„Skriptorium“: Der Schlafanzug in den Augen der Wortkünstler und Satzakrobaten

Nachtpolter, Hautschmeichler

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Machten sich ihren Reim auf das Nachtgewand: die Mitglieder des „Seligenstädter Skriptoriums“, das neue Seiten in der lokalen Literaturszene aufschlagen möchte.

Seligenstadt - Jeder kennt ihn, viele nutzen ihn: den Schlafanzug. Jetzt hatten sich die Mitglieder des Seligenstädter Skriptoriums einen Reim auf das Nachtgewand gemacht – was bei Lyrik nicht zwangsläufig wörtlich zu verstehen ist. Von Sabine Müller

In Kaffeehaus-Atmosphäre stellten Wortkünstler und Satzakrobaten ihre Werke vor und waren gespannt auf konstruktive Kritik. Es war die vierte Veranstaltung der Reihe „Seligenstädter Skriptorium“. Mit ihr werden neue Seiten in der lokalen Literaturszene aufgeschlagen, warben die Initiatoren Sven Buchsteiner und Bernhard Bauser vergangenen Herbst. Beide, selbst Autoren aus Seligenstadt und Mainflingen, kennen sich aus der Aschaffenburger Lyrik-Gruppe „Main-Reim“. Eine Plattform, die es so in Seligenstadt noch nicht gibt, sagen sie. „Wir haben hier ein schönes kulturelles Angebot, aber das kreative Moment, die Kultur von unten fehlen.“ Diese keimte schon mal in einer Poetry-Slam-Reihe und wird jetzt in der Textwerkstatt herangezogen. Naheliegend, dass sich das „Skriptorium“ an die Schreibstube des Seligenstädter Klosters anlehnt: „Wir lassen uns vom Blick dorthin inspirieren“, sagt Sven Buchsteiner augenzwinkernd. Doch Einhards „Vita Karoli“ soll entstaubt werden, Dichter und Schriftsteller der Gegenwart sind aufgefordert, eigene Lyrik und Prosa einzubringen.

Sieben sind an diesem Abend um den langen Tisch versammelt. Man duzt sich, die schummrige Beleuchtung verstärkt die Intimität des Treffpunkts, erschwert allerdings das Lesen der Texte. Die drei Frauen und vier Männer haben ihre Sturm-und-Drang-Phase hinter sich, noch länger sind die meisten literarisch aktiv: im Kleinkunstrahmen, in Schreibgruppen, Literaturzeitschriften und Anthologien. Worte sind ihr Schatz, und der will geborgen werden. Vier Wochen hatten sie Zeit, gedanklich nach „Schlafanzug“ zu graben, dieses Motto hatte Martina beim letzten Mal ausgegeben. Peter muss passen: „Mir ist nix eingefallen, nur diese letzte Zeile: Besser schläft man ohne.“

Also liest Bernhard sein „Schlafanzug-Hinundher“ vor, das er in die Spannung von Wiederholung und Vielfalt gestellt hat und in einem Wendepunkt gipfeln lässt, verteilt Kopien davon und schaut erwartungsvoll in die Runde. Kritik hilft die Textarbeit zu verbessern, wenn sie konstruktiv ist. Doch hier gibt’s nichts zu meckern. „Der Facettenreichtum des Gebrauchs des Kleidungsstücks hat Drive“, meint Sven. Peter findet das Gedicht auch nicht überladen, lobt: „Dramatisch wirkungsvoll.“ Kurz entspinnt sich ein persönlicher Erfahrungsaustausch über das Nachtgewand.

Jetzt traut sich Uwe, der den Schlafauszug dem Schlafanzug vorzieht. Doch er hat die in deutschen Schlafzimmern schlummernde biedere Erotik zu gut verpackt. „Dass es um Beischlaf ging, kam bei mir nicht an“, sagt Sven. Prompt liefert Uwe frivole Alternativen. „Vielleicht so: Sie wünschte sich einen TGV im Bett, er aber war eine Bimmelbahn?“ Das lässt sich ausbauen. Auch Martha wird ihren Text überarbeiten. Seit Jahrzehnten widmet sie sich der Malerei, nebenher sind Gedichte und Lebensweisheiten entstanden. Ihr Schlafanzug stellt sich persönlich vor. „Ein schöner Lebenszyklus“, bilanziert Peter, „ich hab aber auf was Neues, Surreales gewartet.“ Die anderen wünschen sich „mehr lebendige Details“.

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Diese liefert Sven, der zwischen der Steuererklärung lange mit seinem Text gerungen hat – mit Erfolg. Sein „Anzug, der die Nacht bedeutet“ offenbart sich als „Nachtpolter“, „Hautschmeichler“, „Sinnentäuscher“, ist aus Bourettseide, griffigem Flanell oder Mailänder Damast. Am „Füllhorn der textilen Fasern“ kann sich der Autor berauschen. Martina hat sich zusammengereimt, wie ein Schlafanzug zu seiner Trägerin findet. Dass ein großer Wortschatz was wert ist, Wortschätzchen jedoch begeistern können, beweist der Aphorismus von Gabi. In nur fünf Sätzen beschreibt sie die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Tod, Schlafanzug und Totenhemd.

Auch Peter zieht noch ein Ass aus dem Ärmel: einen echten Limerick zum Thema „Neues Spiel, neues Glück“. So viel Potenzial wäre schon eine Grundlage für die vom Zirkel anvisierte Seligenstädter Lesebühne oder einen Literaturtag – warum nicht gar im Kloster? Das Motto für das nächste Treffen am Dienstag, 7. März, 18 Uhr, im Seligenstädter Sole Café lautet „Dankbarkeit“.

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