Seligenstadt

„So unwirklich wie in einem Film“: Geschäftsleute fürchten um ihre Existenz

Die Altstadt Seligenstadts, bei schönem Wetter sonst gut frequentiert, war gestern in Teilen menschenleer.
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Die Altstadt Seligenstadts, bei schönem Wetter sonst gut frequentiert, war gestern in Teilen menschenleer. 

Dienstag (17.03.2020), 17. 30 Uhr: Nur noch eine Stunde ist der Buchladen von Bettina Haenitsch geöffnet. Dann schließt auch sie – wie viele andere Einzelhändler und Kaufhäuser in Seligenstadt – für zunächst vier Wochen die Tür ab. Das Coronavirus hat auch Geschäftsleute zur Zwangspause verdammt.

Seligenstadt - Im Laden an der Bahnhofstraße 18 versorgen sich einige Kunden mit Literatur. In den nächsten Wochen ist zumindest das Stöbern in Regalen und auf Tischen nicht mehr möglich. „Wir hoffen, dass unser Onlinehandel einiges auffängt“, sagt Haenitsch, „aber eigentlich ist doch das Stöbern das Schöne.“ Einige Jugendliche suchen Lehrbücher aus, eine Frau kauft einen umfangreicheren Roman. Der Umsatz sei in den vergangenen Tagen leicht gestiegen, hat die Geschäftsfrau festgestellt. „Vor allem, seit Kinder zu Hause bleiben, waren Lehrmaterialien und Kinderbücher gefragt.“

Große Rücklagen könne sie wie viele Einzelhändler nicht bilden. Noch hofft Bettina Haenitsch, dass es dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels gelingt, in Verhandlungen mit der Regierung zu erreichen, dass Bücher als Güter des täglichen Bedarfs anerkannt werden. Dann könnte sie ihr Geschäft wieder öffnen.

„Die Stimmung wird von Tag zu Tag schlechter“, malt Daniel Franz, Juniorchef des Schuhhauses Franz, ein düsteres Bild. Der Umsatz gehe schon die ganze Zeit zurück, Kunden blieben weg, klagt er. Regale und Lager sind voll mit Ware, für die der Händler in Vorlage getreten ist. Gerade die Wochen zu Frühjahrsbeginn seien wichtig fürs Geschäft, weil normalerweise umsatzstark. „Die ganze Situation ist beschissen“, sagt Franz, auch stellvertretender Vorsitzender des örtlichen Gewerbevereins, und in seiner Stimme schwingt ein Hauch von Resignation. Ohne Unterstützung vom Staat werde er wirtschaftlich kaum überleben.

Auch für Markus Wunderlich, Geschäftsführer des Trendstores W&W Wunderland, geht es um die Existenz, obwohl er weiter geöffnet hat, weil er eine Poststelle unterhält. „Es wird bestimmt nicht einfach“, sagt Wunderlich, der das Textilgeschäft an der Aschaffenburger Straße seit zehn Jahren mit seiner Frau Andrea betreibt. Wie Daniel Franz hat er in der vergangenen Woche einen Rückgang beim Umsatz gespürt. Dass er noch offen hat, bringe ihm keine Vorteile. „Die Innenstadt ist fast menschenleer, in die Geschäfte verliert sich praktisch niemand mehr.“

Für ihn heißt es zunächst einmal, nicht in Panik zu verfallen. Er versuche, die Lage vorab einzuschätzen. „Was ist möglich, um den Zwischenzeit zu überbrücken?“, hat Wunderlich sich gefragt. Gespräche mit der Bank wegen möglicher Kredite stehen an. Aber auch da gibt es Grenzen. Keiner wisse, wie lange die Krise tatsächlich dauere, „und einen Kredit über 100 000 Euro kann ich nie zurückzahlen“, sagt er ohne Umschweife.

Hilfreich könnten zinsfreie Kredite sein. Kurzarbeitergeld sei zwar angekündigt, „aber beim Arbeitsamt ist noch nichts fertig“. Und wenn es soweit sei, sei der Ansturm so groß, dass er wochenlang aufs Geld warten müsse.

Regina Fechner, die im Geschäft für Wohnideen mit dem verheißungsvollen Namen „Rosige Zeiten“ am Freihofplatz als Verkäuferin arbeitet und sich zu den wirtschaftlichen Konsequenzen daher nicht äußern möchte, kommentiert die Lage mit einem Satz: „Es ist so unwirklich wie in einem Film!“

Oliver Signus 

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