„Wie eine Umarmung mit Handschuhen“

Lokalpolitiker aus Seligenstadt und Hanau bringen Botschaften zunehmend digital unters Wahlvolk

Grafische Darstellung von Menschen
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Die politische Auseinandersetzung verlagert sich bei den Kommunalwahlen zunehmend ins Digitale. Gleichwohl sollten auch persönliche Aktivitäten nicht zu kurz kommen, mahnt ein Psychologe.

Die Coronapandemie hat auch die Kommunalwahl fest im Griff. Die Wahl am 14. März wird zwar nicht ausfallen. Aber der Wahlkampf wird ein anderer, verschiebt sich zum Teil ins Internet.

Offenbach/Hanau – Ein eckiger Bildschirm statt Auge in Auge, Gespräche nur, wenn der Online-Chat es erlaubt: Der Wahlkampf zur Kommunalwahl am Sonntag, 14. März, ist anders. „Bequemer und besser organisierbar“, sagen die einen. „Ohne Gefühl und menschliche Begegnung“ die anderen. Damit abgefunden, dass in Zeiten der Viruspandemie weder ein Austausch mit Kaffee und Smalltalk noch Podiumsdiskussionen mit großer Besucherzahl möglich sind, haben sich indes alle Beteiligten. Wie also die Botschaft ans Wahlvolk bringen?

Es sind die digitalen Formate, die den Nutzer davon überzeugen sollen, sein Kreuzchen neben dem „richtigen“ Kandidaten zu setzen. Facebook, Twitter, Google, Youtube, Instagram und zum Teil auch der Messaging-Dienst WhatsApp erweisen sich als einzige Alternative zum persönlichen Klinkenputzen oder dem großen Auftritt. Was auf den ersten Blick mit ein wenig Arbeit am Computer so einfach erscheint, hat allerdings seine Stolperfallen. Nicht allen Generationen von Wählern und Kandidaten geht die Nutzung der Dienste gleich flott von der Hand. Und so heißt es auf mancher Webseite auch neun Wochen vor der Wahl noch „Under Construction“ und in den Sozialen Netzwerken herrscht völlige Stille. Andere haben dagegen die Zeichen der Zeit erkannt, wissen um die Notwendigkeit der Kontinuität im digitalen Erscheinen und trommeln auf allen Kanälen.

Kommunalwahl: CDU Seligenstadt setzt auf Facebook und Instagram

„Wir beschäftigen uns schon lange mit dem Thema digitale Kommunikation, das ist für uns nichts Neues“, sagt etwa Oliver Steidl, Vorsitzender der CDU Seligenstadt. Neuestes Projekt ist der „Digitale Auftakt 21“, eine Art Neujahrsempfang mit Judith Gerlach, der bayerischen Staatsministerin für Digitales aus dem benachbarten Aschaffenburg. In einem Live-Stream stellen sich die Spitzenkandidaten vor, ein Austausch im Anschluss ist möglich. „Wir werden alles nutzen, was digital machbar ist“, kündigt Steidl an. Fit gemacht für die Online-Projekte hat sich auch der stellvertretende Vorsitzende, Achim Steibert, in einer Schulung der Hessen CDU. Dabei habe man sich aufgeteilt, teilt er mit. „Ich habe mich für Facebook entschieden, die Junge Union wird sich um Instagram kümmern.“

Digital aufgerüstet haben ebenso bereits seit längerer Zeit die Grünen in Hanau. Eine Webseite verweist auf die „Kommunalwahl 2021“, aufgelistet sind das Wahlprogramm und die Vorstellung der Kandidaten mit Bild und Videos. Auch auf Facebook und Instagram wechseln sich diese Informationen stringent mit Meldungen ab. „Aktuelles gibt es bei uns nahezu täglich“, teilen die Hanauer Grünen mit.

SPD Unterbezirk Offenbach plant coronakonforme Wahlkampfstände

„Es ist immer einfacher, wenn man jemandem gegenübersteht, aber die digitalen Möglichkeiten sind die einzigen, die wir derzeit haben“, sagt Nadine Gersberg, stellvertretende Vorsitzende des SPD Unterbezirkes Offenbach und als Landtagsabgeordnete Mitglied im Ausschuss für Digitales und Datenschutz. Schon das Wahlprogramm habe man mithilfe von Online-Konferenzen in Bürgergesprächen zusammengestellt. „Dabei haben wir vielleicht nicht mehr Beteiligte erreicht, aber durchaus mal andere Leute.“ Inzwischen habe jeder Kandidat ein eigenes Facebook- und Instagramprofil. Trotzdem kündigt Gersberg an: „Auch wenn wir die Sozialen Medien nutzen werden, haben wir, natürlich coronakonform, auch Wahlkampfstände geplant.“

Persönliche Begegnungen, wann immer es möglich ist, empfiehlt Diplom-Psychologe Werner Gross vom Psychologischen Forum in Offenbach. „Ein rein digitaler Wahlkampf ist ein bisschen so wie eine Umarmung mit Handschuhen“, sagt er. Spiele doch gerade in lokalen Zusammenhängen der persönliche Kontakt oft eine wichtigere Rolle als die Parteizugehörigkeit. Wer nur noch medial handele, erzeuge eine andere Art von Bild, nicht selten rein von der „Schokoladenseite“ her. „Es ist die totale Betonung der beiden Sinneseindrücke hören und sehen, eingestellt in dem Viereck des Bildschirms.“

Diplom-Psychologe befürchtet Rückgang der Wahlbeteiligung

Für die kommende Kommunalwahl befürchtet er auch durch die digitale Distanzierung einen Rückgang der Beteiligung. „Politik hat insgesamt eine immer geringere Bedeutung, so nach dem Motto, die machen ja eh, was sie wollen.“ Sein Tipp für die Kandidaten: „Das Digitale nicht vernachlässigen, aber auch persönliche Aktivitäten vermitteln und sei es ein Besuch am Briefkasten mit dem Einwurf von Infomaterial.“ (Von Barbara Scholze)

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