Von Empörung getrieben

Erste Mahnwache für Schiffbrüchige im Mittelmeer: 120 Teilnehmer

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Die Pfarrer Holger Allmenröder, Martin Franke und die frühere SPD-Stadtverordnete Irene Schmidt diskutierten über die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer.  

Seligenstadt - Ein sicherer Hafen für Schiffbrüchige sein - eher eine ungewöhnliche Rolle für eine Stadt im Binnenland.

Aus Sicht von rund 120 Menschen, die sich am Mittwochabend auf dem Marktplatz versammelten, stünde sie Seligenstadt freilich gut zu Gesicht: Gemeinsam wollen sie sich dafür einsetzen, gezielt gerettete Flüchtlingen aus dem Mittelmeer aufzunehmen.

Das Netzwerk wächst bundesweit und soll diejenigen auffangen, deren Schicksal seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht: Indem sie „Seebrücken“ von der südlichen EU-Außengrenze direkt in aufnahmewillige Kommunen hinein schlagen, wollen Kirchen, Flüchtlingshelfer und humanitäre Organisationen der Debatte über das Retten von Bootsflüchtlingen eine andere Richtung geben. Aktivisten wie den evangelischen Pfarrer Martin Franke, seinen katholischen Kollegen Holger Allmenröder oder Burkard Müller vom Arbeitskreis Willkommen in Seligenstadt treiben dabei Empörung, Enttäuschung über die Missachtung humanitärer Prinzipien, zum Teil auch Wut. Allmenröder wird im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich: „Menschen in Lebensgefahr einfach ersaufen zu lassen, ist so ziemlich das unmenschlichste, was ich mir vorstellen kann.“

Zu einem großen Kreis formierten sich die rund 120 Teilnehmer an der ersten Mahnwache für Schiffbrüchige im Mittelmeer. In den kommenden Wochen wollen sich Aktivisten zum stillen Protest vor dem Seligenstädter Rathaus treffen.

Burkard Müller empfindet beim Blick in die Runde indessen auch Freude: Großartig sei es, dass „sich so viele Seligenstädter auf den Marktplatz stellen und eindeutig Position beziehen“. Angesichts der kontroversen, oft aufgeheizten öffentlichen Diskussion über Flüchtlingspolitik sei das nicht selbstverständlich. Michael Gerheim, designierter Erster Stadtrat, pflichtet bei: „Es ist unbedingt wichtig, dass Seligenstadt ein Zeichen setzt“. Flüchtlinge seien in der Stadt „definitiv willkommen“, und vor dem Hintergrund der Seenot-Frage müsse auch neu über Integration gesprochen werden: „Keiner muss urdeutsch werden, aber wir müssen gemeinsame Werte finden und auch leben.“ Irene Schmidt, Sozialdemokratin, plädiert wie Gerheim dafür, das Streitthema Seenotrettung nicht losgelöst zu diskutieren und Migration im großen Zusammenhang zu sehen: „Ich habe auch keine Lösung für all die Probleme“, bekennt sie, „aber wir müssen danach suchen. Das hier könnte einer von vielen Anfängen sein, die wir brauchen.“

Wie viele andere, die zur Mahnwache gekommen sind, hat Irene Schmidt selbst praktische Erfahrung in der Arbeit mit Flüchtlingen. Ihren Standpunkt zur Rettungsfrage will sie unabhängig davon verstanden wissen: „Es ist eine Katastrophe, dass man Leuten nicht hilft, die am Ertrinken sind.“

Pfarrer Franke, von dessen Kollegin Leonie Krauß-Buck die Initiative zu der Veranstaltung kam, nennt die Lage im Mittelmeer in einer kurzen Ansprache „unerträglich“, darüber hinaus politisch wie rechtlich eindeutig: „Es ist nicht diskutierbar, dass Menschen, die in Not sind, gerettet werden müssen - bedingungslos und überall.“ Das gebiete nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch das internationale Seerecht.

UNHCR: Mittelmeer tödlichste Route für Flüchtlinge

Der Geistliche, der Seligenstadt Anfang September verlässt, und für den die Mahnwache eine der letzten öffentlichen Aktivitäten an seiner langjährigen Wirkungsstätte ist, hat Zahlen und Fakten mitgebracht. Fast 58 000 Menschen haben demnach seit Jahresbeginn den Weg nach Europa übers Mittelmeer gesucht, 1500 von ihnen seien dabei ums Leben gekommen - „und das sind nur die, von denen wir wissen“. Die EU und mit ihr Deutschland würden aktuell ihren Verpflichtungen nicht gerecht, findet Franke. Scharf kritisiert er die Kooperation mit der libyschen Küstenwache, die Flüchtlinge in Booten oft unmenschlich behandle. Ehrenamtliche Retter mit rein humanitären Motiven würden dagegen kriminalisiert.

„Wir erinnern an die Ertrunkenen, wir mahnen und bestärken uns gegenseitig - auch in der Trauer“, beschreibt Franke Zweck und Charakter der Zusammenkunft. In der Tat hat sie kaum etwas von einer politischen Demonstration: Weder sind Plakate oder Transparente zu sehen noch Parolen zu hören, nicht einmal Kerzen haben die Teilnehmer mitgebracht. Still stehen sie im Kreis und diskutieren anschließend in kleinen Gruppen, schweigend beobachtet von Passanten und Biergarten-Gästen. Nach dem Willen der Initiatoren, der evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen und des Arbeitskreises Willkommen, sollen sich diese Szenen wiederholen: Bis auf weiteres finden die Mahnwachen jeden Mittwoch ab 19 Uhr auf dem Marktplatz statt. (zrk)

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