„Habe nicht einen Tag gefehlt“

Rektor der Merianschule: Günter Urban verabschiedet sich in den Ruhestand

 Günter Urban
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Abschied nach zehn Jahren: Rektor Günter Urban verlässt die Merianschule in Seligenstadt und geht in den Ruhestand.

Während die Schüler weiterhin ihre Sommerferien genießen, hat er seine Sachen in der Merianschule zusammengepackt: An diesem Wochenende lässt auch Günter Urban die Schulzeit hinter sich – und beginnt das Kapitel Ruhestand. Seit 2011 ist der heute 66-Jährige Leiter der Haupt- und Realschule in Seligenstadt. Zu diesem Zeitpunkt lag hinter Urban aber schon eine doch etwas ungewöhnliche Laufbahn.

Seligenstadt - 1983 macht er sein zweites Staatsexamen. Weil aber damals keine Stellen frei sind, geht er in den Strafvollzug nach Dieburg. „Ich habe damals lange überlegt, ob ich das mache“, sagt Günter Urban. Doch er sagt zu – und unterstützt als Lehrer die Insassen dabei, nachträglich ihren Haupt- und Realschulabschluss nachzumachen. Später wechselt er nach Wiesbaden in die Aus- und Fortbildung der Strafvollzugsbediensteten. „Hier hätte man eigentlich bleiben können“, sagt er. „Die Arbeit hat mir wirklich viel Spaß gemacht.“

Im Jahre 2000 wechselt Günter Urban trotzdem wieder in den regulären Schulbetrieb: Zunächst nach Groß-Gerau, dann wird er Schulleiter in Schaafheim und landet 2011 schließlich in Seligenstadt. Die Erfahrungen aus dem Strafvollzug prägen seine Arbeit. „Meine Haltung zu anderen Menschen ist seitdem neu ausgerichtet. Mir sind keine menschlichen Tiefen mehr fremd. Ich weiß, was alles im Leben passieren kann“, erklärt er. „Das ist eine gute Grundlage für Gespräche mit Eltern oder Kollegen. Mich erschüttert eigentlich nichts mehr.“

Günter Urban hat sich zu Beginn nur schwer an der Merianschule Seligenstadt eingewöhnt

Trotz dieser Gelassenheit fällt es dem 66-Jährigen schwer, zu Beginn in der Schulleitung der Merianschule Fuß zu fassen. „Es bestand wenig Bereitschaft, die Schule nach außen zu öffnen, zum Beispiel die Eltern mit in die Arbeit einzubeziehen“, erinnert er sich. „Und im Schatten eines Gymnasiums liegend hatten wir natürlich auch nicht den besten Ruf.“ Doch sein Einsatz lohnt sich: „Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir Haupt- und Realschule inzwischen selbstbewusst vertreten und das auch an die Schüler weitergeben.“ Es wurden „viele verhärtete Krusten aufgebrochen“.

Trotzdem bleibt Urban sich selbst und seinen Kollegen gegenüber kritisch. „Man muss sich selbst immer wieder hinterfragen und darf nicht zu selbstherrlich agieren in der schulischen Arbeit.“ Denn weiterhin gebe es natürlich Menschen, die mit ihm oder der Schule unzufrieden seien.

„Dieser Job als Rektor bringt einen schon an die Grenzen der Belastbarkeit. Man kommt nie zur Ruhe“, sagt er. „Auch wenn ich in den zehn Jahren nicht einen Tag krankheitsbedingt gefehlt habe.“ Urban ist an manchen Tagen von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends vor Ort, fährt teilweise sogar am Wochenende in die Schule. Auch Auseinandersetzungen innerhalb der Schulleitung gehören dazu – „man zieht ja nicht immer an einem Strang. Aber sowas verursacht dann eben auch Magenschmerzen“.

Austausch mit Schulleiter der Einhardschule in Seligenstadt

Beruflich sorgen Seminare oder der Austausch mit Dieter Herr, dem Schulleiter der Einhardschule nebenan, für den nötigen Ausgleich. Privat geht Günter Urban zunächst viel joggen, inzwischen stehen Schwimmen, Gartenarbeit und viel Zeit mit der Familie auf dem Programm.

Die freut sich nun auch darauf, mehr Zeit mit dem 66-Jährigen zu verbringen. „Ich habe drei Söhne, drei Enkelkinder und eine tolle Partnerin an meiner Seite – sie haben mir gezeigt: Dieser Job hat auch nur so gut funktioniert, weil mich mein Umfeld immer unterstützt hat.“

Kraft zieht sich Günter Urban in den vergangenen Jahren aber auch aus Begegnungen mit Ehemaligen. „Wenn Schülerinnen und Schüler uns nach Jahren besuchen und sagen: ‘Mensch, Herr Urban, rückblickend kann ich sagen, es war genau richtig, dass Sie damals so streng waren oder wir soviel Mathe lernen mussten’.“ Die Ehemaligen mit Abstand zufrieden oder auch erfolgreich an weiterführenden Schulen zu erleben – das macht den Rektor immer wieder aufs Neue glücklich.

Auch Gutes in Corona-Zeiten an der Merianschule Seligenstadt erlebt

Dass nun Corona seine letzten Monate an der Merianschule begleitet hat, will Günter Urban aber nicht nur negativ sehen. „Natürlich hat Corona für viel Verunsicherung gesorgt und uns vor Schwierigkeiten bei der Unterrichtsplanung gestellt, aber wir haben auch viel Positives erlebt“, sagt er. Dazu zählt er die kleineren Lerngruppen – die seien von allen Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen gelobt worden. „Wenn diese in Zukunft weiter bestehen könnten, wäre das natürlich toll.“

Dass es durch die Pandemie-Situation auch für ihn selbst keine große Abschieds-Feier gab, findet der Ex-Rektor aber nicht schlimm. „Ich bin persönlich kein großer Freund von so offiziellen Anlässen mit Lobhudelei.“ Stattdessen verabschiedete sich Günter Urban bei mehreren kleinen Treffen, unter anderem von seinen Lehrerkollegen, den Schulmitarbeitern oder dem Elternbeirat. Am letzten Schultag stand dann der wohl schwerste Gang bevor: Ein letztes Mal ging er durch alle Klassen der Merianschule. „Da ist mir so viel Herzlichkeit entgegen gebracht worden, das war wirklich schön – dafür lohnt sich die Arbeit.“

Bis zum Ende des heutigen Samstags darf sich Günter Urban offiziell noch Rektor der Merianschule Seligenstadt nennen, wer es danach tun kann, steht noch nicht fest. Das ärgert Urban. „Die Stelle wurde rechtzeitig ausgeschrieben und es gibt auch Bewerber – aber eben noch kein Ergebnis. Das ist einfach schade für die Schule.“ Vor allem weil er der- oder demjenigen den Einstieg ins Amt gerne erleichtert hätte, indem „man gemeinsam zum Beispiel mal alle Dateien durchschaut“.

Welche Projekte für ihn als nächstes anstehen, hat sich der 66-Jährige noch nicht überlegt. Er will den Ruhestand erst mal auf sich zukommen lassen – ganz gelassen, wie auch schon zu Schulzeiten. (Von Julia Oppenländer)

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