Angeblicher sexueller Übergriff beschäftigt Soziale Medien

Mädchen von Flüchtling belästigt? Staatsanwalt ermittelt

Seligenstadt - Eine besorgte Mutter berichtet im sozialen Netzwerk Facebook, dass ihre Tochter von einem Flüchtling belästigt werde, mahnt Eltern zur Vorsicht und streut das Gerücht, ein minderjähriges Mädchen sei in Seligenstadt vergewaltigt worden. Von Katrin Stassig und Oliver Signus

Die Nachricht wird innerhalb weniger Stunden mehr als 300 Mal weitergeleitet. Recherchen unserer Zeitung ergeben: Es gab tatsächlich eine Anzeige wegen des Verdachts auf einen sexuellen Übergriff. In einem öffentlichen Facebook-Beitrag beschreibt Biggi Friedmann, dass ihre Tochter „seit längerer Zeit“ von einem Flüchtling belästigt werde, der unerlaubt Bilder des Mädchens in seinem Profil zeige und ihr nachstelle. Auch andere Eltern berichten, dass ihre Töchter sich von Gruppen männlicher Asylbewerber bedroht fühlen, von Pfiffen und verbalen Angriffen ist die Rede. Biggi Friedmann hat gegen den jungen Mann Anzeige erstattet, nachdem ein persönliches Gespräch nicht gefruchtet habe. Polizeisprecherin Andrea Ackermann (Offenbach) bestätigt, dass bei der Polizei in Seligenstadt Anzeige erstattet wurde – wegen des Verdachts einer Straftat gegen das Kunsturhebergesetz. Die Polizei habe den Verdächtigen ermittelt, das Foto habe aber nicht sichergestellt werden können, da das Benutzerkonto gelöscht worden sei. Bei dem jungen Mann werde zeitnah eine sogenannte Gefährderansprache erfolgen.

Die Mutter berichtet in ihrem Beitrag noch von einem anderen Fall, von dem sie gehört hat: „In Seligenstadt wurde ein minderjähriges Mädchen bereits vergewaltigt“, schreibt sie. Auch aus anderen Quellen gelangt diese Geschichte in die Redaktion. Die Polizeipressestelle bestätigt, dass eine Anzeige wegen des Verdachts auf sexuellen Übergriff auf eine Minderjährige in Seligenstadt vorliegt, verweist für weitere Auskünfte auf die zuständige Staatsanwaltschaft Darmstadt. Dort ist von Pressesprecher Dr. Axel Kreutz zu erfahren, dass bei seiner Behörde ein Ermittlungsverfahren läuft. Kreutz teilt mit, dass sich die Tat am 4. November gegen 7 Uhr zwischen Würzburger Straße und Einhardstraße ereignet haben soll, Anzeige sei aber erst am 14. November erstattet worden. Auf Nachfrage berichtet Kreutz, der Tatverdächtige besitze nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Er sei Asylbewerber und halte sich nach eigenen Angaben seit zirka einem Jahr in Deutschland auf. „Die Ermittlungen dauern noch an, so dass keine weiteren Einzelheiten zum mutmaßlichen Tatgeschehen bekannt gegeben werden können“, so Kreutz weiter.

Bürgermeister Dr. Daniell Bastian sagt, er sei von Burkard Müller, Koordinator des AK „Willkommen in Seligenstadt“, über die Vorkommnisse informiert worden. Er werde sich mit Vertretern von Polizei und Arbeitskreis „zeitnah“ zusammensetzen. Dabei sei die Situation zu analysieren. Zudem solle überlegt werden, was präventiv getan werden könne. Es sei ein schwerer Spagat zwischen „Panikmache verhindern und Problem nicht kleinreden“, so der Rathauschef.

Mehr als 100 Anzeigen nach Übergriffen in Köln

Das Thema sexuelle Gewalt beschäftigt, nicht zuletzt durch die Vorkommnisse in Köln, auch die Helfer des Arbeitskreises „Willkommen in Seligenstadt“. In einer Stellungnahme auf seiner Homepage verurteilt der AK das „frauenverachtende“ Verhalten der Täter in der Silvesternacht, warnt aber auch vor Verallgemeinerungen, Vorverurteilungen und Generalanschuldigungen. Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen mit unterschiedlichem Rollenverständnis sei ein schwieriges und komplexes Thema, sagt AK-Koordinator Müller. „Wir beschäftigen uns sehr intensiv damit.“ Das Problem sei bekannt, zumal in Seligenstadt in den neuen Wohncontainern an der Einhardstraße seit kurzem sehr viele junge Männer untergebracht seien. Auch Müller verweist auf Gespräche mit Bürgermeister und Polizei zur Abstimmung präventiver Maßnahmen.

„Missverständnisse“ hatte es laut Seligenstadts Polizeichef Josef-Michael Rösch bei der Aufnahme der Anzeige von Biggi Friedmann gegeben. So habe die Mutter den jungen Flüchtling wegen Stalkings (wiederholtes Belästigen) anzeigen wollen. Die „rechtliche Würdigung“ sei aber eine andere, relevant sei der Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz. Ein Grummeln des Beamten wegen Problemen mit dem Computer bei der Aufnahme der Anzeige habe die Frau wohl auf sich bezogen und sich via Facebook über die Ordnungshüter beklagt. In einem „langen persönlichen Gespräch“ habe sich Rösch bei ihr entschuldigt, Biggi Friedmann relativierte ihre Aussage später im sozialen Netzwerk. Rösch betont, dass die Polizei „die Ermittlungen beschleunigt und den Täter, der nicht mehr in Seligenstadt lebt, identifiziert hat“. Die Anzeige werde an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die entscheide, ob Anklage erhoben werde.

Hunderte demonstrieren gegen Sex-Übergriffe vor Kölner Dom 

Rubriklistenbild: © dpa

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