„Stätte der Anbetung“

Altar in der Evangelischen Kirche einst ein Geschenk Londoner Lutheraner

Kirche der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen: „Ein Altar von nassauischem Marmor“ als Geschenk.
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Kirche der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen: „Ein Altar von nassauischem Marmor“ als Geschenk.

Nicht nur das Gotteshaus der Seligenstädter Kirchengemeinde St. Marcellinus und Petrus weist zahlreiche Besonderheiten auf, darunter das Grab Einhards oder die päpstliche Titulierung als „Basilica minor“.

Seligenstadt – Auch das Gebetshaus der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen an der Aschaffenburger Straße, das schlicht „Evangelische Kirche“ heißt und damit dem im Volksmund lange geläufigen Namen Gustav-Adolf-Kirche bewusst und engagiert entgegentritt, erzählt erstaunliche Geschichten. Nicht nur vom Standort „vor dem Oberthore“, also außerhalb der Stadtmauer, an dem der brandschatzende König Gustav Adolf von Schweden im 30-jährigen Krieg die Schlüssel der katholischen Stadt entgegen nahm; oder von der nur einjährigen Bauphase 1846/47, die dank Spendengeldern, darunter auch von der jüdischen Gemeinde, abgeschlossen werden konnte; oder von den Wänden, die Bilder australischer Aborigines zieren.

Im eher schlichten byzantinisch-romanischen Kirchenbau kommt neben dem silbernen Taufbecken, einst ein Geschenk der Großherzogin Mathilde von Hessen, vor allem dem Altar besondere Bedeutung zu. Diese „mensa domini“ (Tisch des Herrn) stammt aus London und war einst ein Geschenk der dortigen St.-Georgs-Gemeinde.

St. Georg ist das älteste deutsche Gotteshaus in Großbritannien, 1762/63 gegründet. Dort befand sich, wie diverse Internetseiten oft zweisprachig rekapitulieren, einmal das Zentrum von „Little Germany“. 30 000 Deutsche lebten dort, 16 000 davon waren Lutheraner. Diese Kirche besuchten Generationen von Einwanderer, die in den East-End-Zuckerfabriken, in deutschen Metzgereien und Bäckereien arbeiteten. Die Kolonie bestand bis zu ihrer Ausweisung im Ersten Weltkrieg (1915). Seit dem Jahr 1996 werden an der Alie Street nur noch gelegentlich Gottesdienste gefeiert, hauptsächlich steht die frühere Kirche für Konzerte, Vorträge, Tagungen, und historische Studien zur Verfügung.

Widmung aus London: „Brüder in Christo“

Während der NS-Zeit richtete Pfarrer Julius Rieger (Berlin; 1901-1984) ein Hilfszentrum für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland ein. Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der berühmte Theologe, Gelehrte und engagierte Nazi-Gegner, war von 1933 bis 1935 Pfarrer der benachbarten reformierten St. Paul’s Kirche in London, arbeitete damals mit Pastor Rieger freundschaftlich zusammen und unterstützte ihn im Widerstand gegen die NS-Diktatur.

Die Verbindung zu Seligenstadt stellt die Gustav-Adolf-Stiftung her, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Bau des Seligenstädter Gotteshauses mitfinanzierte und sich heute um evangelische Christen in der Diaspora kümmert.

Der Altar dürfte wohl unmittelbar nach Fertigstellung der Kirche aufgestellt worden sein. „Der Göttingische Hauptverein hat für diese Gemeinde 175 Gulden bewilligt, und die St.-Georgsgemeinde in London zu einem Altar von nassauischem Marmor 175 Gulden geschenkt“, schreibt der „Bote der Gustav-Adolf-Stiftung“ schon im Jahr 1845 (als Nassauer Marmor wurden früher polierbare Kalksteine aus dem Rheinischen Schiefergebirge bezeichnet). Ein Grußwort der schenkenden Gemeinde steht auf der Rückseite des Altars, die eigentlich seine Vorderseite ist: „Die St.-Georgs-Gemeinde zu London weiht ihren Brüdern in Christo zu Seligenstadt a.M. zur Stätte der Anbetung diesen Altar.“ (Michael Hofmann)

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