Lesung mit Gabriele Wohmann

„Schnell muss es gehen“

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Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann liest in Seligenstadt einige ihrer „schönsten Erzählungen“ vor.

Seligenstadt - Mit den „Puddingkreppeln“ will sie das Publikum auf den Geschmack ihrer Literatur bringen. Der Text ist einer von vieren, die Gabriele Wohmann in der evangelischen Kirche vorliest. Sie habe sich sagen lassen, „das hier soll eine Fastnachtsstadt sein“. Von Sabine Müller 

Die Grande Dame der Kurzgeschichte kennt Seligenstadt kaum. „Ein Fehler“, erklärt sie, das habe sie schon bei den ersten Schritten hier bemerkt. Echtes Kompliment oder Komik? Auf trockenen Humor, wenn nicht gar Ironie, muss man bei ihr immer gefasst sein. Anbiederung dagegen hat die Darmstädterin nicht nötig. Am 21. Mai wird sie 82, bis heute wurden über 600 Erzählungen von ihr in vielen Sprachen veröffentlicht. Das Große Bundesverdienstkreuz und viele Literaturpreise wurden ihr zugesprochen. Als „besonderen Anlass“ wertet denn auch Moderator Pfarrer Martin Franke den Besuch der Schriftstellerin, zumal sie nicht mehr oft in der Öffentlichkeit liest.

Georg Magirius, freier Schriftsteller und Hörfunkjournalist aus Seligenstadt, hat den Auftritt eingefädelt, die evangelische Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen zusammen mit der Volkshochschule (Kulturring) organisiert. Magirius kennt die Autorin schon einige Jahre, hat mit ihr das Buch „Sterben ist Mist, der Tod aber schön. Träume vom Himmel“ veröffentlicht und vor zwei Jahren im Aufbau-Verlag den Band „Eine souveräne Frau“ mit Wohmanns 26 „schönsten Erzählungen“ herausgegeben. Dabei bemühte er sich, mit seiner Auswahl alle bald sechs Jahrzehnte abzudecken, wollte sie außerdem nicht nur als Schulbuchautorin vorstellen und auch längere Geschichten präsentieren, erklärt er im Dialog mit Pfarrer Franke. Auch zwei neue Texte sind dabei - Wohmanns Produktivität ist ungebrochen.

Geschichten von „Puddingkreppeln“ und Verliebten

In schmaler Gestalt sitzt sie vor dem Altar am zierlichen Lesetisch und wartet auf ihren nächsten Einsatz. Sie ist in schwarzem Hosenanzug und weißer Bluse gekommen, der dunkle Haarschopf mit den Ponyfransen und die rauchige Stimme gehörten schon immer zu ihren Markenzeichen. Die Geschichte „Verliebt, oder?“ mussten die etwa 110 Zuhörer gleich zu Beginn verdauen. Anfangs kommt sie vorgelesen etwas sperrig daher, dann entfaltet sich die Tragik der Ich-Erzählerin, deren Ehemann nach 53 gemeinsamen Jahren mit einer anderen ins Kino geht und sie vor seinen Rendezvous um Rat fragt. Eine beklemmende Situation, die jedoch nicht in Larmoyanz erstarrt, sondern durch die Analyse der Absurdität eine gewisse Leichtigkeit, fast Komik gewinnt. „Denn, bei aller Liebe, bei aller Nachsicht, etwas Pädagogisches behielt man besser immer im Blick“, heißt es im letzten Satz.

Auch hinter den „Puddingkreppeln“ offenbart sich der ganz normale Alltagswahnsinn eines langjährigen Ehepaares, das „wie immer“ seine Rituale pflegt und sei es, sich langatmig über den Genuss des süßen Gebäcks auszutauschen. Man kann das Verhalten des anderen vorhersagen, wie das Amen in der Kirche. Auch wenn einem dabei Loriot in den Sinn kommt: Die Oberhand behält hier Wohmanns liebevoller Blick auf ihre Figuren.

Die deutschen Literatur-Nobelpreisträger

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Sie habe schon immer gerne Geschichten erzählt, sagt Gabriele Wohmann bei der Plauderei mit Interview-Partner Martin Franke. Sich zum Beispiel mit ihrer Schwester gegenüber Fremden als „arme Kinder“ ausgegeben und ihre Eltern genötigt, mitzuspielen. Die Autorin kommt aus einem evangelischen Pfarrhaus, Themen wie Krankheit, Sterben und Tod streift sie in ihren Erzählungen unsentimental, manchmal wie beiläufig. Sie sei mit einem liebenden Gott vertraut geworden, so komme er auch in ihren Büchern vor. Doch als christliche Schriftstellerin versteht sie sich nicht, will sich ebenso wenig vor den Karren der Frauenbewegung spannen lassen. „Ich lasse die Geschichten so laufen“, bemerkt Wohmann lapidar. „Nur schnell muss es gehen“ - so wie in ihrer Erzählung „Kurz ist besser“.

Zeit für den Text „Die Schönste im ganzen Land“ hat die Autorin aber noch - im Fernsehen kommt heute nichts Spannendes. Gabriele Wohmann liebt Filme. Früher ging sie ins Kino, heute, da sie nicht mehr so mobil ist, sitzt sie vor dem heimischen TV-Gerät. Völlig unkritisch konsumiert sie allerdings nicht. So ist „Die Schönste“ eine scharfe Abrechnung mit den Shows à la Klum und Bohlen, „bei denen die Mädchen nur vorgeführt werden“. Zeit ist auch noch für das Signieren: Viele - vor allem Frauen im Alter 50 plus - interessieren sich am Büchertisch nicht nur für den aktuellen Erzählband. Sie haben eigene, teils schon etwas vergilbte Ausgaben mitgebracht, die sie schon vor Jahrzehnten lasen und die durch Gabriele Wohmanns Auftritt in Seligenstadt wieder aktuell werden.

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