Saftfrisch gebeilte Eichen

Tag des offenen Denkmals – Führungen durch historische Gebäude und Anlagen

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Durch das mehr als 300 Jahre alte Fachwerkhaus in der Oberstadt führte Peter Störk eine Gruppe. 

„Mehr als 300 Jahre hat es überdauert, warum soll es nicht noch länger halten?“ sagt Peter Störk und schaut auf den knochentrockenen Brocken aus Sand, Lehm und Stroh in seiner Hand.

Seligenstadt – Störk, Mitglied beim Verein Lebenswerte Seligenstädter Altstadt, führte eine Gruppe Besucher am gestrigen „Tag des offenen Denkmals“ durch ein altes Haus in der Oberstadt. Das Gebäude, um 1685 gebaut und unter Denkmalschutz stehend, steht an der Aschaffenburger Straße 93. Gekauft haben es Katja und Harald Teubner vor gut einem Jahr, nachdem es knapp drei Jahrzehnte unbewohnt war. Die Eigentümer haben bereits Erfahrung mit der Sanierung von Fachwerkhäusern, sagt Störk, Auch sei Katja Teubner als Architektin vom Fach.

Über das Palatium, das „Rothe Schloss“, gab es Wissenswertes von Mitgliedern des Förderkreises „Historisches Seligenstadt“ zu erfahren.

In einem Schuppen lagern größere Mengen Brocken aus Sand, Lehm und Stroh. Sie dienten als Isolierung an den Wänden, die Teubners hätten sie im Zuge der Sanierung abgeklopft. „Später werden sie wieder verwendet“, sagt Störk, Das Material sei ideal zum recyceln, „und eine extrem hohe Wärmedämmung“.

Die Rathausuhr aus dem Jahre 1867 konnten Interessierte aus der Nähe betrachten. Erläuterungen gab es von den Glockenfreunden.

Auf die Besitzer wartet viel Arbeit. Innen wie außen ist das Haus in keinem guten Zustand. An manchen Wänden finden sich noch Reste von Tapeten mit typischen Mustern der 1970er Jahre. Störk beschreibt die Hölzer, die seinerzeit beim Bau verwendet wurden. Eichen, die „saftfrisch gebeilt“ wurden, und Weichhölzer (Fichten), die sich aufgrund ihrer langfasrigen Struktur bestens als Deckenbalken eigneten. Die Bäume wurden im Spessart gefällt und nach Seligenstadt transportiert. Das Gebäude sei ursprünglich ein sogenanntes Ackerbürgerhaus gewesen. Landwirtschaft hätten die Bewohner im Nebenerwerb betrieben. Darauf weise ein Zimmer im Obergeschoss hin, dass als eine Art Büro gedient habe. Dass die früheren Bauherren eher Pragmatiker waren, macht Störk an Beispielen deutlich. 

Die Kirche St. Marien gehört zu den 100 besten Kirchenbauten der Moderne in Deutschland. Albert Kemmerer (4. von rechts) sprach bei einer Führung über die Errichtung des Gotteshauses.

So ist etwa in einem der Zimmer im Obergeschoss das Fachwerk nicht bündig gebaut und schaut vor. Im Büro sei hingegen alles glatt und korrekt, daher sei davon auszugehen, dass es sich hierbei um einen „repräsentativen Raum“ gehandelt habe. Die extrem steile Treppe mit den für heutige Verhältnisse eher schmalen Stufen „würde man heute gar nicht mehr abgenommen bekommen“.

Das Haus, Scheune und Schuppen trennt ein kleiner Hof auf dem insgesamt etwa 145 Quadratmeter großen Grundstück. 1908 habe es dort gebrannt, sagt Störk, die Scheune sei 1910 gebaut worden. Die Sanierung soll etwa ein Jahr dauern, viele später hinzugefügte Veränderungen werden entfernt. Denn die Eigentümer wollen das Ursprüngliche wieder herstellen, bevor sie das Haus vermieten.

VON OLIVER SIGNUS

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