Gleich und doch anders

Schulunterricht zum Thema Homosexualität mit Gastlehrer Malte Anders

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Gastlehrer Malte Anders alias Theaterpädagoge Timo Becker: „Werde manchmal beleidigt, weil ich schwul bin.“

Seligenstadt - Zwischen Deutsch und Mathe stand für die Neuntklässler der Merianschule jetzt das Fach „Homologie“ auf dem Stundenplan: Unterricht der etwas anderen Art mit Gastlehrer Malte Anders alias Theaterpädagoge Timo Becker. Von Sabine Müller

Im sensibel, doch mit Witz entwickelten Kabarettprogramm erfuhren die Jugendlichen alles über das Tabuthema Homosexualität: Was sie schon immer wissen wollten aber nicht zu fragen wagten. „Homo, Schwuchtel, schwule Sau“: Homosexualität ist ein Tabuthema, doch als Schimpfwort ständig präsent auf deutschen Schulhöfen. Dies will Timo Becker, der selbst Männer liebt, ändern. Dafür hat er die Kunstfigur Malte Anders geschaffen, mit der er seit 2014 auf Schultheater-Bühnen steht. Im 50-minütigen Comedy-Programm macht dieser Gastlehrer Unterricht der etwas „anderen“ Art. Denn darum geht es letztlich im Fach „Homologie“: „Alle Menschen sind gleich und doch alle anders.“ Nur wenn wir das respektierten, „werden wir eine starke Gemeinschaft“. Das Hintergrundwissen zum vorurteilsbehafteten Thema liefert der Sozial- und Theaterpädagoge nicht trocken und abstrakt, er hat es sensibel und mit Witz aufbereitet – sogar fächerübergreifend. So lernen die Jugendlichen in Deutsch, dass sie andere schlicht mit dem lateinischen Wort für „Mensch“ ansprechen, wenn sie mit „du Homo!“ beleidigen wollen, und dass die Frage, woher Homosexualität kommt, ungeklärt ist. Das Homo-Gen wurde bisher noch nicht entdeckt, das Grundwasser ist nicht verantwortlich, und anerziehen, meint Malte Anders, kann man sie auch nicht: „Ich war schon in der dritten Klassen in einen Jungen verliebt.“

Schaut man sich in der Biologie um, so stellt sich heraus, dass Bonobo-Affen Konflikte erfolgreich mit Sex quer durch die Geschlechter lösen, und dass jeder fünfte Pinguin schwul ist. Im Fach Englisch wird das Thema über das Coming-out transportiert. „Für meine Eltern war es nicht leicht, sie hatten sich schon was anderes vorgestellt.“ Nur Oma Else warte noch heute auf die Hochzeit – mit einem schönen Kerl natürlich. Und überhaupt: „Wieso müssen sich eigentlich heterosexuelle Menschen nicht outen?“ Mit dem Dreisatz in Mathe lässt sich berechnen, wie viele der 81 Millionen Deutschen homosexuell sind: „Wenn es so viele sind, wieso kommen die in den Schulbüchern so selten vor?“ Im Politikunterricht bekommen die 15- und 16-Jährigen Informationen aus anderen Ländern: In Saudi-Arabien werden Schwule mit Peitschenhieben gezüchtigt, in Schweden dagegen sind sie vor dem Gesetz gleichgestellt. Zu Sport fällt dem Kabarettisten sein Freund Bilal ein - ein Türke, mit dem er das erste Mal am Pissoir in der Umkleidekabine über seine sexuelle Neigung sprach.

Bilder: „Rosa Oktoberfest“ auf dem Bieberer Berg

Timo Becker holt die Jugendlichen mit seiner One-Man-Show in ihrem Alltag ab. Trägt Baseballcap und Sneakers, doziert nicht nur, sondern macht seinen Unterricht mit Bildern, Filmen und Apps anschaulich, arbeitet mit YouTube, Snapchat und Instagram. So wirkt er cool – wer hätte gedacht, dass der Typ schon 33 ist – vor allem aber ist er authentisch. Die Jugendlichen honorieren dies mit interessierten Fragen, die sie im Anschluss an die Show schriftlich und anonym stellen können. Etwa „wie sollte die Klasse reagieren wenn sie merkt, dass einer von ihnen schwul ist?“ – „Unterstützung wäre toll.“ Weil Timo Becker als Jugendlicher nicht damit rechnen konnte, hat er sich erst nach der Realschulzeit geoutet. „Man kann aber auch abwarten, ob es nicht doch nur eine Phase ist.“ Ob er einen Freund habe, wollen die Neuntklässler wissen: „Ja!“ Auch Kinder hätte er vielleicht gerne mal. „Allerdings dürfen in Deutschland schwule und lesbische Paare nur Pflegekinder aufnehmen und nicht adoptieren.“ Seine offene Art über Homosexualität zu reden, macht Timo Becker aber auch verletzlich. So kontert er nach provozierenden Fragen zu seinen Sexualpraktiken: „Ja, ich werde manchmal noch beleidigt, weil ich schwul bin – zum Beispiel in der Merianschule.“

Vorurteile abbauen, andere in ihrem Anderssein respektieren lernen: Dies war auch die Intention der Schulsozialarbeiterinnen, das Fach „Homologie“ an die Merianschule zu holen. Finanziert wurde die Veranstaltung von der Arbeiterwohlfahrt des Kreises Offenbach, die Fördergelder des Bundesprogrammes „Demokratie leben“ zur Verfügung stellte.

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