Kritik von Eltern

Schule in der Corona-Pandemie – „Die Internetanbindung ist nach wie vor ein Graus“

Ein Gymnasiast löst am Laptop in seinem Zuhause seine Schulaufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben.
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Eine Elternbeirätin aus Seligenstadt kritisiert das Schulwesen in der Corona-Pandemie

Seit mehr als einem Jahr hält die Corona-Pandemie nun an. Eine Elternbeirätin aus Seligenstadt kritisiert die mangelnde technische Ausrüstung in Schulen.

Seligenstadt – „Seit elf Monaten beherrscht die Pandemie den Alltag von Schülern, Eltern und Lehrkräften. Die Politik feiert sich für fast flächendeckendes WLAN an Schulen – aber was nutzt das ohne eine schnelle Internetverbindung?“ Das fragt Julia Zimmer, stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der Einhardschule in Seligenstadt, und ergänzt: „Die Internetanbindung ist nach wie vor ein Graus.“

Julia Zimmer und andere Mitglieder des Gremiums sowie viele Eltern fordern eine „durchdachte Digitalisierung an Schulen“. Die Umstellung der Lernplattform „moodle“ auf einen leistungsfähigen, professionell administrierten Server sei dank unbürokratischer Hilfe des Fördervereins zustande gekommen. Dabei fragten sich Eltern zu Recht, ob das nicht Aufgabe anderer Stellen sei. „Warum gibt es keine landesweit einheitliche E-Learning-Plattform?“, fragt Zimmer. Diese müsse wie moderne IT-Systeme selbst skalieren, sodass es keine Engpässe gebe. Um die Pflege soll sich ein Dienstleister kümmern. „Es ist absolut ineffizient, jede Schule sich damit selbst zu überlassen. Lehrer sind Pädagogen, keine Aushilfs-IT’ler, die Plattformen installieren und betreiben“, wettert sie. Lehrer sollten ihren Job machen können und sich nicht mit anderen Dingen belasten müssen.

Elternbeirätin aus Seligenstadt kritisiert Schule in der Corona-Krise

Auch fehle es in Seligenstadt weiter an Laptops für Lehrer. Die seien im vergangenen Jahr versprochen worden. Entsprechende Ausstattung für Schüler, die sich in ihrer Familie einen Computer teilen müssen oder gar kein Gerät haben, seien hingegen gekommen. „Da haben sich sehr viele gefreut“, sagt Julia Zimmer, doch das reiche nicht beim Homeschooling.

Julia Zimmer ist stellvertretende Vorsitzende des Elternbeirats an der Einhardschule.

Und sie hat weitere Fragen: „Lehrkräfte sollen, soweit es in ihren Möglichkeiten steht, Videounterricht anbieten. Mit was? Wo?“ Es gebe Lehrer, die von zu Hause unterrichteten, aber mit ihren privaten Rechnern. Das könne nicht sein, meint Zimmer, „schließlich fährt ein Postbote auch nicht mit seinem Pkw Pakete aus“.

Selbst wenn demnächst die Laptops in Seligenstadt einträfen, könne Videounterricht aufgrund der mangelhaften Internetkapazität von der Schule aus nicht gehalten werden. „In jeder Polit-Talkshow wird gebetsmühlenartig bekannt, wie wichtig Bildung und Zugang zu Technologie für Kinder und Jugendliche sei“, hat die Elternvertreterin beobachtet. Das Rüstzeug werde aber weder Lehrern noch Schülern zur Verfügung gestellt.

Schule während Corona: Praxisorientierte Lösungen müssten her

„Die praxisorientierte Lösung liegt so nah und ist aus bürokratischer Sicht doch so fern.“ So könne man gegebenenfalls aus dem nicht genutzten Kontingent der Laptops für Schüler diese den Lehrkräften zur Verfügung stellen. Zwar würden die aus unterschiedlichen Töpfen finanziert, „doch eine noch nie da gewesene Situation erfordert Flexibilität – es müssen praxisnahe Lösungen her und nicht das Abarbeiten stringenter Vorgaben und Vorschriften“, kritisiert Julia Zimmer.

Das seit Montag (22.2.2021) in Seligenstadt wieder Präsenzunterricht für die Klassen eins bis sechs sowie die Abschlussklassen stattfindet, „ist ein Lichtblick für viele“. Dennoch sieht die Elternsprecherin weitere Probleme: „Wie wird Videounterricht für die anderen Jahrgänge angeboten? Soll eine Lehrkraft von der Schule nach Hause und womöglich wieder zurückfahren? Wie soll es funktionieren?“ Das zarte Pflänzchen Videounterricht könne so nicht gedeihen, da ist sie sicher.

Aufgrund der geringen Bandbreite an der Schule sei Videounterricht von dort lediglich mit maximal vier bis fünf Lehrern gleichzeitig möglich. „Und dann darf keine technische Störung dazwischen kommen“, betont Zimmer. Also zurück zum Anfang und rein schriftliche Arbeitsaufträge auf „moodle“? Dies sei kein adäquater Ersatz für Präsenzunterricht. Nun war dieser gerade zum zweiten Mal während der Corona-Pandemie aufgehoben worden: „An den Schulen sehe ich aber keine Verbesserung“, zieht sie kritisch Bilanz.

Seligenstadt: Julia Zimmer kritisiert in der Corona-Pandemie fehlende Perspektive für die Schüler

Julia Zimmer fehlt eine Perspektive für die Schüler: „Kinder sind die Zukunft – nicht ausschließlich Großkonzerne“, sagt sie und fragt, ab wann andere Jahrgänge wieder beschult würden. Auch den Lehrern müssten Aussichten geboten werden. „Auf Sicht fahren“ sei keine Alternative mehr, eine Chancengleichheit müsse gewahrt bleiben, ob technisch oder finanziell: „Starre Hierarchien, in denen alles von oben nach unten delegiert wird, sollten im 21. Jahrhundert eigentlich der Vergangenheit angehören, sodass speziell das Kultusministerium die Flexibilität an den Tag legen muss, die es von Schülern, Schulleitung, Lehrern und Eltern erwartet.“

Julia Zimmer fordert „klare, eindeutige Aussagen“, speziell zur notwendigen Lehrplananpassung und der situativ bedingten, dringend erforderlichen Leistungsnachweiserbringung. Das Ziel müsse es sein, den Druck von allen Beteiligten zu nehmen. Dennoch ist Julia Zimmer überzeugt, dass die Corona-Pandemie nicht ohne Spuren am Bildungssystem vorübergehen werde. „Es ist endlich Zeit, nicht nur an den Symptomen zu doktern, sondern die Ursachen zu behandeln. Wir alle sollten die Krise als Chance nutzen, da unsere Kinder mehr verdient haben. Was gedenkt das Kultusministerium zu tun, um die Weichen für die Zukunft zu stellen?“

Zur Digitalisierung an den Schulen hatte sich Schulleiter Dieter Herr bereits Ende Januar in unserer Zeitung geäußert. Er bemängelte dabei die Qualität der technischen Ausstattung. Eine ebenfalls zu Wort gekommene Kreissprecherin sagte wiederum, dass der Kreis Offenbach bei der Umsetzung des bis 2024 laufenden Digitalpakts „sehr gut im Zeitplan“ sei. Ab dem zweiten Quartal dieses Jahres würden alle Klassenräume mit Medienpräsentationstechnik ausgestattet, hatte sie versichert.

Lehrer und Schulleitungen aus dem Kreis Offenbach berichten außerdem, dass es vermehrt zu enormen Störungen des Onlineunterrichts kommt. Schüler, die nicht zu den jeweiligen Klassen gehören, „stürmen“ den Onlineunterricht und sogar pornografische Inhalte wurden in einem Fall den Schülern einer zweiten Klasse gezeigt. (Oliver Signus)

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