Warum die „Wilden Buchfinken“ niemals flogen

Nicht so attraktiv für Familien: Pläne für einen Waldkindergarten in Seligenstadt liegen auf Eis

Waldkindergarten: Naturnahe Betreuung im Mittelpunkt. Symbolfoto: DPA
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Waldkindergarten: Naturnahe Betreuung im Mittelpunkt.

Am Anfang klatschten Eltern und Erzieherinnen im voll besetzten Rathaussaal begeistert, denn vor ihrem geistigen Auge zwitscherten die Kinder bereits als „Die wilden Buchfinken“ abenteuerlustig durch Wald und Feld. Das war im September 2017, als die Stadt Seligenstadt nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung noch konkrete Pläne für einen Waldkindergarten hatte.

Seligenstadt – Heute ist das alles Geschichte - ohne Happy End. Einen Kindergarten „Die wilden Buchfinken“ hat es trotz aller Bemühungen nie gegeben, bei der Stadt ist inzwischen die Einsicht gereift, dass sich dieses Projekt bei angeblich schwindendem Elterninteresse gar nicht lohnt. Immerhin stehe in Froschhausen die Kita Sonnengesang zur Verfügung, die den Wunsch der Eltern nach einer naturnahen Betreuung erfüllt.

Mit einem Fragenkatalog wollte die SPD-Fraktion jüngst dem versandeten Vorhaben auf die Spur kommen. Aus der Antwort der Stadt geht hervor, dass noch für das Jahr 2019/2020 die Einrichtung eines Waldkindergartens geplant war, doch habe das August-Unwetter 2019 den Stadtwald derart in Mitleidenschaft gezogen, dass an einen Kindergarten nicht zu denken gewesen sei. Die AWO Obertshausen und die Stadt, die das Vorhaben gemeinsam umsetzen wollten, haben sich deshalb Mitte August 2020 darauf verständigt, alle Bemühungen einzustellen, das Vorhaben jedoch wieder zu prüfen, sobald sich die Situation im Wald verbessert hat.

Die SPD-Fraktion erfuhr zudem, dass der Ausfall dieser Betreuungseinrichtung die Gesamtsituation kaum verschlechtert hat. Problem sind die fehlenden Erzieherinnen, Kita-Plätze stehen ausreichend zur Verfügung. Die SPD-Fraktion will nun von Eltern wissen, ob sie überhaupt noch Interesse an einem Waldkindergarten haben (Rückmeldungen an fraktion@spd-seligenstadt.de).

Im Herbst 2017 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Gründung eines Waldkindergartens unter der Trägerschaft der AWO Obertshausen. Damals wurde der Waldkindergarten als wichtige Maßnahme zur Erhöhung des Platzangebots für die Altersgruppe ab drei Jahren bis Schuleintritt eingeschätzt. 2017 war noch der Druck zu spüren, weitere Betreuungsplätze zu schaffen, und die naturnahe Einrichtung für 20 Mädchen und Jungen schien eine vermeintlich kostengünstige und ohne viel Aufwand zu bewerkstelligende Alternative.

Das Interesse der Stadt sei noch da, sagte Bürgermeister Daniell Bastian im Sommer 2019, doch hatten sich die Voraussetzungen bereits an einer zentralen Stelle geändert. Damals war nur noch von einer „Mindestzahl von zehn Kindern“ die Rede. Auch müsse klar sein, so Bastian, dass es sich beim Waldkindergarten „um ein reines Halbtagsangebot handelt - vormittags.“

Der jahrelang anhaltende Zuwachs der betreffenden Kinder-Altersgruppe setzte sich in der Folgezeit aber nicht fort. Die Zahl der Ü3-Kinder 2018 deckt sich mit der des laufenden Jahres. „Somit ist auch die Zahl der aktuell in den Einrichtungen geschaffenen Plätze für Ü3-Kinder im Verhältnis zu den Meldezahlen der Kinder ausreichend - auch nach dem Wegfall des Waldkindergartens. Dennoch können derzeit etwa 50 Plätze aufgrund von Personalmangel in den Einrichtungen nicht besetzt werden, „sodass leider doch ein Platzmangel im Ü3-Bereich vorliegt“, so Bastian in seiner Antwort auf die SPD-Anfrage mit Verweis auf den „Erziehermangel“. Diese Situation lasse sich jedoch nicht durch ein Überangebot an Einrichtungen kompensieren.

Grundsätzlich bleibe festzuhalten, so der Bürgermeister weiter, dass ein Waldkindergarten mit einem eingeschränkten zeitlichen Betreuungsangebot - beispielsweise bis 14 Uhr - „kaum noch dem tatsächlichen Betreuungsbedarf der Familien entspricht und deshalb, unabhängig vom pädagogischen Konzept der jeweiligen Einrichtung, nicht so attraktiv für die Familien ist“. (Von Michael Hofmann)

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