Meisterleistung der Ingenieurskunst

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Über unwegsames Gelände wurde die Bahnstrecke durch Anatolien gebaut. Tunnel und Brücke stellten die Ingenieure vor immer neue Herausforderungen.

Seligenstadt ‐ Trist und verwahrlost, unbewohnt und, mit Verlaub, einfach dreckig. So präsentiert sich der Seligenstädter Bahnhof. Dabei war der Anschluss der Einhardstadt an das Schienensystem Ende des vorvergangenen Jahrhunderts ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft. Von Thomas Hanel

Am 1. Mai 1882 hielt morgens um 7.17 Uhr der erste Zug auf seiner Fahrt von Hanau nach Babenhausen, kurze Zeit später wurde die Teilstrecke an Frankfurt angeschlossen. Zwei Seligenstädter Brüder, Jakob und Karl Gallus, werden vielleicht die Einfahrt der ersten Züge nach Seligenstadt beobachtet haben, nicht wissend, dass die Eisenbahn einen wichtigen Teil ihres künftigen Lebens bestimmen sollte. Allerdings nicht im heimeligen Seligenstadt, sondern in der fernen Türkei und am Persischen Golf. Jakob und Karl Gallus waren als Bauingenieure am Bau der so genannten Bagdadbahn beteiligt, der geplanten Verbindung zwischen dem Persischen Golf und dem europäischen Festland.

Die Gallus-Brüder entstammten einer alten Seligenstädter Familie, seit vielen Generationen ansässig in der Mainstadt. Beide wurden an der Fachhochschule Darmstadt zu Bauingenieuren ausgebildet. Sie traten in die Dienste der international tätigen Baufirma Philipp Holzmann in Frankfurt. Jakob Gallus unternahm damals als erster die abenteuerliche Reise in die Türkei, wo er im Jahr 1904 in Konya Eregli für Holzmann arbeitete.

Jakob landete in Ostafrika

1905 schickte ihn sein Arbeitgeber weiter nach Daressalam in Deutsch-Ostafrika. Inzwischen begannen unter Führung der Deutschen Bahn die Bauarbeiten für die Bagdadbahn, ein Projekt, das den jungen Seligenstädter Ingenieur sehr reizte. Er stimmte deshalb im Jahr 1910 seinem Transfer von Ostafrika in die Türkei zu.

Zum Hintergrund: Das ehemalige osmanische Reich, welches um die Jahrhundertwende neben dem Gebiet der heutigen Türkei noch große Teile des mittleren Ostens umfasste, kränkelte. Das Land suchte Hilfe beim Deutschen Reich. Gemeinsam wollte man mit der Bagdadbahn Verkehrswege und Infrastruktur zwischen den Länder ausbauen - auch, um ein Gegengewicht zur Großmacht England und dem Suezkanal zu schaffen.

Karl folgte in die Türkei

Der Bau der Bagdadbahn gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst. In Fortsetzung der Anatolischen Bahn führte die 2.400 Kilometer lange Trasse von Istanbul über Mosul, Bagdad und Basra. Über 35.000 Arbeiter waren zeitweise mit dem Projekt beschäftigt. Und Ingenieure wie die Seligenstädter Brüder Gallus waren gefragt: Die Bahnstrecke verlief teilweise auf einer Höhe von fast 1500 Metern. Erhebliche Schwierigkeiten beim Bau bereiteten vor allem die häufig wechselnden Geländeverhältnisse. Sie stellten die deutschen Bauingenieure immer wieder vor große Herausforderungen. Die Durchquerung des Taurusgebirges in Anatolien ist die größte Leistung des Bahnbaus Anfang des vergangenen Jahrhunderts: Die Strecke führte 64 Kilometer durch das Gebirge und erreichte dort eine maximale Höhe von 1478 Metern. Neben 44 Tunneln auf 20 Kilometer Länge, die durch den Fels gesprengt werden mussten, waren unzählige Brücken und Viadukte zu errichten.

Der Erste Weltkrieg brach aus, und Jakob Gallus wurde eingezogen. Im Jahr 1915 kehrte er, mittlerweile mit Anna Maria Maier aus Klein-Auheim verheiratet, mit seiner jungen Frau in die Türkei zurück. Bruder Karl, der gemeinsam mit ihm in Afrika gearbeitet hatte, folgte ihm. Karl musste keinen Wehrdienst leisten.

Baustopp wegen des Weltkriegs

Im Zuge des Weltkriegs wurde der Bau der Bagdadbahn gestoppt, Jakob als Kriegsgefangener nach Malta gebracht. So war es am jüngeren Bruder Karl, seine hochschwangere Schwägerin auf der beschwerlichen Fahrt von Anatolien zurück in die Heimat zu begleiten. Dabei mussten sie, so ist es verbrieft, immer wieder ihr Zugabteil mit Hühnern und Ziegen der Einheimischen teilen. Nach vielen Wirren erreichte die kleine Reisegesellschaft Deutschland, in München kam Tochter Erna zur Welt. Allein mit zwei kleinen Kindern und ohne Ehemann schaffte Anna Maria  es schließlich nach Seligenstadt. Als Jakob in die Einhardstadt zurückkam, war die Kolonialisierungspolitik des Kaisers Wilhelm II. gescheitert - und somit auch das Abenteuer Bagdadbahn.

Gemeinsam mit seinem Bruder hatte er keine Scheu, ein neues Betätigungsfeld zu finden. Im Jahr 1922 gründeten sie eine Lederschärferei- und -glätterei. Erster Sitz des Unternehmens war an der Aschaffenburger Straße, in den Nebenräumen des Bauernhofs der Familie. Das Unternehmen expandierte und firmierte ab 1925 unter dem Namen „Jakob Gallus Lederschärferei, Präge- und Vergoldeanstalt“.

1928 kaufte Gallus ein Betriebsgelände an der Frankfurter Straße gegenüber der Wendelinuskapelle. Das immer härter werdende Mode- und Ledergeschäft raubte dem Unternehmen nach vielen erfolgreichen Jahren aber die Existenzgrundlage. 1994 wurde der Betrieb eingestellt - sein Gründer, der Bauingenieur, Türkei- und Afrika-Reisende Jakob Gallus, erlebte dies freilich nicht mehr, er starb überraschend schon im Jahr 1945.

(Quelle: „Auf überwachsenen Pfaden“, Chronik der Familie Neubauer, erhältlich im Buchhandel)

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