Misstrauen muss Vertrauen weichen

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Gerhard Grandke informierte die SPD-Parteikollegen über die (Fehl)-Entwicklungen auf dem Finanzmarkt. Foto: 

Seligenstadt - Vertrauen. Die Grundlage einer jeden Beziehung oder Partnerschaft. Das gilt auch - oder erst recht - in der aktuellen Finanzkrise. Gerhard Grandke geht sogar noch einen Schritt weiter: „Vertrauen ist der Schlüssel zur Lösung der Staatsschuldenkrise“. Von Jörn Polzin

Dass dies leichter gesagt als getan und nicht von heute auf morgen umzusetzen ist, weiß der Chef des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen freilich ganz genau. „Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise aus Sparkassensicht“, lautet der etwas sperrige Titel seines Vortrags beim Neujahrsempfang der Seligenstädter SPD. Die Ausführungen ließen sich aber auch auf die Kurzformel bringen: „Neues Jahr - alte Krise“.

Im Grunde sei die Situation paradox, betont der SPD-Politiker: Da stehen die Firmen hierzulande so stark und wettbewerbsfähig wie selten zuvor da, die Wirtschaftsleistung steigt stetig, und trotzdem wird allenthalben nur von der Staatsschuldenkrise gesprochen. Die Sorgen vieler Bürger um ihre Ersparnisse und die Kaufkraft des Euros seien nicht unbegründet. „Ein Scheitern des Euros wäre vor allem für Deutschland eine Katastrophe“, betont Grandke.

Als mahnendes Beispiel nennt der frühere Offenbacher Oberbürgermeister die Zustände in den USA, wo das Bruttoinlandsprodukt unterhalb der Staatsverschuldung liege. Auch der jüngste EU-Gipfel habe zu keiner wirklichen Entspannung geführt. Die Unsicherheit sei weiterhin überall spürbar. Als Folge stehe der Bankenmarkt in der Eurozone kurz vor dem Austrocknen, befürchtet Grandke. Die Kapriolen an den Aktien- und Anleihemärkten zeigen, dass die Finanzindustrie wenig aus der Krise gelernt habe. „Manche Institute haben auch heute noch den Autopilot auf Casinobetrieb gestellt“, beklagt Grandke. Beispiel: Der amerikanische Derivatebroker MF Global. Dieser verspekulierte sich mit einer gigantischen Wette auf risikoreiche europäische Staatsanleihen und musste Insolvenz anmelden. Selbst die Konjunkturprogramme können die Lage nicht nachhaltig verbessern, meint Grandke. Im Gegenteil. Es droht vermutlich eine neuerliche Repression.

Plädoyer für Sparkassen

Doch wie lässt sich die Fehlentwicklung stoppen? Für Grandke ist die Antwort klar. „An den Finanzmärkten muss ein Bewusstseinswandel einkehren.“ Eine wichtige Rolle komme dabei den Mittelständlern zu, die schon in der vergangenen Wirtschaftskrise mit innovativen Produkten einen Aufschwung eingeleitet hatten. Die Sparkassen, als mittelständisch geprägte Kreditinstitut-Gruppe, könnten als „verlässlicher Partner“ helfen, dass der Bezug zum wirklichen Leben nicht verloren geht. Und vor allem eine stabile und nachhaltige Kreditversorgung ermöglichen. „Die Sparkassen sind kommunal verwurzelt und geben den Menschen ein sicheres Gefühl, wenn sie ihr Geld anlegen“, meint Grandke und spricht von einer „stabilisierenden Kraft“. Die Risiken seien sehr überschaubar im Vergleich zu Großbanken, die häufig ein hohes Risiko auf sich nehmen. Gemeint sind Banken, die zu groß sind, um sie Pleite gehen zu lassen. Banken, die so groß sind, dass sie sogar Staaten erpressen können. Diese „systemrelevanten Banken“, so der Finanzexperte, „müssen geschrumpft werden.“ Regulierungsmaßnahmen seien zwar notwendig, aber nicht allein des Rätsels Lösung. Eines ist noch viel wichtiger: Vertrauen.

Die Veranstaltung eröffnete die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, Karin Hansen, Grußworte sprachen Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams, Stadtverordnetenvorsteher Peter Sulzmann und Ex-Bürgermeister Rolf Wenzel.

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