppe gilt. Wir haben uns in Absprache mit dem Kreisgesundheitsamt entschieden, alle unsere Mitarbeiter einem Abstrich-Verfahren auf Covid-19 zu unterziehen, und dabei festgestellt, dass wir einen unter dem erwarteten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung liegenden Anteil an beschwerdefreien Virusträgern haben – ein gutes Ergebnis. Diese in die Isolation zu schicken ist allerdings nötig, schwächt natürlich unsere Personaldecke.

Gerüchten zufolge, die dieser Tage in der Stadt aufkamen, gibt es allerdings auch Schwierigkeiten.

Gerüchte gibt es überall, die lassen sich auf Unsicherheit in Krisen zurückführen. Eine offene Kommunikation kann dem entgegenwirken. Sie darf aber in keinem Fall zu weiterer Verwirrung führen und damit kontraproduktiv sein. Mit Blick auf die derzeitige Situation erleben wir jeden Tag eine Vielzahl von Informationen aus unterschiedlichen Expertenkreisen, die in sozialen Netzwerken, aber auch in den Medien verbreitet werden. Solide Recherche und ein auf Fakten basierender Journalismus helfen, aber eben auch transparente Kommunikation und Offenheit. Dass wir in der Asklepios-Klinik Seligenstadt dies nicht leben, wäre mir neu.

Dann lief alles fehlerfrei?

Zu behaupten, wir hätten in den zurückliegenden Wochen keine Fehler gemacht, wäre schlicht gelogen. Selbstverständlich gab es Abläufe, die schlecht waren, die wir überprüfen mussten, und es war in einem Fall ein Angehöriger, der uns auf einen untragbaren Zustand hinwies, den wir umgehend beseitigten. Auch war anfangs in der Aufregung wegen der neuen Situation die Kommunikation mitunter suboptimal. Dass dies vor dem Hintergrund der schrecklichen Bilder aus den Nachbarländern dem Stress geschuldet war, dem wir ausgesetzt waren, mag eine Erklärung sein. Dennoch gilt es, dafür um Entschuldigung zu bitten.

Konkret geht es auch um Sie. Warum sind Sie kein Ärztlicher Direktor mehr, und warum wurde das nicht offiziell kommuniziert?

Das Amt des Ärztlichen Direktors ist ein Ehrenamt, das ich während der vergangenen 15 Jahre neben meiner medizinischen Tätigkeit als Chefarzt der Inneren Klinik, aber auch als Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Innere Medizin und Geriatrie, ausgefüllt habe. Nach 15 Jahren, was in diesem Fall fünf „Legislaturperioden“ entspricht, lagen wir in Seligenstadt deutlich über der konzerninternen Empfehlung einer maximal zehnjährigen Begleitung dieses Amts. Die Tatsache, dass ich mich Anfang März einer größeren Operation unterziehen musste, machte das Datum des 1. März zum richtigen Termin, dieses Ehrenamt an den Kollegen und seit Jahren für die Allgemein- und Viszeralchirurgie tätigen Chefarzt Dr. Heimo Weih zu übergeben. Er wird die aus meiner Sicht durchweg positive Entwicklung unseres Hauses mit seinen Ideen als Vertreter der Ärzte in der Betriebsleiterrunde voranbringen. Dass dieser Amtswechsel in die Anfangsphase der Corona-Pandemie fiel, ist reiner Zufall, aber auch dieser Tatsache ist geschuldet, dass das Ganze etwas unterging.

Und noch mal indiskret nachgefragt: Hat das alles im weitesten Sinne etwas mit Corona zu tun?

Nein, es ist einzig und allein der Tatsache meiner Erkrankung geschuldet, von der ich mich ohne Folgen und bestens erholen konnte. Und als verantwortungsvoller Akt zu werten, auch weil man im Vorfeld nicht wusste, wie sich meine Rekonvaleszenz entwickeln würde.

In der bayerischen Nachbarklinik sind weit mehr als 100 Corona-Fälle behandelt worden. Wie hoch ist die Patientenzahl in Seligenstadt, und wie fällt die vorläufige Bilanz aus?

Wir blicken auf ungefähr die Hälfte der Zahlen unserer Aschaffenburger Kollegen zurück. Die Bilanz ist, gemessen an den erwarteten Zahlen und „Worst-Case“-Szenarien, durchweg positiv. Wir unterscheiden uns wenig von anderen Kliniken, mit denen wir in engem Kontakt stehen und gut zusammenarbeiten. Neben sehr vielen Verdachtsfällen, die bei uns vorübergehend stationär behandelt wurden, haben wir auch Patienten mit schweren Verläufen in Seligenstadt erfolgreich behandelt und gesund ins häusliche Umfeld oder in die betreuenden Einrichtungen zurückverlegt. Die Erfahrung, dass Menschen an Covid-19 sterben, gerade wenn sie sehr alt und durch andere Krankheiten bereits stark in ihrem Gesundheitszustand eingeschränkt sind, mussten auch wir machen. Ob diese Patienten auch ohne Covid-19-Infektion ihren Grunderkrankungen erlegen wären, ist zwar spekulativ, aber in den Fällen, die ich überblicke, wahrscheinlich.

Wir dachten, die Langener Schwesterklinik sei erste Anlaufstelle in Sachen Corona (Level-1-Klinik). Warum musste das Seligenstädter Haus überhaupt Patienten aufnehmen?

Ja, die Langener Schwesterklinik hat eine höhere Stufe als Level-1-Klinik, was die Notfallversorgung von Covid-19-Patienten betrifft, weil sie im Gegensatz zu uns Spezialverfahren (zum Beispiel Herz-Lungen-Maschine) durchführen kann. Aber mit dem zweithöchsten Level ist unsere Klinik ein wichtiger Bestandteil des bundesweiten Netzwerks zur Behandlung der Patienten, so dass es selbstverständlich ist, dass wir Patienten in unsere Klinik zugewiesen bekommen, aufnehmen, behandeln, aber auch, wenn es die medizinische Notwendigkeit erfordert, in die höher klassifizierten Kliniken wie die Uniklinik Frankfurt oder auch nach Langen weiterverlegen.

Zur Erkrankung selbst: Trifft die Aussage vom „Krankheitsbild, das man gut therapieren kann“, zu?

„Gut therapieren“ würde bedeuten, dass wir die Ursache dieser Erkrankung angehen. Dafür gibt es momentan weltweit keinen standardisierten Therapieansatz. Uns ist die Chance gegeben, die Symptome der Krankheit zu behandeln, was in der überwiegenden Zahl der Fälle sehr gut gelingt. Wir haben allerdings festgestellt, dass durch das Besuchsverbot gerade ältere Patienten die erlebte Isolation und den fehlenden Kontakt zu Angehörigen häufig psychisch schwer vertragen. Wenn also ein solches Besuchsverbot unumgänglich ist, wird es künftig unsere Aufgabe sein, darauf zu reagieren und Abhilfe zu schaffen.

Der Prozentsatz der ernsthaft Erkrankten ist gering, aber das Virus ist unter bestimmten Voraussetzungen (Alter, Vorerkrankungen) lebensgefährlich, weil es die Lunge angreift oder am Übergang Lunge/Kreislauf die gefürchtete Atemnot auslöst. Dann haben wir einen schweren Verlauf. Ist das alles – wir sind bei der Gefahreneinschätzung – aber nicht dennoch auch ein reines Rechenbeispiel?

Es ist richtig, dass der Prozentsatz der Schwerkranken gering ist. Die aber durchleiden eine Phase mit, weil das Zielorgan des Virus im Vergleich zu anderen viralen Grippeerkrankungen deutlich häufiger die Lunge ist, einer schweren, zum Teil lebensbedrohlichen und für den Betroffenen physisch und psychisch belastenden Phase mit Luftnot, starkem Husten und Erstickungsanfällen. Die maximal mögliche Therapie stellt dann auch die Behandlung auf der Intensivstation und die Überbrückung der Phase mit schwerer und unerträglicher Luftnot durch Einsatz von Beatmungsgeräten dar. Und da liegt seit Beginn der Pandemie in allen betroffenen Ländern der Sinn des Berechnens von Kapazitätsgrenzen. Die Behandlungsmöglichkeit für schwere Verläufe wird durch die Zahl der Intensivbetten und der Beatmungsgeräte limitiert, aber auch von der Anzahl der für diese Therapie zur Verfügung stehenden Pfleger und Ärzte.

Wir könnten diese Art der Risikoeinschätzung fortsetzen: Die Quote verändert sich mit der Zahl der bereitstehenden Beatmungsgeräte und der Zahl der Mediziner/Fachkräfte, die diese Geräte bedienen können. Wo liegt dieser Wert bei uns ungefähr? Und wie weit wäre er vom ganz normalen, seit Jahren mehr oder weniger ignorierten Gripperisiko entfernt?

Wenn wir dies für Seligenstadt berechnen wollen, dann bedeutet dies, dass wir regulär neun bis zehn Intensivbetten mit Beatmungsgeräten zur Verfügung haben und diese auf maximal 16 in einer Krisensituation erweitern können. Für drei Beatmungspatienten brauchen wir mindestens eine Pflegekraft, für fünf Beatmungspatienten mindestens einen Arzt, dies im Dreischichtbetrieb, was rechnerisch 25 bis 40 Mitarbeiter für unsere Intensivstation bedeutet. Damit wären wir am Limit angekommen. Wenn wir beatmen müssen, wissen wir, dass wir im Durchschnitt 14 Tage zur Überwindung einer Covid-19-Lungenentzündung benötigen. Wie schnell wir bei einer hohen Neuerkrankungsrate ans Limit kommen, lässt sich mathematisch leicht errechnen. Die Zahl der Neuansteckungen, die der schwer Erkrankten, die der Genesenen, die der bundesweiten Todesfälle müssen täglich ermittelt und gemeldet werden, damit wir jeden Tag die zur Verfügung stehenden Kapazitäten kennen.

Mediziner Stergiou: Null-Infektionsrate bei Pflegern und Ärzten ist unrealistisch. 

Wenn das Virus schnell übertragen wird und viele Menschen innerhalb kurzer Zeit erkranken, verlieren wir die Kontrolle über unsere Kapazitäten. Dass wir auch die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung ins Kalkül ziehen müssen, macht 100-prozentige Sicherheit in der Vorhersage schwierig. Tagtäglich melden wir die Erkrankungsrate und die Zahl der als geheilt entlassenen Patienten, was dem Robert-Koch-Institut und den zu Rate gezogenen Virologen und Epidemiologen eine Berechnung des Risikos ermöglicht. Diese Experten geben die Zahlen und die sich daraus ergebenden Berechnungen zur Entwicklung der Krankheit an die politischen Entscheidungsträger weiter, die in Zusammenschau aller Überlegungen, die das Leben im Land betreffen, eine weise Entscheidung, was den Lockdown, aber auch die Lockerungen betrifft, treffen müssen. Dass es regionale Unterschiede geben wird, scheint mit Blick auf unterschiedliche Erkrankungszahlen in unterschiedlichen Regionen nachvollziehbar. Wichtig ist, dass wir in Krisenzeiten den politisch Verantwortlichen Vertrauen entgegenbringen, dass sie nach Abwägung aller Eventualitäten die für unser Land richtige Entscheidung treffen. Grundsätzlich halte ich das Vertrauen auf die Entscheidung der Verantwortlichen für eine Grundvoraussetzung zur Überwindung der Pandemie. Wobei wegen der Dynamik der Erkrankung und aufgrund der sich dauernd verändernden Zahlen regelmäßig die getroffenen Entscheidungen hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit überprüft werden müssen.

Neben Intensivkapazitäten und Beatmungsgeräten stellt die Ressource Mensch, damit meine ich Pflegepersonal und ärztliche Mitarbeiter, das wichtigste Gut in der Pandemie dar. Dass sich keiner ansteckt und länger ausfällt, muss oberstes Ziel sein. Es ist durch weitsichtige Materialbeschaffung und Festlegung standardisierter Abläufe im Umgang mit Erkrankten gelungen, ein sehr sicheres System für die Mitarbeiter aufzubauen. Dass Infektionen nicht ausbleiben, liegt in der Natur unseres Berufs. Davor ist niemand gefeit.

In diesem Zusammenhang: Was sagen Sie Patienten, die mit einer sehr ersten Erkrankung Hilfe in der Klinik benötigen, aber Angst vor einer Corona-Ansteckung dort haben?

Patienten, die an einer Covid-19-Infektion erkrankt sind oder bei denen wir den Verdacht haben, sind in einem separaten Gebäudeteil untergebracht und damit von allen anderen separiert. Auch da haben wir uns entschieden, eine sehr personalintensive Maßnahme zu ergreifen, die Einteilung von Pflegern und Ärzten, die ausschließlich für diesen Teil verantwortlich sind. Dies ist ein erheblicher Personalaufwand, den wir nicht gescheut haben, um die maximale Sicherheit für Patienten aber auch für Mitarbeiter zu gewährleisten. Dass dadurch auch alle anderen Patienten ein höchstes Maß an Sicherheit haben, geht damit einher.

Wie stellen Sie sicher, dass sich im Krankenhaus auch sonst keiner ansteckt?

Ich sehe ein Risiko für Mitarbeiter, wenn Patienten in die Notaufnahme kommen ohne Verdacht auf Covid-19, aber während der Erstuntersuchung oder des stationären Aufenthalts sich entwickelnder Symptome festgestellt werden. Zwischen Infektion und Erkrankung vergehen manchmal Tage der Inkubationszeit. Wir haben da unter Umständen über mehrere Tage eine ungeschützte Situation für alle am Patienten Arbeitenden. Auch diese Erfahrung mussten wir bereits machen, aber das ist etwas, was man als Restrisiko unseres Berufs auch in Pandemiezeiten beschreiben muss. Im Nachgang ist es wichtig, die richtige Entscheidung zu treffen, wie mit den Kontaktpersonen umzugehen ist. Eine weitere Herausforderung für unsere Krankenhaushygieniker, von denen wir erfreulicherweise in jeder Abteilung einen haben.

Wann können wir den Mundschutz abnehmen? Im Herbst? Ende des Jahres?

Den Mundschutz abnehmen dürfen wir, wenn dadurch die Sicherheit der Bevölkerung nicht mehr gefährdet sein wird. 

Die Fragen stellte Michael Hofmann.

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