Sechs Bands und sechs Stunden Programm:

„Sound of Seligenstadt“ überzeugt bei dritter Auflage

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Mit Hessenrock und schräger Optik legten „Badekapp“ am Samstag einen Einstand nach Maß beim Sound of Seligenstadt hin.

Seligenstadt - Lust auf Neues, Wiedererkennungswert und vielleicht auch gesteigerter Appetit nach einem Jahr Verzicht – gemeinsam erklären sie zumindest teilweise, warum der „Sound of Seligenstadt“ am Samstag ein so spektakuläres Echo fand.

Mit Qualität lässt sich das X, mit Mut das Y in der Gleichung auflösen: Nicht junge Aufsteiger, vielmehr gestandene Profis und zähe Dranbleiber sorgten für den neuerlichen Erfolg des Konzertfestivals. Ein Jahr Pause: Nicht freiwillig hatte das Kunstforum sein 2015 gestartetes und 2016 wiederholtes Festival-Format auf dem Bubenschulhof 2017 im Leerlauf gelassen. Abstimmungsprobleme mit der Basilika nebenan und deren liturgischem Fahrplan waren nach Worten von Doris Juliana Heintschel, eine der drei Vereinsvorsitzenden, dafür verantwortlich. Mit Rücksicht auf den Gottesdienst legten die Musiker ab 18 Uhr eineinhalb Stunden Pause ein. Sich rar zu machen, ist unter solchen Umständen nicht das Schlechteste. Um die 400 zahlende Besucher lieferten am frühen Samstagabend die Bestätigung, und da machten sich „Geoff“ Gottfried Frickel und seine „Magic Tones“ noch hinter den Kulissen warm.

Sechs Bands und ebenso viele Stunden Sound: Das Kunstforum-Festival auf dem Hof der ehemaligen Hans-Memling-Schule neben der Basilika begeisterte am Samstag Musikfans aller Generationen.  

Ein Jahr mehr Zeit auch, um Erfahrungen zu verdauen und Stellschrauben zu drehen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Durchgängen pflegte das Kunstforum diesmal keine Jungpflanzen im Urwald der lokalen Musikszene, sondern lehnte sich an besonders starke Stämme. Unter ihnen ragt Stefan Weilmünster wie ein Mammutbaum auf. Mit der Jazz-Bigband, die der Saxofon-Profi und Hochschuldozent an der Musikschule aufgebaut und groß gemacht hat, legte „Weili“ zum Einstieg am Nachmittag die Messlatte auf Olympia-Niveau. Über höflichen Applaus für wackere Bemühungen ist diese Truppe längst hinaus. Mit Swing, wie ihn Duke Ellington oder Count Basie hätten schreiben können, Funk und Jazzrock heimste die Combo Jubel ein. Gespitzte Ohren begleiteten später Weilmünsters zweiten Auftritt mit „Sumner’s Tales“. Gordon Matthew Sumner kennt die Welt als „Sting“. Um ihn als Solisten und seine nicht weniger legendäre Band „The Police“ kreisten die „Tales“, die Geschichten, welche die fünf Profis klingen ließen.

Nicht ganz so berühmt wie Weili und sein Team, tatsächlich aber deutlich länger im Geschäft sind „iKatze Blues“. Der schräge Name wurzelt im Wortsumpf der Smartphone-Ära, wo „Katze“ für das englische „got the“ stehen kann. Dass Achim und Horst Grimm, Oswin Haas und Winfried Reuter den Blues haben und Soul noch dazu, wissen sie voneinander schon seit den 1970er Jahren. Seit Samstag weiß es auch Seligenstadt. Ebenfalls seit Samstag dürfte der Letzte begriffen haben, dass Jan Masuhr nicht nur klassische Gitarre kann. Seine Soli stellen einiges in den Schatten, was seit den Jazzrock- und Motown-Tagen als Nonplusultra gilt. Hinter der Soul-Stimme von Rebecca Roth entfaltete der Ausnahme-Musiker mit seiner Jan-Masuhr-Band (JMB) Brillanz, begeisterte sowohl treue als auch neue Fans mit Rock, Edelpop und Blues.

„Sound of Seligenstadt“ an der Basilika: Fotos

Als Band-Sucher und Programmregisseur steckte Masuhr auch hinter der gelungenen Festival-Dramaturgie. In den Endspurt schickte er antrittsstarke Nachbarn: „Badekapp“, noch relativ neu und bisher vor allem in Rodgau zugange, führten sich mit Hessenrock aus den 80ern von Monotones bis Flatsch hervorragend ein und hätten es manchem Finalisten schwer machen können – aber nicht dem Rock’n’Roll-Tornado aus Klein-Krotzenburg. Dass der ultimative Sound of Seligenstadt aus den 1960er Jahren herüberdröhnen und die Nacht in Partylaune auflösen würde, war Doris Heintschel und ihrem rund 50 Köpfe starken Kunstforum-Team schon vorher klar: „Geoff and the Magic Tones“ sind eine Klasse für sich. Kein Seligenstädter Original? Zweitrangig, findet die Vorsitzende. Die Stadt allein biete auf dem Profi-Level zu wenig Breite – „also sehen wir’s regional“. (zrk)

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