Er wurde 91 Jahre alt

Zum 100. Geburtstag: Erinnerung an den ersten Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Flämig

Gerhard Flämig: Politiker und Journalist.
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Gerhard Flämig: Politiker und Journalist.

Die Finger beider Hände reichen nicht aus, um die Berufe, Berufungen, Ämter und Funktionen aufzuzählen, die Gerhard Flämig in seinem langen, 91 Jahre währenden Leben ausübte.

Seligenstadt - Der Mann, der in den 1950er Jahren der erste Stadtverordnetenvorsteher Seligenstadts war, ist zwischen den 1960er und 1995er Jahre ohne Zweifel der profilierteste, aber auch der schillerndste Politiker der gesamten Region Offenbach/Hanau. In wenigen Tagen jährt sich der Geburtstag des prominenten Sozialdemokraten zum 100. Mal.

Selbst der disziplinierteste Versuch, den Lebens- und Berufsweg Gerhard Flämigs kurz zusammenzufassen, muss scheitern. Gleichwohl lassen sich zwei Schwerpunkte herausarbeiten: Politik und Journalismus.

Gerhard Flämig war als Politiker nach seinem kommunalen Einstieg in Seligenstadt unter anderem von 1957 bis 1964 Bürgermeister der Stadt Großauheim, von 1963 bis 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages, von 1970 bis 1979 Mitglied des Europäischen Parlaments, von 1972 bis 1984 Vizepräsident der Europäischen Sozialistischen Bewegung und von 1981 bis 1983 Berater der EG-Kommission in Brüssel.

Ab 1968 war Gerhard Flämig Präsidiumsmitglied im Deutschen Atomforum (DAtF), einem Lobbyverband für Kernenergie. Von 1978 bis 1991 leitete Flämig den Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit und Presse des DAtF.

Gerhard Flämig war Journalist bei der Offenbach-Post

Auch als Journalist und Schriftsteller machte sich Flämig einen Namen. Ab 1947 volontierte er bei der Offenbach-Post. „Dann Lokalredakteur; Februar 1949 Aufbau des Kopfblatts Hanau-Post als erster Redaktionsleiter; ab 1950 politischer Redakteur bei der Offenbach-Post“, fasst er in seinen Aufzeichnungen stichwortartig zusammen. Einen Meilenstein in der Hanauer Geschichtsforschung setzte er mit seiner Trilogie „Hanau im Dritten Reich“.

Richtig berühmt aber wurde Gerhard Flämig, damals immerhin SPD-Bundestagsabgeordneter, durch einen gewaltigen Eklat: „Flämig wurde 1993 wegen des Verdachts der Agententätigkeit für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit angeklagt, das Verfahren wurde aber vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wegen Verhandlungsunfähigkeit Flämigs ohne Urteil eingestellt“, ist bei Wikipedia zu lesen. In Flämigs eigenen Aufzeichnungen liest sich das etwas anders: „1993 Anklage als angebl. Atomspion. Prozess abgebrochen zu Lasten der Staatskasse, nachdem der wirkliche Hanauer Atomspion enttarnt und verhaftet wurde.“

War Gerhard Flämig ein DDR-Agent?

Fakt ist, dass Bundesnachrichtendienst, Bundesamt für Verfassungsschutz oder der Bundesbeauftragte für Stasiunterlagen bei der Beurteilung des Falls Flämig unterschiedliche Auffassungen vertraten. Unklar war, ob Flämig tatsächlich als „Inoffizieller Mitarbeiter“ DDR-Agent war oder nicht doch einer der zahlreichen politischen Kontaktpersonen des ZK der SED.

Allerdings gab der heute legendäre HVA-Leiter Markus Wolf in seinen Memoiren an, Flämig im Sommer 1969 während einer Reise in die Sowjetunion angeworben zu haben.

Dessen ungeachtet erhielt Gerhard Flämig in der Bundesrepublik höchste Auszeichnungen, etwa das Bundesverdienstkreuz (1973) und das Große Bundesverdienstkreuz am Bande (1981).

Seinen Lebensabend verbrachte Gerhard Flämig in Böhl-Iggelheim (Pfalz). Dort starb er auch am 18. September 2011.

SPD-Ortsverein Seligenstadt feiert Gerhard Flämig

Der SPD-Ortsverein Seligenstadt ließ damals in einer Würdigung Flämigs Politikkarriere Revue passieren, erinnerte daran, dass der SPD-Kollege „seinen 80. Geburtstag 1999 in Seligenstadt, seiner Stadt, feierte, zu der der Kontakt nie abriss, zudem seine Frau Margrit eine gebürtige Seligenstädterin war.“ Flämig habe bis zu seinem Tod die Seligenstädter Kommunalpolitik verfolgt und sich über jede Ausgabe des „Roten Igel“, der Mitgliederzeitung der SPD, gefreut.

Vielen älteren Seligenstädtern ist Gerhard Flämig auch als Kultfigur „Turmmännchen“ in Erinnerung, „dessen Weg vom Seligenstädter Lokalredakteur zum politischen Redakteur bis hin zum Kolumnisten führte“, so der frühere Chefredakteur der Offenbach-Post, Lothar R. Braun damals.

VON MICHAEL HOFMANN

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