So schön kann Normalität sein

+
Ute Lang und Sascha Grauß bedienen im historischen „Klostercafé“.

Seligenstadt - Es ist eine sehr berechtigte Frage: „Wir haben integrative Kindergartenplätze und Schulen für Behinderte. Aber was kommt danach für Menschen mit Behinderung?“ Dies fragt sich auch eine nachdenkliche Johanna Wurzel, Vorsitzende des Vereins Lichtblick. Von Thomas Hanel

Lichtblick hat sich derFörderung von Menschen mit Behinderung angenommen, sucht und bietet angemessene und dem Grad der Beeinträchtigung entsprechende Arbeitsplätze. Diese Arbeit unterstützt jetzt die Ippen-Stiftung mit einer Spende von 15.000 Euro.

Initiatorin Johanna Wurzel

1995 gründete sich der Verein, hat sich aus einer Elterninitiative entwickelt, deren Ziel die Integration behinderter Menschen ist. Von Kind an bis zum anerkannten und möglichst eigenständigen Arbeitsleben. Botschaft des Vereins: Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig, mit all seinen Stärken und Schwächen. Dieses Ziel umzusetzen, bedeutet jedoch viel Arbeit, weiß Johanna Wurzel, selbst Mutter einer behinderten Tochter. Frei nach Motto „Geht nicht gibt es nicht“ packt sie es mit ihren Mitstreitern an. Drei konkrete Projekte sind es, die derzeit umgesetzt werden. Projekte, bei denen Menschen mit körperlichen Handicaps, geistigen Einschränkungen und Sinnesbehinderungen einen Arbeitsplatz finden.

Das älteste ist das „Klostercafé“, eine schönes kleines Café in Seligenstadts historischer Klosteranlage. Mit zwei Betreuern und zwei Behinderten begann dort die Arbeit, mittlerweile sind es neun Personen mit Handicap, die dort von sechs Betreuern in der Arbeit angeleitet werden. „Dazu kommen sechs bis acht Praktikanten im Jahr, die dort von den betreuenden Mitarbeitern eingeschätzt und beurteilt werden“, berichtet Johanna Wurzel von der individuellen Förderung. „Können die Mitarbeiter in der Küche arbeiten oder im Service?“ Dies müsse zum Wohl der eingeschränkt Tätigen beobachtet werden. Dabei gilt immer: Es dürfe niemandem etwas übergestülpt, sondern seine Fähigkeiten und Interessen erkannt werden. „Integration auf Teufel komm raus geht nicht.“ Individuelle Forderung und Förderung ist das Prinzip von Lichtblick.

Mit Rückschlägen muss man leben

Natürlich gibt es auch Rückschläge. So berichtet Johanna Wurzel von einem Erlebnis mit einigen älteren Damen im Klostercafé. Das Zitat einer dieser Besucherinnen, das sie aufschnappte, macht ihr heute noch zu schaffen. „Das ist ja ein wunderschönes Café, wenn doch all diese Behinderten nicht wären“, äußerte sich diese Besucherin damals - ignorant und in völliger Verkennung der Arbeit. „Solche Bemerkungen sitzen tief und sind kaum zu vergessen“, sagt Johanna Wurzel.

Im Hotel Elysee sind Hannah Heinzig (links) und Anke Preuß beschäftigt.

Aber es gibt auch eine Vielzahl positiver Äußerungen: „Sie sind doch das Hotel, in dem die Behinderten arbeiten?“ lautete die Frage des Anrufers im Hotel Elysee. „Ja“, so die Antwort. „Dann komme ich zu Ihnen und miete das Zimmer!“ Das Hotel Elysee ist das jüngste Projekt von Lichtblick. Ein gewöhnliches, seit Jahren in Seligenstadt existierendes Hotel, das jetzt vom Verein Lichtblick übernommen worden ist. Vier behinderte Menschen haben dort einen Arbeitsplatz gefunden, im Service, als Zimmermädchen, Hausmeister oder in der Küche. „Dabei sind wir ein Betrieb, der wirtschaftlich auf eigenständigen Beinen steht“, sagt Johanna Wurzel.

Spagat zwischen Entlohnung und Gewinnorientierung

Wirtschaftlich eigenständig bedeutet aber auch, dass alle Mitarbeiter, behindert oder nicht, nach gültigem Tariflohn bezahlt werden. „Diese Entlohnung zu stemmen und gleichzeitig gewinnorientiert zu arbeiten, ist schon ein ziemlicher Spagat.“

Doch die Fortschritte, die „ihre“ Behinderten machen, bestärken die 58-jährige Mathematik- und Religionslehrerin in ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Amüsantes Beispiel: Sie berichtet von einer Reise mit einer Lichtblick-Gruppe nach Amerika, wo therapeutisches Delphin-Schwimmen durch einen Sponsor ermöglicht wurde. „One Coca Cola, please“ brachte sie auf dem Hinflug ihren Schützlingen als Antwort auf die Frage der servierenden Flugbegleiter bei. Auf dem Rückflug - die Gruppe saß verstreut - hörte sie vertraute Stimmen der Mitreisenden: „One red wine, please“ (ein Rotwein, bitte) wurde geordert.

Arbeitsort Zulassungsstelle: Timo Herr ist einer von vier Menschen mit Handicap, die für das Projekt Schilderstelle im Einsatz sind.

So schön kann Normalität sein, so wichtig ist es, neue Erfahrungen zu sammeln. „Wir sehen unsere Leute jeden Tag, da fallen Fortschritte nicht so auf.“ Die Entwicklung der Behinderten dank ihrer Berufstätigkeit bemerken zumeist deren Gäste und Kunden. So auch bei der Lichtblick-Mitarbeiterin an der Museumspforte des Klosters. „Die junge Frau hat sich so toll gemacht“, genießt Wurzel berechtigt die Früchte der Arbeit und ihres Engagements. „Geht aber alles nur mit Geld und Sponsoren“, freut sie sich über die Spende der Ippen-Stiftung. Mittlerweile hat sich das segensreiche Wirken des Vereins herumgesprochen, die Warteliste für einen betreuten Arbeitsplatz ist lang. Knapp 180 Mitglieder hat der Verein.

Menschen eine Chance geben

Dies alles bedeutet viel Arbeit für Johanna Wurzel und ihr Team. „Chancen geben, Menschen sich individuell entwickeln lassen - das ist unsere Aufgabe“, bringt sie es auf den Punkt. So auch beim Projekt Schilderstelle beim Bürgeramt mit Zulassungsstelle in Seligenstadt. Vier Behinderte arbeiten dort, stellen Nummernschilder her. Aber: „Wir sind leider noch nicht sicher, dass unsere Lichtblick-Schilder nicht von neuen Anbietern an den Rand gedrängt werden“, zeigt sie sich besorgt.

Neben den Arbeitsprojekten kümmert sich Lichtblick um andere Förderungsmaßnahmen für behinderte Menschen. Es sind alltägliche Probleme, die angegangen werden. Koch- und Backkurse werden im Lichtblick-Zentrum an der Wallstraße angeboten. Und weil der Mensch nicht vom Brot alleine lebt, werden beispielsweise Sing- und Tanzstunden organisiert. Frei nach dem Motto des belgischen Priesters und Buchautoren: „Lasst uns ein Verein sein, wo man begeistert ist vom Leben, von jedem Leben, auch von dem Leben, das sehr viel Mühe kostet.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare