Mann, hawe die en Duppe, es war doch nur Wutzeschnuppe

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Pest oder Cholera? „Wutzeschnuppe“ war's, meinen die Pienzjer. Wär´ auch ziemlich grauslich geworden oder?

Seligenstadt ‐ Wehe, wenn sie losgelassen! In seinen Grundfesten erbebte gestern wieder einmal das Schlumberland, als Narren aus allen Richtungen vieltausendfach Einzug hielten. Von Michael Hofmann

Zum Höhepunkt der Fastnachtskampagne 2010 schlängelte sich ein mächtiger, 99 Nummern starker, etwa drei Kilometer langer und von 15 Kapellen getragener, heftig pulsierender Lindwurm durch Seligenstadt, verwandelte die Innenstadtstraßen in einen gewaltigen Gaudiparcours. Spaßbremsen hatten Hausarrest!

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40.000 sehen Seligenstädter Umzug

Mehr als 40 Fußgruppen, 22 Motivwagen, Garden und ein halbes Dutzend Komiteewagen begeisterten rund 40.000 Fans - Schätzungen liegen auch drunter und drüber - entlang der Strecke. Grenzenlose Phantasie, Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, garniert mit Witz und Pep, Seitenhiebe in Richtung ganz große und relativ kleine Politik - das waren die bewährten Ingredienzien eines Volksfestes, das in dieser Ausgelassenheit wohl nur die Seligenstädter feiern können. Gut zwei Stunden lang ließen Einheimische und Gäste das Städtchen in seinen Urfesten erbeben - echt Sellestädter Narren hatten frühmorgens natürlich am Weckruf teilgenommen, Prinz und Prinzessin am Tag der Tage willkommen geheißen.

Während die Musikkapellen Pulsschlag und Tanzschritte der Massen mit Hits, Fastnachts-Hymnen, Gassenhauern oder stampfenden Rhythmen in ihren Bann zogen und dirigierten, genossen die Prinzen- und Kinderprinzenpaare sichtlich das ausgiebige Bad in der Menge. Da grüßten und winkten, küssten und herzten, lachten und scherzten die Krotzebojer Tollitäten Lea und Frank samt Elferrat, Nina und Ruben, die Kinderregenten aus Froschhausen, die dortigen Harmonie-Sympathieträger Melanie und Udo oder das Seligenstädter Kinderpaar Dana und Kevin. Hof hielten natürlich auch die Regenten im Schlumberland, Prinzessin Christien und Prinz Reinhard. Sie hatten standesgemäß in einer von vier Pferden gezogene Prinzenkutsche in Form des überdimensionalen Geleitslöffels Platz genommen und als vorletzte Zugnummer vor dem Heimatbund-Elferwagen alles im Blick.

Höhepunkte: Zwei Dutzend Motivwagen

Unkonventionell zwischen die Tollitäten drapiert und sprühend vor Energie und Tatendrang: die Fußgruppen, Stimulanz der Fastnachtssuppe Marke Schlumberland. Sie bewiesen wieder einmal nachdrücklich, wie sehr das Brauchtum Fastnacht in der Bevölkerung verankert ist. Mal kess, mal kunterbunt, mal historisch oder reine Phantasie, immer aber „buntisch und lustisch“ - die Fans am Straßenrand waren begeistert von der Farbenpracht der unzähligen Kostüme. Und weil Narren weder Raum, noch Grenzen oder Zeit kennen, nahmen sie das Publikum mit auf eine tolle Reise ins Weltenrund mit den Stationen Mexiko, China, Afrika, Schlaraffenland und Meeresgrund.

Alle Erwartungen übertroffen haben die Wagenbauer mit ihren unnachahmlichen Kreationen: Die fast zwei Dutzend Motivwagen zählten zu den Höhepunkten des Zugs. Allen voran die Einhardwiwwel mit ihrer sagenhaften Venedig-Konstruktion, bei der die Rialtobrücke das Bindeglied von Wagen zu Wagen war. Klasse auch die Gaudianer, die den Klimawandel thematisierten, oder die Einhardschlumber, die „klaane Schlumber“ bauten und sie eine Riesenrutsche hinunterschickten.

Emmaschule, -klinik, -Café und Emmastraße - kein Wunder, dass die „Blocker“ sich in der Emmastadt wähnten. Sensationell auch die Pienzjer, die mit einem unglaublichen Turbo-Schweinsgetier motzten: „Gerüst für Pest und Cholera, man hawe die en Duppe, es war doch nur en Wutzeschnuppe“. Die örtliche Politik nahmen Maries Bunker-Schlumber volley: „Frosch-Politik eine Plage, dem Rest der Stadt platzt der Krage.“ Einen drehbaren Robin-Hood-Wagen kreierten die Plattgedappte Ausschmeißgudsjer - einfach super!

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