Wissenschaftler Isaak Bacharach

Leben endet nach 87 Jahren im KZ

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Wissenschaftler von Weltrang: Die Nazis schickten Isaak Bacharach, auf dem Bild zusammen mit Ehefrau Pauline, im Alter von 87 Jahren ins KZ.

Seligenstadt/Nürnberg/Theresienstadt - Sie waren brutal, menschenverachtend und gewissenlos: die Nazis und ihre abertausend Erfüllungsgehilfen. Von Michael Hofmann

Es ist gerade mal ein Menschenleben her, und schon scheinen in Deutschland die Erinnerungen an die Untaten der Massenmörder und ihr Rassenwahn zu verblassen. Das Schicksal des Seligenstädters Isaak Bacharach erscheint da wie ein Aufschrei wider das Vergessen.

Gelegentlich erinnert und mahnt ein Einzelschicksal, macht betroffen und weckt Scham. Wir Seligenstädter können in zwei Büchern nachlesen, wie Hitlers Schergen in wenigen Jahren die jüdischen Bürger dieser Stadt vertrieben oder in Todeslager abtransportiert haben. Aber weder in Marcellin Spahns Buch „Zur Geschichte der Seligenstädter Juden“ noch im Büchlein „…und wollten so gerne bleiben - Ein Rundgang zu den Häusern der Seligenstädter Juden“ von Dietrich Fichtner ist das Schicksal eines in Seligenstadt geborenen Mannes erwähnt, der sich später als Mathematiker und Universitäts-Professor in Nürnberg höchster Reputation erfreute.

Dennoch schickten gewissenlose Mörder den hochbetagten Isaak Bacharach im September 1942 im Alter von 87 Jahren ins KZ Theresienstadt. Auf seiner Nürnberger Einwohnermeldekarte findet sich der mitleidslose Vermerk „in das Protektorat verschoben“. Zwölf Tage später starb er. Auf der „Todesfallanzeige“ in Theresienstadt haben der behandelnde Arzt und der Totenbeschauer als Krankheit und Todesursache „Enteritis“ vermerkt, Darmkatarrh.

In Seligenstadt geboren

Über das Leben des Seligenstädters Isaak Bacharach verraten die örtlichen Quellen so gut wie nichts, obwohl der Name Bacharach in der Stadt verbreitet war. Dafür können andere erfreulicherweise umso mehr Informationen zur Vita beitragen, vor allem über Bacharachs späteren mittelfränkischen Lebensmittelpunkt Erlangen/Nürnberg. Etwa Susanne Rieger und Gerhard Jochem (Stadtarchiv Nürnberg) und das dortige Projekt rijo research, die zahlreiche Informationen zur Geschichte der Juden gesammelt haben.

Gleich zu Beginn der dortigen Biographien-Abteilung finden wir die von Jochem verfasste Lebensgeschichte des gebürtigen Seligenstädters Dr. Isaak Bacharach, Konrektor des Technikums Nürnberg (Georg-Simon-Ohm-Hochschule). Ein Foto zeigt den Wissenschaftler um das Jahr 1930 mit seiner Frau Pauline, einer geborenen Rosenthal aus Fürth.

Auch das Projekt „hoerstolpersteine.net“, eine Kooperation von einem halben Dutzend Hörfunksendern, widmete sich Bacharach, billigte ihm in einer Reportage gar das Attribut eines Wissenschaftlers von Weltrang zu (Tobias Lindemann, Radio Z, Nürnberg).

Isaak Bacharach wurde am 2. Dezember 1854 in Seligenstadt geboren. Als Eltern könnten Samuel und Friederike Bacharach in Frage kommen, aber das ist nicht gesichert. Zwar lebt in Seligenstadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts „eine große Familie Bacharach“, wie Dietrich Fichtner schreibt, doch ist eine Einordnung Isaaks in diese Dynastie der Viehhändler und Metzger problematisch. Zudem sorgt ein weiterer Isaak Bacharach, geboren am 25. Oktober 1873, für Verwirrung. Exakter lässt sich das wohl kaum recherchieren.

Todesfallanzeige im KZ Theresienstadt: Enteritis.

Dafür haben Susanne Rieger und Gerhard Jochem die folgenden Jahre zusammengetragen: Nach vier Jahren Unterricht in seiner Heimatstadt Seligenstadt besuchte Bacharach vom 10. bis zum 14. Lebensjahr das Lehr- und Erziehungsinstitut in Pfungstadt, dann ein Jahr das Progymnasium in Seligenstadt und drei Jahre das Humanistische Gymnasium in Darmstadt. Stationen seines studentischen Lebens waren das Darmstädter Polytechnikum, die Universität Leipzig sowie Universität und Polytechnikum in München. Nach Bestehen der Lehramtsprüfung (1877) kam er über Würzburg 1879 als Reallehrer für Physik und Mathematik an die Königliche Realschule nach Erlangen. Er investiert viel Zeit in die Weiterbildung und promoviert mit 27 Jahren im Jahr 1881 an der Uni Erlangen mit einer Abhandlung über Schnittpunktsysteme algebraischer Kurven. In seinen weiteren wissenschaftlichen Arbeiten behandelt Bacharach mit dem Themenbereich Rotationsflächen/Flächen dritter Ordnung hochkomplizierte mathematische Zusammenhänge, beispielsweise den Capley’schen Schnittpunktsatz.

Vorzügliche Dienstleistung

Die Thematik „Schnittpunktsysteme algebraischer Kurven“ findet sich im Internet sehr häufig im Kombination mit dem Namen Isaak Bacharach, auch dessen Werk über den Capley’schen Schnittpunktsatz dient Fachleuten als profunde Quelle. Letzteren entwickelte er entscheidend weiter, so dass die Wissenschaft in der Folgezeit vom Capley-Bacharach-Theorem spricht. Dem Laien scheint es kaum möglich, diese ebenso komplexen wie komplizierten Sachverhalte halbwegs zu verstehen. Beispiel aus Bacharachs Gedankenwelt gefällig? „Es wird zunächst auf algebraischem Wege der folgende Fundamentalsatz der ganzen Untersuchung bewiesen: ‘‘Wenn von den $np$ Schnittpunkten einer Curve $n^{\\text{ter}}$ Ordnung und einer Curve $p^{\\text{ter}}$ Ordnung $pq$ auf einer Curve $q^{\\text{ter}}$ Ordnung liegen, so liegen die übrigen $p(n-q)$ Schnittpunkte auf einer Curve $(n-q)^{\\text{ter}}$ Ordnung.“

Im Jahr 1896 wird Bacharach die neue Professur für Mathematik und Physik an der Königlichen Industrieschule in Nürnberg übertragen, 1910 wird er zum Konrektor des Königlich Bayerischen Technikums befördert. Das Königreich Bayern, so Gerhard Jochem weiter, habe ihn durch die Verleihung des Verdienstordens vom heiligen Michael IV. Klasse mit der Krone (1917), des König-Ludwig-Kreuzes und des Luitpold-Kreuzes (1917) ausgezeichnet. Am 1. Februar 1920 wird Bacharach auf sein Ersuchen hin „unter Anerkennung seiner vorzüglichen Dienstleistung“ in den Ruhestand versetzt. Damals würdigten Tagespresse und das „Nürnberger Israelitische Gemeindeblatt“ Bacharachs Charakter und Verdienste in den höchsten Tönen. Letzteres zu seinem 70. Geburtstag mit der Feststellung, dass Bacharach „der erste und bisher einzige Jude geblieben ist, der zum Konrektor an einer bayerischen Mittelschule befördert wurde.“

Ins KZ deportiert

Im November 1931 stirbt Pauline Bacharach, Ende der 30er Jahre ziehen weitere dunkle und unheilkündende Wolken auf: Der braune Mob wird auch auf Isaak Bacharach aufmerksam. Der alte Mann muss nach 30 Jahren als Mieter an der Friedrichstraße 66 in Nürnberg in das „Judenhaus“ umziehen, später in ein jüdisches Schwesternwohnheim. Sein Sohn Emil, ein in Ungnade gefallener Landgerichtsrat, und Schwiegertochter Dora werden 1941 nach Riga deportiert und gelten als verschollen, Tochter Maria stirbt im Januar 1942. In kurzer Zeit hatte der alte Mann seine Angehörigen verloren.

Am 10. September 1942 wird der Mathematik-Wissenschaftler Isaak Bacharach „erbarmungslos ins KZ deportiert“, wie Jochem recherchiert hat. Wenige Tage später wird er ermordet („murdered“), wie das tschechische Portal „holocaust.cz“ auf seiner gleichnamigen Internetseite schreibt. Bacharach war demnach mit dem Transport II/25 von Nürnberg nach Terezín (Theresienstadt) gebracht worden: 1000, meist ältere Menschen, von denen 949 umgebracht werden. Nur 51 überleben.

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