Pfarrgemeinde St. Marien feiert 50-Jähriges

Ein etwas anderer Geist

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Erzählcafé zum 50-Jährigen: „Es wird Mess‘ gehalten, ob jemand da ist oder nicht.“

Seligenstadt - Die katholische Kirchengemeinde St. Marien feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Wie die Pfarrei 1966 gegründet wurde und sich weiterentwickelte, wissen Zeitzeugen am besten. Von Sabine Müller

Im Erzähl-Café schilderten sie am Sonntagnachmittag ihre Erinnerungen, in denen immer wieder aufblitzte: Hier wehte von Anfang an ein etwas anderer Geist. Wie war das Anfang der 60er Jahre, als sich herauskristallisierte, dass Seligenstadt neben der Basilika-Pfarrei eine zweite katholische Gemeinde bekommen sollte? Dies wollte Moderatorin Dr. Margret Graf von Gemeindemitgliedern wissen, die die Entstehung miterlebt und mitgestaltet haben. Neben den sechs Zeitzeuginnen und –zeugen auf dem Podium - Gerhard Zöller, Norbert Jung, Maria Zöller, Irmgard Lewerth, Albert Kemmerer, Maria Rachor – war aber auch das zahlreich erschienene Publikum aufgefordert, Erinnerungen beizusteuern. Umrahmt von Flöten- und Klavierklängen, bei Kaffee und Kuchen, wurde im Gemeindezentrum Vergangenheit lebendig.

So schilderte Irmgard Lewerth wie die Kapellenstraße am Steinweg aufhörte, sich Gärten in Privathand anschlossen und Seligenstadt sprunghaft über den historischen Ortskern hinauswuchs. „Damals hieß es, die Leute sollten Gelände stellen für den Bau eines Jugendzentrums und eines zweiten katholischen Kindergartens, da das Schwesternhaus zu klein geworden war.“ Am 1. Mai 1965 wurden diese neuen Einrichtungen und ein Pfarrhaus eingeweiht. Knapp ein Jahr später kam die Verfügung aus dem Bistum Mainz, dass eine zweite Pfarrei gegründet werde mit dem Einzugsbereich Kortenbacher Weg, Grabenstraße und Seligenstadt-Ost. Als neuen Pfarrer stellte der Dekan den jungen Ekkehard Edel vor: „Der Herr Merzbach sagte, es wird Mess‘ gehalten, ob jemand da ist oder nicht“, berichtete Maria Rachor den amüsierten Zuhörern über die erste Zusammenkunft, „sechs Leute waren da, davon zwei oder drei aus der Basilika.“ Die Gottesdienste wurden provisorisch im Untergeschoss des Gemeindezentrums gefeiert, wo es im Sommer heiß wurde, weder Instrumente noch Gesangbücher zur Verfügung standen. Schwarz-weiß-Fotos auf der großen Leinwand veranschaulichten die Eindrücke von Albert Kemmerer, der als junger Mensch den Bau der Kirche miterlebt hat: Die Gründung des ersten Stiftungsrates und des Kirchenbauvereins, den Baubeginn 1969 mit einem großen See im Aushubsloch, Architektenentwürfe und Pläne. „Die Pfarrmitglieder hatten sich für ein Modell entschieden, aber der Pfarrer hat eine ganz andere Kirche gebaut.“ Nach einem Wettbewerb, an dem auch der Würzburger Dombaumeister Hans Schädel teilnahm, wählte man den Entwurf eines Betonsystems von Gisberth Hülsmann. Im Juni 1975 erfolgte die Konsekration der Kirche. Der schlichte Holzaltar in der Oberkirche wurde durch eine massive Travertinplatte ersetzt; in der Unterkirche entstand ein kleiner Blockaltar aus alten Steinen der karolingischen Marienkirche, der Reliquien von Jakobus birgt. Es wurde ein Sakralbau, den man bis dato nicht gekannt hatte. Der die Älteren an einen Bunker erinnerte und nicht mal einen Turm aufwies.

Dagegen war der heute 67-jährige Peter Fischer, damals „16-jähriger Messdiener und in der Basilika streng erzogen“, begeistert von dieser modernen Gemeinde: Der weltoffene Pfarrer Edel, der Kardinal Hermann Volk auch nach Rom zum Zweiten Vatikanischen Konzil begleitet hatte, trug Schlips statt Stehkragen, erlaubte, dass sich die Geschlechter in der Schola mischten und lud die Jugend ins Pfarrhaus zu Kaffee und Kuchen ein. „Eine neue Zeit hatte begonnen, die uns ansprach, es war ein Stück Ur-Christentum.“ Der etwas andere Charakter der Glaubensgemeinschaft basierte auch auf der Zusammensetzung ihrer Mitglieder: ein Drittel Seligenstädter, der Rest Zugezogene, etwa ins Neubaugebiet Niederfeld. Der Offenbacher Norbert Jung, der dort 1972 ein Haus baute, hat in St. Marien „viel menschliche Wärme erfahren, das hat sich bis heute nicht verändert.“ Er habe versucht, diese Unterstützung zurückzugeben, etwa durch die Organisation des Zeltlagers. „Gottvertrauen war die Grundvoraussetzung“, bilanzierte die Moderatorin, nachdem 50 Jahre in zwei Stunden gepackt worden waren. „Ohne das Engagement und die Aktivitäten der Menschen aber war dies alles nicht möglich.“

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