Der 10. November, Tag der Schande

Ein Augenzeuge erinnert sich: Rauch über der Synagoge

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Die Seligenstädter Synagoge um das Jahr 1916. Das Postkartenmotiv stammt aus der Sammlung des Seligenstädter Heimatforschers Thomas Laube.

Seligenstadt/Klein-Krotzenburg - In der Pogrom- oder Reichskristallnacht brannten zahlreiche jüdische Gotteshäuser. Die Synagogen in Seligenstadt und Klein-Krotzenburg fielen freilich erst tags darauf, am 10. November, dem Nazi-Terror zum Opfer.

Augenzeuge der Schändung: Fritz Haas.

Fritz Haas, der Ehrenvorsitzende des Förderkreises Historisches Seligenstadt (86), war damals ein kleiner Junge und Augenzeuge der Schändung der Synagoge in Seligenstadt. Er erinnert sich gut:
„Wir waren vier Buben in der ersten Volksschulklasse der damaligen Mainschule und gingen, wie oft nach der Schule, gemeinsam nach Hause über die Frankfurter Straße bis zur Einmündung der Grabenstraße, wo Edelbert wohnte. Die anderen Buben, Hans, Josef und ich wollten von dort nach Hause gehen. Schräg gegenüber vom Haus der Eltern Edelberts stand die jüdische Synagoge.

An diesem 10. November 1938 aber blieben wir am Grunstückseingang von Edelberts Eltern stehen, weil eine Rotte von etwa 10 bis 15 Personen, bewaffnet mit Äxten und Pickeln, aus dem Stadtgraben kommend in die Grabenstraße weitermarschierte und in das Synagogengrundstück eindrang. Was sich dann abspielte, werde ich zeitlebens nicht vergessen.

Die Rotte schlug mit ihren Werkzeugen die grüne, mit Rhomben verzierte Tür ein und drang in die Synagoge ein. Wir hörten das Klirren von zerschlagenen Gefäßen und Einrichtungen. Mit Entsetzen schauten wir zu. Dann drang Rauch aus der zerstörten Tür. Da trennte ich mich von meinen Schulkameraden und lief zu meinen Eltern, die eine Straße weiter im Steinweg wohnten. Atemlos berichtete ich, was ich gerade miterlebt hatte. Meine Eltern waren schockiert, und meine Mutter sagte: „Das wird sich an uns rächen“ und zu mir gewandt fügte sie an: „Und Du bleibst hier“.

Diesem Gebot folgte ich und sah vom Steinweg aus nur die Rauchwolken der brennenden Synagoge. Einige Zeit später war ich Augenzeuge des Einreißens der Umfassungsmauern der Synagoge, die auch nach dem Brand festgefügt waren. Viele Male rissen die Ketten der Seilzüge, bis die Mauern geschlossen zum Umsturz kamen. Beim Einreißen der hinteren Mauer, in der sich die Thoranische befand, war ich allein auf dem Heimweg von der Schule und wurde vom Staub der umstürzenden Mauer überschüttet.

9. November: Judenhass, Mauerfall und Geburt der Republik

Fast 70 Jahre nach diesen Erlebnissen gehörte ich der AG Stadtbild an, die Pläne erarbeitete, um den Synagogenplatz neu zu gestalten und die Umrisse der Synagoge sichtbar zu machen. Mit feinem Werkzeug und Handbesen habe ich mich beteiligt am Freilegen der alten Fundamente...“

Im Buch „Die Synagoge“ von Thorwald Ritter (Hainburg) sind Plünderung und Brandanschlag auf die Klein-Krotzenburger Synagoge beschrieben. Demnach forderte der Führer der SA-Standarte Offenbach an jenem 10. November 1938 Mitglieder auf, an der „Niederlegung“ der Synagoge teilzunehmen. Ein SA-Mann hatte auf Rechnung der Gemeinde 25 Liter Benzin besorgt. Kurze Zeit später ertönte Feueralarm, vorher gab es eine Explosion. Die Feuerwehr trat kaum in Erscheinung. Im Innern der Synagoge, in der nur der Fußboden versengt wurde, wurden Einrichtungsgegenstände, Bänke und Betstühle zertrümmert und draußen auf einen Scheiterhaufen geworfen, auf dem schon die wertvollen Thorarollen lagen. Am Abend trieben SA-Männer neun jüngere Juden ins Seligenstädter Klosterhof-Gefängnis. Für diese Schutzhaft mussten sie die Kosten selbst bezahlen. Im April 1949 verurteilte die Strafkammer des Landgerichts Darmstadt mehrere tatbeteiligte Nazis zu Gefängnisstrafen. (mho)

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