Re-Translatio nach 1191 Jahren

Monstranz mit Reliquiensplittern der Heiligen Marcellinus und Petrus für römische Gemeinde

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Entnahme einiger Reliquiensplitter aus dem Seligenstädter Schrein: Weihbischof Dr. Udo Bentz (r.) und Pfarrer Stefan Selzer.

Viele Gläubige und Pilgergruppen aus der ganzen Region waren dabei, als am Sonntag in Seligenstadt ein neues Kapital in der Verehrung der beiden Heiligen Marcellinus und Petrus aufgeschlagen wurde.

Rom/Seligenstadt – Bekanntlich nahm Stadtgründer Einhard die Reliquien der beiden Heiligen im Jahr 827 in seinen Besitz und ließ diese am 17. Januar 828 in einer glanzvollen Translatio von der Basilika in Steinbach, errichtet um 820, nach Seligenstadt, damals Ober-Mulinheim, überführen. Am Sonntag nun wurden im Beisein von Weihbischof Dr. Udo Bentz aus Mainz die Voraussetzungen für eine Re-Translatio nach Rom geschaffen.

Aber der Reihe nach: Seit einigen Jahren besuchen Seligenstädter Wallfahrer exakt die Katakomben in Rom, in denen die Märtyrer Marcellinus und Petrus, ein Priester und ein Exorzist, nach ihrer Folterung und Enthauptung am 2. Juni 304 bestattet wurden. Bei der letzten Wallfahrt nach Rom im vergangenen Herbst nahm die Seligenstädter Gruppe im Beisein von Weihbischof Bentz und Pfarrer Stefan Selzer Kontakt mit Angehörigen der römischen Pfarrei Santi Marcellino e Pietro auf. Diese römische Pfarrei trägt zwar auch den Namen der beiden Märtyrer, jedoch befinden sich in den dortigen Katakomben keinerlei Gebeine von ihnen.

„Herzens- und Segenswunsch“ der römischen Gemeinde war es daher, eine Re-Translatio eines kleinen Teils der Reliquien zu ermöglichen. „Aus christlicher Verbundenheit“ kamen die Gremien diesem Wunsch nach. Daher entnahm der Weihbischof schon am 18. Mai im Beisein von Pfarrer Selzer und Vertretern des Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrats Teile der Reliquien aus dem Schrein und setzte diese in eine neue Monstranz, versehen mit einer bischöflichen Urkunde, ein.

Am Sonntag nun, also 1715 Jahre nach der ursprünglichen Bestattung und 1191 Jahre nach der Translatio nach Seligenstadt, nahmen vier römische Gemeindemitglieder und Padre Rogerio Diesel als Vertreter des erkranken Gemeindepfarrers Edmilson Mendes diese Monstranz unter Tränen der Rührung stellvertretend entgegen. Zur nachmittäglichen Wallfahrtsvesper gedachte die Seligenstädter Pfarrei unter Begleitung der Choralschola der historischen Ereignisse, die in Erinnerung bleiben werden.

Seit im Mai 2015 ein 14-köpfiges Wissenschaftlerteam um den Tübinger Geschichtsprofessor Dr. Steffen Patzold zum Gedenktag der Heiligen Marcellinus und Petrus in Seligenstadt eine überarbeitete und zeitgenössisch übersetzte Translatio Einhards vorlegte, können sich Interessenten auch detailliert mit der profan-wissenschaftlichen Version des „heiligen Reliquienraubes“ befassen. Bei der Präsentation des Werkes gab Patzold damals einen Vorgeschmack auf den aufbereiteten Text, der schon Züge eines spannenden Romans trage. Heraus kam nicht nur eine moderne Übersetzung des parallel abgedruckten überarbeiteten lateinischen Textes. Hinzu kommt eine kenntnisreiche wie lebendig verfasste Einführung mit zahlreichen kaum bekannten Details zum von Einhard eingefädelten Reliquienraub „der fränkischen Touristen“ um Einhards Notar und Vertrauten Ratleik und einen verschlagenen Priester namens Hunus in Rom.

Der Leser erfährt, was in den Katakomben passierte, nachdem die Gebeine dort über 500 Jahre gelegen hatten; warum der Sarg des Märtyrers Tiburtius nicht aufging; ein zweiter Einbruch nötig war, um auch Petrus-Reliquien zu beschaffen, und warum Einhard schließlich 100 Goldmünzen zahlen musste, um beide Heiligen überhaupt in unsere Gegend zu bekommen.

Am vergangenen Sonntag feierte die Seligenstädter Pfarrgemeinde das Fest ihrer Schutzheiligen. Der Chor an der Basilika, mit Regionalkantor Felix Ponizy an der Orgel, sorgte für einen festlichen musikalischen Rahmen des Pontifikalamtes. Weihbischof Dr. Udo Bentz machte als Hauptzelebrant in seiner Predigt den Gläubigen in der voll besetzten Basilika Mut für kommende Veränderungen, die auf dem pastoralen Weg des Bistums anstehen. Er verwies rückblickend auf den damaligen Mut der Märtyrer, aber auch auf die zirka120 jungen, am Wallfahrtsgottesdienst teilnehmenden Messdienerinnen und Messdiener, die ein Zeichen für die Zukunft des Bistums setzten. An der anschließenden Reliquienprozession unter musikalischer Begleitung der Stadtkapelle Seligenstadt nahmen Pilgergruppen aus Darmstadt, Offenbach, Stockstadt, Klein-Welzheim, St. Marien Seligenstadt und umliegenden Gemeinden teil. Zum Schlusssegen vor der Basilika kam es zum historischen Moment.

Von Michael Hofmann

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