Gefoltert und enthauptet

Auch Reliquien der „Heiligen Drei Ärzte“ im Basilikaschrein

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Im Reliquienschrein in der Basilika werden Gebeine von Heiligen aufbewahrt, die Einhard einst nach Seligenstadt gebracht hat.

Seligenstadt Was wäre Seligenstadt ohne seine Schutzheiligen Marcellinus und Petrus? Die abenteuerliche Geschichte vom Reliquienraub in den römischen Katakomben zählt zum Grundgerüst unseres frühmittelalterlichen Koordinatensystems - mit dem Fixpunkt Einhard. Von Michael Hofmann

Doch der Stadtgründer und Biograph Karls des Großen hat auch dafür gesorgt, dass Gebeine weiterer, weniger bekannter Märtyrer in die Einhardstadt gelangten, und damit deren Aufstieg in die „europäische Heiligenelite“ begründet. Die Spur führt in die Basilika zum Reliquienschrein der Seligenstädter Schutzheiligen Marcellinus und Petrus, einem Kunstwerk aus der Zeit um 1680. „Die Treibarbeiten bieten nicht nur üppige Akanthusranken mit großen Blüten, sondern auch die Heiligen Marcellinus und Petrus auf der einen Seite und weitere Heilige aus einer Märtyrerfamilie: Marius mit Ehefrau Martha und ihren Söhnen Audifax und Habakuk (Frontseite), deren Reliquien ebenfalls von Einhard nach Seligenstadt gebracht wurden und in dem Schrein aufbewahrt werden“, so die Homepage der Basilika-Pfarrei.

Mit jener Familie hat es seine ganz besonderes Bewandtnis. Das fängt schon bei der Namensgebung an: Die Eltern Martha und Marius sowie deren Söhnen Abakuk (Abachum) und Audifax wurden volkstümlich als die „Heiligen Drei Ärzte“ bezeichnet, sind heute freilich nahezu völlig in Vergessenheit geraten. Die Namensgebung rührt daher, dass die Söhne Ärzte waren, die Familie in Rom vielen Kranken half und zudem liebevoll und aufopferungsvoll pflegte. Die wohlhabende Ärzte-Familie soll um das Jahr 268 von Persien nach Rom gekommen sein, um dort die Apostelgräber zu besuchen. Dort wollten sich die Söhne als Ärzte niederlassen. Jenseits des Tibers kümmerten sie sich um die Kranken und Armen, vor allem im Stadtteil „Vierzehnte Gegend“. Zudem besuchten sie die zum Tod verurteilten Christen im Gefängnis, um ihnen Trost zu spenden. Schnell wurden die Christenverfolger unter Kaiser Claudius Gothicus (268 bis 270) auf sie aufmerksam. Marius, Abakuk und Audifax wurden schließlich bei Ostia gefangengenommen und schmerzhafter Folter unterzogen. Schließlich hackte man ihnen die Hände ab und enthauptete sie.

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Martha wurde in einen Brunnen geworfen. Dies alles geschah am 13. Meilenstein der Via Cornelia, beim heutigen Lorium, knapp 20 Kilometer westlich von Rom. Einer Quelle zufolge wurden die sterblichen Überreste am 20. Januar 270 heimlich bestattet. „Obwohl ihre Leichname verbrannt wurden, scheint es den Christen doch gelungen zu seyn, mehrere der Reliquien zu retten“, so eine andere Quelle. Die Reliquien wurden in karolingischer Zeit von Rom vermutlich zunächst nach Aachen gebracht und von dort in die Abtei Prüm (Eifel), wo sie erstmals im Schatzverzeichnis von 1003 erwähnt werden. Neben den noch heute in Prüm bewahrten Reliquien befinden sich weitere in Seligenstadt, Gemblour und Cremona. In der Abteikirche St. Salvator in Prüm ist eine Kapelle dem Gedenken der „Heiligen Drei Ärzte“ geweiht.

Im Gegensatz zum Wirken der Heiligen Marcellinus und Petrus („Einhard - Translatio und Wunder...“) ist über spektakuläre Heilungen seitens der „Heiligen Drei Ärzte“ in Seligenstadt kaum etwas bekannt. Dessen ungeachtet berichtete Professor Dr. Stefan Weinfurter (Heidelberg) in der Reihe der Jubiläumsjahr-Festvorträge Ende April („Das Rhein-Main-Gebiet im Mittelalter - Eine europäische Innovationsregion“) davon, dass Reliquienhandel und spektakuläre Heilungen die Einhardstadt in eine weithin bekannte Pilgerstätte verwandelten. Die Stadt Seligenstadt sei nach Bekanntwerden zahlreicher Wundertaten in die „europäische Heiligenelite“ aufgestiegen und habe große Bekanntheit erlangt.

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