Wie den neuen Alltag gestalten?

Einzelhandel vor Lockerung der Corona-Regeln verhalten optimistisch

Seinen Lieferservice möchte Wolfgang Reuter, Inhaber von Haushaltswaren Link, noch länger aufrechterhalten. Für den Laden hat er sich Mundschutz besorgt. 
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Seinen Lieferservice möchte Wolfgang Reuter, Inhaber von Haushaltswaren Link, noch länger aufrechterhalten. Für den Laden hat er sich Mundschutz besorgt. 

„Ich glaube nicht, dass uns am Montag alle die Bude einrennen.“ Wolfgang Reuter, Vorsitzender des Gewerbevereins in Seligenstadt und Geschäftsmann, ist noch im Abwartemodus.

Ostkreis – „Für uns Hessen ist nicht maßgeblich, was Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet, sondern was Ministerpräsident Volker Bouffier beschließt. “ Und der habe davon gesprochen, dass die wegen Corona geschlossenen Geschäfte „im Laufe der nächsten Woche“ wieder öffnen dürften. „Da würde ich mir mehr Planungssicherheit wünschen“, formuliert der Inhaber von Haushaltswaren Link vorsichtig.

„Organisation, Mitarbeiter, Öffnungszeiten, da hängt einiges dran“, erläutert Reuter. Zum Beispiel brauche er Klarheit über die Auflagen. „Meine Idealvorstellung ist, dass die örtlichen Ordnungsämter die Umsetzung in den einzelnen Geschäften vorher abnehmen, statt nachher Bußgelder zu verhängen und Läden zu schließen.“ Die Herausforderung für den Rest der Woche werde darin bestehen, die Regeln umzusetzen. „Wie gestalten wir den neuen Alltag?“, fragt Reuter.

Er hat bereits eine Scheibe an der Kasse installiert und Schutzmasken besorgt. Ob das ausreicht, wird ihm der Krisenstab der Stadt mitteilen, der gestern getagt hat. Trotzdem rechnet Reuter damit, den Bestell- und Lieferservice seines Betriebs noch lange weiterzuführen. „Viele Kunden werden daheim bleiben, da sie nicht rauswollen oder rausdürfen.“

Zwar hat Reuter „gefühlt schon immer“ Ware frei Haus geliefert, indes mit einem Unterschied: „Die hat der Käufer vorab gesehen und in der Hand gehabt.“ Im Online-Shop, den er weiterbetreiben will, geht das nicht. Perspektivisch hofft Reuter auf eine Online-Steuer und auf ein dauerhaft verändertes Verbraucherverhalten. „Viele Bürger haben verstanden: Wir brauchen eine lebendige Innenstadt. Und dafür müssen wir den lokalen Handel unterstützen.“

Zuversichtlich stimmt den Gewerbetreibenden die Resonanz auf die Seligenstädter Gutschein-Aktion: Jetzt im Internet kaufen, später im Laden einlösen. „Solche Initiativen müssen wir beibehalten und weiterentwickeln.“ Verbesserungsbedürftig seien die Zahlungsmodalitäten.

Seine monatliche Sitzung hat der Gewerbeverein durch eine wöchentliche Telefonkonferenz ersetzt. „Es gibt ja jeden Tag etwas Neues!“ Weil wie der Frühlingsmarkt auch der „Sommer in der Stadt“ ausfallen dürfte, reichen die Überlegungen bis zum Weinmarkt im September. Und dahin, ob sich die ausgefallenen verkaufsoffenen Sonntage nachholen lassen, unter Umständen ohne Anlassbezogenheit. Bis dahin gelte es, präsent zu bleiben, zu zeigen: „Wir tun was“, so Reuter, der den Zusammenhalt in der Einhardstadt und die Zusammenarbeit mit Verwaltung sowie Stadtmarketing lobt.

„Ich hätte gern mehr Zeit für die Vorbereitung gehabt.“ Claudia Becker-Klingler von der Bücherstube in Hainburg bringt auf den Punkt, was viele Kollegen denken. Eine Woche länger hätte der Vorlauf für sie sein dürfen. Sie hat die Kassenzone umgebaut und Sitzgelegenheiten entfernt: Drei Zweiergruppen mussten zwei Einzeltischen weichen – was eine Ballung von Menschen verhindern und die Einhaltung des Abstandsgebots erleichtern soll.

Freilich weiß Becker-Klingler nicht, ob sie rechtzeitig einen „Spuckschutz“ und Desinfektionsmittel für ihre Kunden bekommt. Eine Lotion sei besser als ein Spray und „50 Mal sinnvoller als Handschuhe“, findet sie. Auch eine Maskenpflicht würde die Buchhändlerin begrüßen. Für sich selbst hat sie sich im Südostasien-Urlaub noch zu Beginn der Krise mit Mundschutz eingedeckt. „Da musste man sich auch im Museum und im Hotel die Hände desinfizieren.“ Womit sie bei einem leidvollen Thema wäre: „Der Absatz von Reiseführern ist auf null gesackt...“

Für Mainhausen erwartet der Vorsitzende des Gewerbevereins, Peter Dievernich, ab Montag kaum Änderungen. Super- und Drogeriemärkte sowie „Das Lädsche“, die im Wesentlichen den örtlichen Einzelhandel ausmachten, seien sowieso geöffnet. Dort wie auf dem Wochenmarkt am Alten Rathaus Zellhausen würden die Distanzregeln befolgt, hat Dievernich beobachtet. „Der Schwerpunkt unserer Beratung betrifft derzeit die Kurzarbeit im produzierenden Gewerbe. Und wir helfen Mitgliedsbetrieben bei Fragen zu Logistik, Vertrieb oder Marketing.“

VON MARKUS TERHARN

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