Pfarrerin Krauß-Buck

Mit Kopf, Herz und Hand

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Vor 25 Jahren wurde sie in Seligenstadt in den Pfarrdienst übernommen: Leonie Krauß-Buck. „Ich wollte was verstehen vom Leben, von Gott, von der Welt.“

Seligenstadt - Am Montagvormittag putzte Leonie Krauß-Buck die Sanitäranlagen im Gemeindezentrum. Das ist nicht allein den Sparzwängen geschuldet. Von Sabine Müller 

„Die besten Gedanken habe ich nicht am Schreibtisch, sondern wenn ich mit den Händen arbeite“, erklärt die Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen. Vor 25 Jahren wurde sie in den Pfarrdienst übernommen.

„Macht bitte nicht so ein Gedöns“, hat sie ihre Gemeinde gebeten, als das Ordinationsjubiläum publik wurde. Und fürchtet, dass genau das passieren wird. Im August 2013 hat sie erstmals die Segnung eines homosexuellen Paares kirchenrechtlich beurkundet, was zu ihrem Erstaunen einen Medien-Hype verursachte und ihr den Ruf von Weltoffenheit sowie böse Briefe von Evangelikalen einbrachte. Als sie im April 2012 als Ordensdame zur Bruderschaft vom Steyffen Löffel berufen wurde, stand sie auch eher unfreiwillig im Rampenlicht „weil ich wusste, was es für meine Kirchengemeinde bedeutet“. Es gibt Katholiken im Städtchen, die wünschen sich, Leonie Krauß-Buck möge für sie die Grabrede halten. Doch im Grunde ihres Herzens, sagt die Geistliche, sei sie ein schüchterner Mensch, dessen kecke Seite durch den Beruf in den Vordergrund treten darf. Dass sie mal Pfarrerin werden sollte, schien der heute 53-Jährigen einst so abwegig wie eine Karriere als Bundeskanzlerin.

Fasziniert vom Kindergottesdienst

Im kleinen Dorf Bernbach bei Idstein (Taunus) wurde sie geboren. Der Vater Elektriker, die Mutter Näherin. „Keiner in unserer Familie hatte Abitur gemacht oder gar studiert“, berichtet Leonie Krauß-Buck. „Ich aber war begeistert vom Kindergottesdienst und wollte Pfarrerin werden, dabei konnte man das damals als Frau noch gar nicht.“ Dieses so andersartige Kind, das andauernd über Büchern hockte und die Banklehre ausschlug, habe ihre Eltern wohl schon etwas überfordert, sinniert die Tochter. Erst recht als Leonie ihre „wilde Phase“ hatte, als 18-Jährige nach Frankfurt ging, um dort Theologie zu studieren und gegen die Startbahn-West zu demonstrieren. „Ich wollte was verstehen vom Leben, von Gott, von der Welt.“ Dass sie letztlich im Januar 1989 doch noch feierlich ordiniert wurde - ein Akt, der fast einer Taufe gleichkomme - sei wohl „Gottes Fügung“ gewesen. Heute ist ihr Amt eine Lebenseinstellung, und sie übt es mit viel Freude aus: „Es ist genau meins.“

Selbst unter veränderten Arbeitsbedingungen. „Als ich vor 25 Jahren in Seligenstadt ankam, war man katholisch oder verloren.“ Die wichtigste Frage lautete deshalb: „Was können wir evangelischen Christen hier tun?“ Mittlerweile besteht eine rund 5000 Mitglieder starke, selbstbewusste Gemeinde um die Kirche an der Aschaffenburger Straße, die zwei Gemeindehäuser, ein Gemeindezentrum und zwei Kitas unterhält. Leonie Krauß-Buck ist zuständig für Seligenstadt-Nord und Froschhausen; seit ihre Kollegin Regina Westphal in Elternzeit ist, betreut sie auch den Ortsteil Klein-Welzheim mit. „Für die Mehrarbeit bekommen Pfarrer Martin Franke und ich Erschwerniszulage“, sagt die Seelsorgerin belustigt. Doch die Belastung halte sich in Grenzen, seitdem sie vor wenigen Monaten als stellvertretende Dekanin im Dekanat Rodgau ausschied.

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Auch auf schwindende Mitgliederzahlen reagiert die Pfarrerin gelassen: „Ein paar gehen wegen Tebartz-van Elst, das finde ich goldig, weil es nichts mit uns zu tun hat. Das Problem ist eher die demographische Entwicklung. Immer mehr Kinder werden atheistisch, im muslimischen oder buddhistischen Glauben erzogen.“ Natürlich sollte die Kirche ihre Aufgaben wahrnehmen können und sie ihr Gehalt auf dem Konto haben. „Ich könnte mir aber auch eine andere Form vorstellen, die christliche Botschaft zu verkünden.“ Schon als Berufsanfängerin hatte sie die „wahnwitzige Idee“, in der Tradition der französischen Arbeiterpriester unterwegs zu sein. Denn der Talar ist Segen und Fluch zugleich. Die Seelsorgerin braucht eine gewisse Distanz zu den Menschen, „doch die echten, ehrlichen Geschichten bekomme oft nicht ich erzählt, sondern die Friseurin“.

Sie vermute mal, dass sie noch eine Weile hier bleiben werde, sagt die Pfarrerin, obwohl manche meinten, nach zehn Jahren sollte man gehen. „Ich glaube, mir und der Gemeinde hat’s nicht geschadet.“ Anlässlich ihrer Silbernen Ordination am kommenden Sonntag hält sie selbst den Gottesdienst, bevor ein Empfang stattfindet. In der Kirchenbank wird neben ihren Eltern Felix Buck sitzen - zu Leonie Krauß-Buck gehören auch ein Ehemann und der 22-jährige Sohn Casimir.

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