Neuerdings Autoren aus Fleisch und Blut

Die Hessen-Depesche und ihre politische Meinungsfindung

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Startseite der Hessen-Depesche vom gestrigen Montag: Top-Themen sind Berichte über die FDP im Bundestagswahlkampf sowie die Bedrohung durch Links- und Islamextremismus.

Seligenstadt - Was steckt hinter der ominösen Internet-Publikation Hessen-Depesche? Aktuell ist auf der Internetseite ein Team von acht Autoren genannt.

Neben Angela Prokoph-Schmitt (CDU, seit Juni Redaktionsleiterin) und Jörg Pollert (CDU) sind zwei von ihnen in der AfD aktiv, zwei in der FDP, ein weiterer ebenfalls in der CDU. Seit Angela Prokoph das Ruder übernommen hat, scheint es mehr Autoren aus Fleisch und Blut bei den Depeschen zu geben. In einer Stellungnahme vom 30. Mai dieses Jahres wird „Hetze gegen uns“ als Grund genannt, warum Redakteure ihre Texte manchmal unter Pseudonym verfassten. Den Depeschen seien Beziehungen zu „einer politisch extremen Rechten“ nachgesagt worden, dabei sei das Angebot „mindestens so ausgewogen wie das vieler Konkurrenten“. Tatsächlich schrieben in der Anfangszeit der Depeschen fast ausschließlich Phantom-Autoren für das Online-Medium. Beispiel: Roxana Miller, deren Vita offensichtlich gefälscht ist. Eine Redakteurin dieses Namens existiert nicht, das dazugehörige Foto stammt laut Recherche des djv-Magazins „journalist“ von der Internetseite eines Brillenherstellers.

Dazu passt, dass niemand diesen Redakteuren im wirklichen Leben je begegnet ist. Keiner von ihnen taucht als Berichterstatter bei Terminen auf, Kontakt findet in der Regel nur per E-Mail statt – etwa bei Interview-Anfragen zu den Bürgermeisterwahlen in Seligenstadt und Hainburg. Politiker aus Hainburg berichten immerhin von Telefonaten, zum Beispiel mit einem Michael Krug. Ob der tatsächlich so heißt, bleibt unklar. Es gibt zwar einen Lokalredakteur dieses Namens in Baden-Württemberg, der jedoch nicht mit dem Depeschen-Krug identisch ist. Ein Foto, das in der Anfangszeit neben der Vita stand, wurde zwischenzeitlich entfernt.

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An der Ausgewogenheit der Berichterstattung bestehen angesichts des politischen Hintergrunds der Akteure Zweifel. Schaut man sich die Themen der vergangenen Woche an, die die Hessen-Depesche auf ihrer Facebook-Seite verlinkt hat, so sind darunter acht lokale Artikel über die CDU, zwei über die SPD, einer über die AfD, vier über die FDP sowie einer über die Jungen Liberalen und ein weiterer über eine Kooperation der politischen Jugendorganisationen im Main-Kinzig-Kreis. Außerdem Kommentare von Ramin Peymani über „Zensurminister“ Heiko Maas (SPD, Justizminister) und dessen „Angriff auf das Grundgesetz“ und von AfD-Politiker Petr Bystron über Links- und Islam-Extremismus als die größten Bedrohungen für Deutschland sowie ein Bericht von Angela Prokoph über einen Farbanschlag auf das Auto des AfD-Kreisvorsitzenden in Taunusstein.

In der Diskussion über die Beiträge schreibt Angela Prokoph dazu: „Wir von der Hessen-Depesche laden alle demokratisch legitimierten Parteien ein, ihren Beitrag zu einer politischen Meinungsfindung beizusteuern, wer dies nicht tut, überlässt diesen Raum eben dem politischen Gegner. Auch dies ist Demokratie.“ Der „Nachrichtenplattform“ liege es fern, Artikel zu zensieren. „Linke wie rechte Thesen und Meinungen haben ihre Sprache.“ Sie verurteile Gewalt, egal von welcher Seite, ebenso wie Stigmatisierungen, Beleidigungen und Diffamierungen.

Wer in welchem Bundesland regiert

Ende Oktober 2016, noch bevor Prokoph mit der „Popularen-Network-GmbH“ übernahm, berichtete die Hessen-Depesche über ein angebliches Netzwerk von Linksaktivisten in Seligenstadt um den Betreiber der Internet- und Facebook-Seite „Seligenstadt gegen Rechts“. Der Artikel spricht von angeblich hetzenden Bemerkungen eines „politisch weit links ausholenden“ Kreises gegen Politiker der CDU (Thomas Lortz, Froschhausen, oder Alexander Schloss, Mainhausen) und der AfD.

Ein Seligenstädter, der in dem Artikel namentlich genannt ist, will sich daraufhin beim Deutschen Presserat über die Hessen-Depesche beschweren. Er erhält folgende Antwort: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass hier eine Zuständigkeit des Deutschen Presserates nicht besteht.“ Gemäß Satzung habe der Presserat die Aufgabe, „Beschwerden über einzelne Zeitungen, Zeitschriften oder Pressedienste und journalistisch-redaktionelle Telemedien der Presse sowie sonstige Telemedien mit journalistisch-redaktionellen Inhalten außerhalb des Rundfunks zu prüfen. Da bei der konkreten Seite jedoch keine Verbindung zu einem Presseverlag erkennbar ist und uns auch keine Selbstverpflichtungserklärung vorliegt, mit der das Medium die publizistischen Grundsätze anerkennt, können wir gegen diesen Beitrag kein Beschwerdeverfahren einleiten.“ (kd)

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