Polizei schwieg lange

Nach Prügelei an Merianschule: Gratwanderung für Pädagogen

Seligenstadt - Ein Streit unter Jugendlichen an der Seligenstädter Merianschule in November, an dem sich auch Erwachsene beteiligten, eskalierte und zog Anzeigen wegen Körperverletzung nach sich. Eltern von Mitschülern informierten die Offenbach-Post über den Vorfall, den die Polizei aus diversen Gründen nicht publik gemacht hatte. Schulleiter Günter Urban spricht von einer „neuen Dimension“ der Auseinandersetzung. Von Sabine Müller 

Am 22. November habe es an der Haupt- und Realschule mit Förderstufe eine üble Schlägerei gegeben, an der sich sogar Erwachsene beteiligten, berichten Eltern von Merianschülern der Offenbach-Post. Sie fragen sich, ob die Schulleitung angemessen darauf reagiert und generell notorische Quertreiber in die Schranken weist. Auf Anfrage bestätigt Josef Michael Rösch, Leiter der Seligenstädter Polizeistation, den Vorfall: An jenem Tag sei es zu einem Streit zweier Schüler mit Migrationshintergrund gekommen, der erst verbal im Schulgebäude, danach handgreiflich auf dem gegenüber liegenden Parkplatz an der Einhardstraße ausgetragen wurde.

Einer der beiden habe zwei Familienangehörige zur Unterstützung dazugeholt: einen 47-Jährigen aus Rodgau sowie einen 26-Jährigen, der in Krefeld gemeldet sei. Die Auseinandersetzung führte dazu, „dass uns zwei Anzeigen von Kontrahenten vorliegen, die sich wechselseitig der Körperverletzung beschuldigen“. In der Nähe sei ein zerbrochener Holzstock gefunden worden: „Wir müssen klären, ob jemand damit beteiligt war und ihn benutzt hat.“ Eine Ermittlungsgruppe der Polizei sei dabei, das Motiv, den genauen Verlauf und die Sachverhalte des Konflikts herauszuarbeiten. „Das ist nicht leicht, da es viele Beteiligte – darunter auch mindestens einen deutschen Schüler - und Zeugen gibt, die widersprüchliche Aussagen machen.“ Auch die Justiz werde sich mit dem Vorfall befassen müssen.

Den Vorwurf der Vertuschung weist Rösch zurück: „Für uns ist es eine Abwägung, mit welchen Informationen wir an die Öffentlichkeit gehen.“ In diesem Fall sei die Sachlage so unklar, dass erst Licht ins Dunkel gebracht werden müsse. Seien Jugendliche beteiligt, gelte außerdem „ein besonderes Schutzbedürfnis, und damit gehen wir sehr sensibel um“. Auch sei kein Zeugenaufruf über die Medien notwendig gewesen, Beteiligte gebe es genug. Erst nach ihren aufwändigen Vernehmungen könne man Fakten darstellen. „Der Vorfall hat nichts speziell mit der Merianschule zu tun, er hätte überall stattfinden können“, sagt der Polizeichef. „Wir stehen in engem Kontakt mit der Schulleitung, die Zusammenarbeit ist gut. Bei Problemen sind wir schnell vor Ort und leisten dort auch Präventionsarbeit.“ Rösch legt zudem Wert darauf, dass es sich bei den Beteiligten nicht um Flüchtlinge handele. „Alle sind deutsche Staatsbürger, teilweise mit Migrationshintergrund.“

Nach einem Bericht von Rektor Günter Urban eskalierte der Streit zwischen einem 13-Jährigen aus einer der beiden Intensivklassen, in denen grundlegende Deutschkenntnisse vermittelt werden, und einem 17-Jährigen. Bevor die Polizei eintraf, hätten Lehrkräfte und Passanten versucht einzugreifen. Passiere etwas außerhalb des Schulgeländes, habe die Schule jedoch generell keinen Einfluss mehr darauf. Für den Schulleiter ist der Umgang mit solch einem Vorfall „eine Gratwanderung“: So stelle sich einerseits die Frage, ob das nicht normale Reibereien zwischen Jugendlichen sind, die sich profilieren wollen. Andererseits, räumt er ein, könne das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen auch Konflikte bergen. Und: „Es ist die erste größere Handgreiflichkeit bisher bei uns, hier wurde ernsthaft mit einem Knüppel zugeschlagen und eine Platzwunde zugefügt.“

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Auch dass die beiden Erwachsenen, die den 13-Jährigen offenbar mit dem Auto abholen wollten, mitmischten statt zu helfen, „gab’s noch nie und hat noch mal eine ganz andere Dimension“. Die Einrichtung, an der auch zwei Schulsozialarbeiterinnen tätig sind, reagiert laut Günter Urban schulpädagogisch, indem die Beteiligten zum Gespräch geladen werden; zudem werde das Thema innerhalb der Klassen behandelt.

Rubriklistenbild: © dpa

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