Ehrgeiziges Projekt

Neubaugebiet Westring: Stadt will Wutdebatte vermeiden 

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Großes Interesse verzeichneten Stadt und Planer bei der ersten Planungswerkstatt zum künftigen Baugebiet südwestlich des Westrings.

Seligenstadt - Es ist das ehrgeizigste Erschließungsvorhaben seit Jahrzehnten, wirft Grundsatzfragen auf und birgt Spaltpotenzial für die Stadtgesellschaft.

Nach Ansicht eines prominenten Magistratsmitglieds könnte das Baugebiet am Westring sogar die Kommunalwahl 2021 entscheiden. Wie tief das Interesse jenseits von Kommunalpolitik und veröffentlichter Meinung reicht, zeigte sich am Mittwochabend: Über 80 Bürger diskutierten bei der ersten Planungswerkstatt im Riesensaal mit.

Die erste Überraschung gelang den Seligenstädtern gleich zu Beginn: Dass sich nicht nur Anlieger und Grundbesitzer, sondern Bürger aus allen und speziell entfernteren Stadtbereichen zur Planungswerkstatt für das Baugebiet Westring einfinden, ist nach Worten der Stadtplanerin Claudia Becker vom Darmstädter Fachbüro Planquadrat nicht der Regelfall – speziell dann, wenn ein Entwicklungsprozess wie hier erst ganz am Anfang stehe, betonte Co-Moderator Thomas Müller. Von Bürgermeister Dr. Daniell Bastian als Geschäftsführer des Hanauer Baulandentwicklers Terramag vorgestellt, wertete Müller das breite Interesse als wichtigen Fingerzeig, wie weit das Vorhaben zumindest subjektiv ins Stadtgefüge eingreife – eine Einschätzung, die sich später an den Thementafeln bestätigte.

Die Sacharbeit an insgesamt vier Themenblöcken hatten die Planer im Vorfeld hinreichend straff organisiert, um eine emotionsgesteuerte Angst- und Wutdebatte trotz vereinzelter Anläufe zu vermeiden. Je 15 Minuten hatten die Bürger Zeit, anhand großformatiger Luftbilder über Wohnformen, Verkehr, Freiräume und Grünflächen sowie soziale Infrastruktur zu reden. Stichworte hielten Mitarbeiter auf farbigen Klebezetteln fest und erlebten bei der Auswertung die nächste Überraschung: Noch bevor auch nur eine erste grobe Planskizze existiert, beschäftigen sich die Bürger eingehend mit Details.

Verkehrsfragen, hier von Matthias Wöber (Terramag) erläutert, nahmen einen breiten Raum ein. 

So fragen sich manche, ob denn die städtische Kläranlage einem Einwohnerzuwachs von bis zu 3000 Menschen gewachsen ist, ob und welche Grundschulen erweitert werden müssen oder wo Bushaltestellen, Stromtankstellen für E-Fahrzeuge und Carsharing-Plätze hin passen. Eine ganze Reihe von Notizen betrafen die Sorge um die Frischluftversorgung der Stadt von Westen her, die räumliche Aufteilung in Einzelhaus- und Geschossbebauung, den Verlust von Ackerland und die Zukunft der Bauern. Nach Angaben des Bürgermeisters waren der Einladung zu einer nichtöffentlichen Eigentümerversammlung zwei Wochen zuvor sogar ganze 300 Interessierte gefolgt.

Breiten Raum nahmen in der abschließenden Bewertung Verkehrsprobleme ein. Etlichen Teilnehmern war wichtig, nicht zu viel Fläche für Parkplätze zu versiegeln und lieber Tiefgaragen zu bauen. Den drohenden „Verkehrsinfarkt“ im Stadtkern und besonders am Knotenpunkt Wasserturm kann nach überwiegender Ansicht nur ein wirksamer Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs verhindern. Rad- und Fußwege, etwa zum nahen Bahnhof, sollen nicht nur zahlreich, sondern auch sicher sein. Und Haupterschließungsstraße dürfe keinesfalls die Giselastraße werden – erst Straßenbau, dann Wohnhäuser.

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Wenn schon gebaut wird, dann bitte ökologisch – Solarstrom, Regenwasserzisternen, grüne Dächer und Fassaden wünschen sich zahlreiche Teilnehmer im künftigen Bebauungsplan, auch einen mittigen Grünzug ähnlich dem im Silzenfeld. Grundsätzliche Zweifel an Sinn und Nutzen eines so großen Baugebiets waren ebenfalls erlaubt und präsent.

Über 200 Familien auf der Bauplatz-Bewerberliste und 250 unversorgte Sozialwohnungsberechtigte begründen aus Sicht des Rathauschefs dringenden Bedarf – aber kommen bedürftige Seligenstädter auch zum Zug, wenn solvente Häuslebauer aus dem Frankfurter Speckgürtel auf der Matte stehen? Solche Bedenken, die eine Bürgerin im Gespräch mit unserer Zeitung aussprach, klangen offen oder unterschwellig vielfach an. Siedlungsdruck, so viel wurde klar, wirkt je nach Blickwinkel – als Außendruck der Boom-Region Rhein-Main oder als Innendruck einer überfüllten Stadt.

„Wir stehen ganz am Anfang und haben viel zu tun“, resümierte Thomas Müller nach zwei Stunden und lieferte ein grobes Zeitraster. Rund sechs Monate brauchen Terramag und Planquadrat für die von der Stadt verlangte Machbarkeitsstudie mit zwei unterschiedlichen Erschließungskonzepten. Erst dann entscheidet das Stadtparlament, ob ein Bebauungsplan kommt, der laut Müller kaum vor 2021 greift. Vielleicht, so Müller, passiert auch gar nichts: Eine Klausel im Vertrag mit der Stadt regle den Ausstieg, sollte die Politik die Reißleine ziehen. 

(zrk)

Seit 20 Jahren versucht die Stadt Seligenstadt einen Käufer für ein Grundstück zu finden. Doch das ist nicht so einfach.

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