Das Leid der Helden

Persönliche Grenzerfahrungen: Krankenschwester vom Corona-Team der Asklepios-Klinik Seligenstadt berichtet

Medizinisches Personal in Arbeitskluft mit Gesichtsvisieren und Masken.
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Das Corona-Team: Vertraute, Seelsorger und manchmal auch Ersatzfamilie.

An Berichten über und mit Corona mangelt es nicht, aber kaum jemand berichtet darüber, was das Virus aus denen macht, die an der Versorgung der Patienten beteiligt sind.

Seligenstadt – Tanja Lenz (51) ist Krankenschwester auf der Corona-Station der Seligenstädter Asklepios-Klinik. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und 32 Jahre Berufserfahrung in Kranken- und Altenpflege sowie eine Weiterbildung zur Fachkraft für Palliativ-Medizin absolviert. Tanja Lenz hat einen Text über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Kranken und Krankheit verfasst, ihm den Titel „Die dritte Welle und das Leid der Helden“ gegeben.

„Im Nebengebäude hinter einer schweren Metalltür mit der Aufschrift ,Infektionsstation’ arbeiten wir, das Corona-Team der Asklepios-Klinik. Wir sind ein multikulturelles Team, zusammengeschweißt von diesem Virus. Viele erfahrene Pflegekräfte und auch junge, engagierte Mitarbeiter kämpfen unermüdlich Schicht um Schicht gegen den langen Atem des Coronavirus“, schreibt Tanja Lenz. Während die Presse von der schweren Arbeit auf den Intensivstationen berichte und Bilder von Beatmungspatienten über die Bildschirme flimmerten, sei es um die Mitarbeiter der Corona-Station still geworden. „Die dritte Welle ist schwerer geworden, die Krankheitsverläufe unberechenbar, und oft ist der Grat zwischen uns und der Intensivstation sehr schmal.“

Die engmaschigen Kontrollen der Symptome bei unterschiedlichen Infektionsstadien, der ständige Wechsel der Schutzkleidung erfordern höchste Konzentration: „Die Pflegekräfte stehen permanent unter Spannung. Der Zustand der Patienten kann schnell kritisch werden, und wir brauchen ein wachsames Auge, um Krisen rechtzeitig zu erkennen. Die meisten Patienten, die zu uns kommen, wissen um das, was auf sie zukommen kann und haben neben berechtigten Ängsten auch unzählige Fragen. Das Telefon im Dienstzimmer steht nicht still, denn die Angehörigen hungern nach Informationen.“

Die ganzheitliche Versorgung der Patienten könne schnell zum Drahtseilakt werden, wenn sich der Gesundheitszustand von mehreren Patienten gleichzeitig verschlechtert. Neben medizinischer Professionalität sei unglaublich viel Empathie mitzubringen, um sich auf Menschen in solch einem Ausnahmezustand einlassen zu können. „Besonders schwer wird es, wenn die Hoffnung auf Heilung schwindet und es nur noch um die Wahrhaftigkeit geht. Wer hier arbeitet, ist mehr als eine Pflegekraft.“ Manchmal sind Patienten mehrere Wochen auf der Station, dann werden die Mitglieder des Corona-Teams zu Vertrauten, Seelsorgern und zur Ersatzfamilie.

Der bittere Nachgeschmack: Das Virus beeinflusst den Alltag auch nach Dienstende. „Wenn es Patienten schlecht geht, kann man das im Privatleben nicht einfach ausblenden. Die Gedanken an die Arbeit sind immer präsent. Wir gehören nicht mehr zu denen, die bei engen Freunden und Angehörigen gern gesehen sind, denn jeder von uns trägt das unsichtbare Mal des Superspreaders auf der Stirn“, beschreibt Tanja Lenz eine andere Problematik.

Maskengegner und Fernreisende erscheinen in diesem Szenario „wie Hauptdarsteller in einem schlechten Film. Wir sehen vieles plötzlich aus einem anderen Blickwinkel und was früher wichtig erschien, hat an Dringlichkeit verloren.“

Ist die Arbeit auf der Station der Stoff, aus dem Helden geboren werden, „verbinden wir damit doch die Retter in der Not, die am Ende alles zum Guten wenden? Nein, das sind wir sicher nicht! Wer tagtäglich die Ohnmacht erlebt, die das Virus über die Menschen bringt, der schert sich nicht mehr um Applaus auf dem Balkon und tanzt nicht vor dem Klinikgebäude einem nicht absehbaren Ende der Pandemie entgegen“.

Druck, Schmerz und Leid lasten schwer auf den Schultern der Pflegekräfte. „Das Virus macht uns zu Co-Patienten, die an der Schwelle zwischen Pandemie und dem Wahnsinn der Alltäglichkeit stehen. Die eigene Endlichkeit wird einem plötzlich bewusst. Aber vielleicht liegt gerade darin die wahre Herausforderung für die Pflege. Das Gefühl, nicht mehr alles kontrollieren zu können, führt uns an die Wurzeln zurück, dort, wo die Pflege ihren Ursprung hat - zum Patienten.“ Das Virus zwinge alle, wieder besser hinzusehen, die Patienten ganzheitlich zu beobachten und auch zu beurteilen.

Man rückt näher zusammen im Krankenhaus, Kommunikation und Reflektion zwischen den Berufsgruppen lassen das Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen. „Diese Pandemie ist und bleibt für uns alle eine Grenzerfahrung, die unser weiteres Leben nachhaltig beeinflussen wird“, versichert Tanja Lenz.  (mho)

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