„Mit uns spricht kein Mensch"

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Marcus Schleicher: Sein Einfamilienhaus steht direkt neben dem Mehrfamilien-Block. Er befürchtet nun die Einkesselung des Anwesens.

Seligenstadt – Viele der Anwohner der Seligenstädter Giselastraße sind sauer. Sie befürchten den schleichenden Verlust von Lebensqualität, die Wertminderung ihrer Häuser und erhöhte Verkehrsdichte. Von Thomas Hanel

Kurz gesagt: eine komplette Veränderung der jahrzehntealten Wohnstruktur. Grund dafür sind Pläne von Bauträgern, große Wohnblocks an der sonst von Ein- oder Zweifamilienhäusern geprägten Straße zu errichten. Ein erster, 35 Meter langer und dreieinhalb Geschosse hoher Block wurde bereits errichtet, ein Bauschild in Höhe der Hausnummer 11 macht auf ein weiteres Vorhaben aufmerksam. Dort sollen sieben Wohnungen entstehen, wo bislang nur ein Einfamilienhaus stand. „Potentiell stehen noch Flächen für weitere fünf oder sechs Mehrfamilienhäuser bereit“, befürchten die Sprecher der Interessengemeinschaft Giselastraße. Eine Bebauung dieser Flächen käme einer völligen Umstrukturierung des Wohngebiets gleich.

Bereits im September starteten einige Anwohner der Giselastraße, unter ihnen Marcus Schleicher und Markus Sommer, eine Unterschriftenaktion für den Erhalt der derzeitigen Wohnstruktur. Mehr als 100 Anwohner der Straße zeigten sich solidarisch. In dem Schreiben der Initiative, gerichtet an das Kreisbauamt mit Kopie an Bürgermeisterin Nonn-Adams und das Seligenstädter Bauamt, heißt es: „Wie zu erfahren war, ist die Stadt Seligenstadt mit der zukünftigen Bebauung mit solchen Wohnblöcken an der Giselastraße sowie einem geplanten Objekt an der Rektor-Weil-Straße einverstanden und würde diese Nachverdichtung begrüßen.“ Dies sei für die Anwohner unverständlich, da damit unter anderem ein höheres Verkehrsaufkommen einhergehe. „Gerade in diesem Gebiet sollte das vermieden werden, da es sich um Schulwege zwischen Bahnhof, Bahnübergang und den drei Schulen handelt.“ Überhaupt nehme der Verkehr auf der Giselastraße seit Jahr und Tag zu, da Westring und Giselastraße mittlerweile als „Umgehung“ des Verkehrsknotens am Wasserturm etabliert seien.

Anwohner sehen sich juristisch im Recht

Juristisch sehen sich die Anwohner im Recht: Da für die Giselastraße kein Bebauungsplan existiert, komme Paragraf 34 des Baurechts zum Tragen. In dem heißt es unter anderem, dass sich künftige Bauvorhaben in die vorhandene Bebauung einfügen müssten. In einem Brief der Interessengemeinschaft Giselastraße an den Magistrat der Stadt und alle im Parlament vertretenen Fraktionen schreiben die besorgten Anwohner: „Die geplanten Wohnanlagen fügen sich in ihrer Größe in keinem Fall in die gewachsene Struktur der Giselastraße, sondern würden diese unwiederbringlich zerstören.“ Bislang herrscht dort eine Bautiefe von circa zwölf bis 15 Metern vor sowie eine Giebelhöhe von maximal zehn Meter, überwiegend gar nur sechs bis acht Meter. Die Neubauten von Mehrfamilienhäusern erreichten dagegen Giebelhöhen von 14 Meter und eine Bautiefe von 25 Meter.

Besonders betroffen sieht sich Marcus Schleicher. Der Familienvater lebt in seinem Haus in direkter Nachbarschaft zu einem neu errichteten Wohnblock. Und: Das Nachbargrundstück auf der anderen Seite seines Einfamilienhauses eignet sich aufgrund seiner Größe potentiell ebenfalls für einen Wohnblock. Sein Häuschen wäre einkesselt.

Verärgert zeigen sich viele Anwohner auch über eine ihrer Meinung nach misslichen Informationspolitik zu den Bauvorhaben an der Giselastraße: „Wir erfahren von Bauvorhaben immer nur dann, wenn irgendwo ein Bauschild aufgestellt wird. Mit uns, den Anwohnern, spricht kein Mensch.“

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