Politik, Gesellschaft und Wissenschaft

Seligenstadt: Brücken bauen statt polarisieren - die deutsche Werteakademie

Werte-Akademiker aus Seligenstadt: Gesellschafter Frank H. Sauer, Rainer Dunkel und Dieter Franz (von links) sowie Mit-Gesellschafter und Geschäftsführer Sebastian Schmidt (vorn) Foto: privat

Wertschätzender Umgang, Diskurs, Konsens: In Corona-Zeiten sind das Eigenschaften, die mancher in Politik, Gesellschaft oder Wissenschaft vermisst. Die deutsche Werte Akademie in Seligenstadt möchte das ändern. 

Seligenstadt - „Die Lösung liegt immer in der Mitte“, sagt Sebastian Schmidt, einer von vier Gesellschaftern der Deutschen Werte Akademie (DeWA). Gegründet hat sich die gemeinnützige Organisation zu Beginn des Jahres, als keiner ahnte, dass der Lockdown das Leben auf der ganzen Welt massiv verändern würde.

Als Sitz haben die Gesellschafter Seligenstadt gewählt – aus Heimatverbundenheit, da einer von ihnen, Rainer Dunkel, aus der Einhardstadt kommt und dort lebt. Hauptinitiator Frank Sauer, wohnhaft in Hürth, stammt aus Mainhausen. Dieter Franz aus Troisdorf vervollständigt das Quartett.

"Sinnstillstand" nach der Schule - Experte aus Seligenstadt beurteilt die Lage

Sauer ist im Team der Experte für Wertearbeit. Er beschäftigt sich seit fast 25 Jahren mit dem Thema, hat die Enzyklopädie „Das große Buch der Werte“ geschrieben und bildet seit einigen Jahren Wertecoaches aus. Zwei Gebiete will die DeWA in den Fokus stellen.

Zum einen ist das der Bildungssektor, sagt Schmidt. In Gesprächen mit Rektoren sei deutlich geworden, dass das Thema fester Bestandteil des Unterrichts für Schüler der achten bis zehnten Klassen auf dem Sprung ins Berufsleben sein sollte. „Viele junge Menschen gehen orientierungslos von der Schule ab“, hat der 37-Jährige festgestellt. Es fehle an Bewusstsein und Orientierung, er spricht von einem „Sinnstillstand“.

Seligenstadt: Die Traditionalisten abholen

Projektarbeit soll die Wertebildung und die Schaffung eines freiheitlichen Demokratieverständnisses fördern. Dabei bekommen Schulleitung, Lehrer und Eltern Unterstützung sowie verständliches, leicht anwendbares Material zur Verfügung gestellt, heißt es auf der Internetseite der DeWA. Die Konzepte werden fachübergreifend in Religion, Ethik oder Sachkunde behandelt. Der zweite Sektor ist die Wirtschaft. Auch da ändere sich die Haltung vieler Unternehmer; Schmidt nennt es eine „wertebasierte Unternehmensführung“.

Neben diesen Schwerpunkten sieht er auch in der Politik großen Handlungsbedarf. Mit Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre kommt Schmidt zu dem Schluss, dass durch die Globalisierung der Traditionalismus vernachlässigt wurde und damit Raum für Unzufriedenheit entstehen konnte. Aufgabe von Politik sei es, die Traditionalisten „abzuholen“, sie fühlten sich von ihr vernachlässigt. Eine Folge sei wachsende Zuwendung zu radikalen politischen Gruppen. Letztlich gehe es darum, über den Diskurs zum Konsens eine gemeinsame Schnittmenge aufzuzeigen.

Wegen Corona: Akademie in Seligenstadt musste Schwerpunkt verlagern

Corona hat die DeWA gezwungen, ihre Schwerpunkte vorläufig zu verlagern: Statt Seminaren und Vorträgen steht derzeit die Digitalisierung der Wertarbeit ganz oben auf der Agenda. Wobei die reale Begegnung zwischen Menschen auch künftig stattfinden soll. Eine „gesunde Mischung“ sei das Ziel. Zudem sei man auf der Suche nach Kooperationspartnern. Kontakte mit Schulen sollen geknüpft werden, auch in der Einhardstadt. Ebenso sei die Suche nach Geldgebern wichtig zur Finanzierung der gemeinnützigen Arbeit.

Corona hinterlässt Spuren - Experte aus Seligenstadt berichtet

Sorgen bereitet Schmidt, der zuvor als Unternehmensberater mit Schwerpunkt in der Sozialwirtschaft (Caritas, Deutsches Rotes Kreuz) gearbeitet hat, dass die Krise bleibende Spuren in der Gesellschaft hinterlassen könnte. „Wir sollten prüfend im Blick behalten, dass Social Distancing, das Abstandhalten zwischen den Menschen, um eine vermeintliche Infektion mit dem Coronavirus zu verhindern, nicht zur inneren Haltung wird.“

Noch sei nicht abzusehen, was dies vor allem mit Kindern mache. Dafür, dass die Regelung Spuren hinterlassen hat, kennt Schmidt ein konkretes Beispiel: Er erzählt von einem etwa fünfjährigen Mädchen, das im Supermarkt eine Frau unfreundlich darauf hinwies, sie halte nicht den nötigen Abstand.

„Brücken schlagen statt Polaritäten aufbauen – das ist unser Ziel“, schließt Schmidt.

" deutsche-werte-akademie.de/

VON OLIVER SIGNUS

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