Holzteile auf Fahrrad transportiert

Mit Schreinerei Bergmann hat ein Traditionsbetrieb geschlossen

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Die Bandsäge aus dem Jahr 1928 soll als eine Art Industriedenkmal auf dem Grundstück der Familie an der Ellenseestraße erhalten bleiben. Die Brüder Rüdiger (links) und Martin Bergmann schließen den Betrieb nach 117 Jahren.

Seligenstadt – Anno 1901 in Steinheim gegründet, dann an die Steinheimer Straße in Seligenstadt umgezogen und zum Ende des vergangenen Jahres an der Ellenseestraße nach 117 Jahren geschlossen: Ein Blick auf die Geschichte der Schreinerei Bergmann. Von Alina Rücker

Firmengründer Franz-Josef Reuß an der Bandsäge in der damaligen Schreinerei Reuß in Steinheim.

Schreiner Franz-Josef Reuß gründete am 1. April 1901 in Steinheim unter dem Namen „Schreinerei Reuß“ einen Betrieb, der Ende 2018 am heutigen Standort Seligenstadt seine Türen für immer geschlossen hat. Die Zeiten waren anfangs hart, und die Geschwister Rüdiger und Martin Bergmann sind heute noch stolz darauf, „dass der Familienbetrieb trotz der damaligen Finanzschwierigkeiten 117 Jahre überdauert hat“.

Bis zum Ende lief jene Bandsäge nahezu täglich, die der Firmengründer 1928 erworben hatte, um damit Krümmlinge und Geländerteile zu fertigen. Nach Aufgabe der Firma – die Maschinen sind längst von Händlern aufgekauft – soll genau diese Bandsäge auf dem Privatgelände an der Ellenseestraße an vergangene Zeiten erinnern.

Franz-Josef Reuß’ Sohn Martin Reuß leitete ab 1950 den Betrieb mit der Werkstatt in Groß-Steinheim mit und übernahm ihn, nachdem sein Vater bei einem Verkehrsunfall vor 60 Jahren tödlich verunglückte. Später zog die Schreinerei dann nach Seligenstadt an die Steinheimer Straße 33 unmittelbar am Steinheimer Torturm um.

Der frühere Firmensitz an der Steinheimer Straße in unmittelbarer Nähe des Torturms.

Ehrentrud Bergmann, die Tochter von Martin Reuß, übernahm den Betrieb nach dem Tod ihres Sohnes als „Schreinerei Bergmann“. In den Jahren 1960/61 wurde die Schreinerei als Familienbetrieb an der Ellenseestraße 43 in Seligenstadt gebaut, und 1984 übergab Ehrentrud Bergmann ihren zwei Söhnen, Schreinermeister Martin und Drechslermeister Rüdiger Bergmann, die Leitungsposition.

Beide haben den Familienbetrieb mit ihren Ideen und Talenten geprägt. Schon frühzeitig hat sich die Schreinerei auf Treppen und Geländer spezialisiert. Durch stetige Weiterbildung und viele Messebesuche blieb man auf dem neuesten Stand. Neben ausgefallenen Drechslerarbeiten wurden zuletzt auch Sprossen aus Holz-Edelstahl-Kombinationen oder Perlacrylglas angeboten. Holzstufen auf Betontreppen und das passende Holzgeländer dazu liegen im Trend. Handläufe, dazugehörige Krümmlinge und Drehteile wurden zudem oft im Auftrag für Kooperationsbetriebe produziert.

Immer wieder erinnern sich die Brüder Bergmann im Gespräch mit unserer Zeitung an die Erzählungen in der Familie: „Es ist kaum vorstellbar, aber früher transportierte mein Urgroßvater mit einem Fahrrad die Holzteile für die Geländer“, schildert Martin Bergmann. „Es gab auch einige polizeiliche Anzeigen, da man das ja nicht durfte, aber irgendwann schaute die Polizei nicht mehr hin.“

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Erstmals verkauften Martin und Rüdiger Bergmann Mitte der Achtzigerjahre Treppen, um die Finanzen zu verbessern. Im Jahr 2000 entstand auf dem Hof ein Ausstellungshaus, das nach zehn Jahren wieder geschlossen wurde und einer Rechtsanwaltskanzlei Platz machte.

Aus gesundheitlichen Gründen und weil es keinen talentierten Nachfolger gibt, hat der Familienbetrieb nach vier Generationen am 31. Dezember des vergangenen Jahres nach 117-jähriger Tätigkeit geschlossen. Die Abwicklung wird noch etwa ein halbes Jahr dauern. Danach übernehmen die beiden Töchter von Martin Bergmann das Grundstück, um darauf Häuser zu bauen.

Doch eine Erinnerung soll bleiben: Die Bandsäge, die seit 1928 durchgehend in Betrieb ist, wird auf dem Hof der Ellenseestraße 43 mit dem Original-Kaufbeleg ausgestellt. Zusammen mit einigen Krümmligen bleibt sie als einziges Zeugnis des Familienbetriebes bestehen.

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