Umzug aus dem Rathaus nach Froschhausen

Mehr Platz zum Stöbern im Stadtarchiv Seligenstadt

Schimmel und der Zahn der Zeit bedrohen die Zeitungsbände im Stadtarchiv. Dieser Band mit Ausgaben des Offenbacher Intelligenzblattes aus den Jahren 1872 bis 1880 wäre bei zügiger Behandlung noch zu retten.
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Schimmel und der Zahn der Zeit bedrohen die Zeitungsbände im Stadtarchiv. Dieser Band mit Ausgaben des Offenbacher Intelligenzblattes aus den Jahren 1872 bis 1880 wäre bei zügiger Behandlung noch zu retten.

Nach Jahrzehnten im Rathaus hat sich das Stadtarchiv Seligenstadt unter neuer Adresse in Froschhausen eingerichtet.

Seligenstadt – Was wirklich alt ist, das bleibt und wird mehr. Sonst aber ist am Dreh- und Angelpunkt der Stadtgeschichte momentan fast alles in Bewegung: Nach Jahrzehnten im Herzen der Altstadt hat sich das Stadtarchiv unter neuer Adresse in Froschhausen eingerichtet. Archivarin Dr. Ingrid Firner arbeitet eine Nachfolgerin ein, die am Jahresende übernehmen soll. Die beiden größten Herausforderungen hat Stella Bartels-Wu schon identifiziert: Die Digitalisierung und den nimmersatten Zahn der Zeit.

Als Bürgermeister Dr. Daniell Bastian die beiden Damen im früheren Postgebäude am Freiherr-vom-Stein-Ring besucht, herrscht in den frisch renovierten Räumen gleich neben der Feuerwehr normaler Betrieb. Heimatforscher Thorwald Ritter hat sich am großen Arbeitstisch niedergelassen und nutzt die dienstägliche Öffnungszeit, um Heiratsverzeichnisse aus dem 19. Jahrhundert zu studieren. Ob er wie früher in die Altstadt radelt oder nun nach Froschhausen, spielt für den Hainstädter keine Rolle: „Die Entfernung ist ungefähr die gleiche, aber hier ist mehr Platz“.

Um Platzfragen ging es laut Bastian auch, als sich seine Verwaltung Ende vergangenen Jahres entschloss, das historische Gedächtnis Seligenstadts nach Jahrzehnten aus dem Rathaus auszulagern. Eine interne Entscheidung sei das gewesen, erläutert der Bürgermeister, ohne politischen Beschluss und der chronischen Raumnot im Verwaltungssitz geschuldet.

Die ehemalige Hans-Memling-Schule, als neuer Archivstandort ins Auge gefasst, schied nach Bastians Worten aus technischen Gründen aus: Das Gewicht von mehr als 120 000 Urkunden, Büchern, Bildern und ähnlichen Dokumenten aus sieben Jahrhunderten hätte das alte Gebäude statisch nicht ausgehalten. Die reale Last der Vergangenheit zu unterschätzen, ist laut Stella Bartels-Wu ein häufiger Fehler beim Archivaufbau: Vollgepackte Stahl-Regale drücken nach Worten der Fachfrau, die einen Master-Abschluss in Archivwissenschaften mitbringt, mit bis zu 9 000 Kilonewton pro Quadratmeter auf der Architektur.

Neben den Archivarinnen Stella Bartels Wu (l.) und Dr. Ingrid Firner schätzt auch Stammgast Thorwald Ritter die größeren Räume.

Der massive Betonbau in Froschhausen stand laut Bastian leer, hatte eine gründliche Renovierung nötig und bot sich geradezu an. Seit dem Auszug der Post habe es in der stadteigenen Immobilien nie eine dauerhafte Nutzung gegeben. Auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms 2015/16 habe sie dem Arbeitskreis „Willkommen in Seligenstadt“ gute Dienste geleistet: Mehrere Jahre wurden die Ankömmlinge von den Ehrenamtlichen dort mit Hausrat, Kleidung und sonstigem Zubehör für den täglichen Bedarf versorgt.

Dann aber verlagerte sich deren Tätigkeit in das Sprach- und Bildungszentrum Flidum an der Kolpingstraße in der Kernstadt. Die alte Post war wiederum verwaist, bis im vergangenen Dezember die Vorarbeiten für den Einzug des Stadtarchivs begannen.

Dr. Ingrid Firner, seit 2014 als Archivarin für die Stadt tätig, macht aus ihrem Bedauern keinen Hehl: „Ein historisches Archiv gehört in die Nähe der Verwaltung, deren Tätigkeit es seit der frühen Neuzeit dokumentiert“. In Froschhausen schätzt die 73-jährige Historikerin, die den Dokumentenbestand in den vergangenen Jahren komplett inventarisiert und gleichsam nebenbei einige bedeutende Forschungsarbeiten etwa zum Geleitswesen veröffentlicht hat, nach eigenen Worten den Raumgewinn. Dass der Zuwachs von rund 100 Quadratmetern für die Ewigkeit reicht, bezweifelt sie freilich: „Ein Archivar denkt in Jahrhunderten“. Auch im Digitalzeitalter sei der Zulauf an Urkunden, etwa aus Familiennachlässen, noch beträchtlich.

All dieses Material und die vorhandenen Bestände elektronisch zu sichern, nimmt Stella Bartels-Wu als zentrale Aufgabe wahr. Bewährt und erfahren in namhaften Archiven, wie dem des Deutschen Caritas-Verbandes in Frankfurt, bringe die neue Kraft auf diesem Gebiet einige Erfahrung mit, betont Bürgermeister Bastian.

Laut Firner greift die digitale Kommunikation auch in ihrer Branche immer wichtiger. Schon jetzt ersetze die E-Mail-Anfrage nach bestimmten Dokumenten, die dann eingescannt und abgeschickt würden, vielfach den persönlichen Archivbesuch. „Für uns ist das mehr Arbeit“, sagt die Wissenschaftlerin und sieht noch einen weiteren Nachteil: Das persönliche Stöbern in alten Dokumenten fördere immer wieder interessante Funde zutage. Diese spontane Erkenntnisquelle drohe längerfristig zu versiegen.

Auf jeden Fall digitalisieren wollen sowohl Firner als auch Bartels-Wu das umfangreiche Zeitungsarchiv – schon zur Sicherheit, denn vielfach zeigt das besonders holz- und säurehaltige Zeitungspapier Verfallserscheinungen bis hin zum Schimmelbefall. Stella Bartels-Wu weiß, was da zu tun ist: Mit Kalk entsäuern, dann konservieren, besonders angegriffene Seiten auf Spezialpapier ziehen.

Die Bestandserhaltung will die neue Archivarin zunächst in den Vordergrund stellen, möglichst auch das Klima im großen rückwärtigen Raum mit hunderten von Archivkartons optimal bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und 18 Grad Celsius einjustieren. Laut Bartels-Wu gibt es ein Förderprogramm des Landes Hessen, das Kommunen bei der Optimierung ihrer Archive bis zu 80 Prozent der Kosten abnimmt. Bürgermeister Bastian gab sich aufgeschlossen: „Das sehen wir uns genauer an“.  (zrk)

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