Unter den PS-Piraten der Karibik

Mit dem Fahrlehrer unterwegs an kritischen Punkten in Seligenstadt

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Die Verkehrsführung am Bahnübergang ist vor allem für Ortsfremde und Fahranfänger eine Herausforderung.  

Seligenstadt - Vom Stoppschild an der Karibik bis zum Blinkverhalten in Kreisel: Verkehrsführung und Fahrverhalten in Seligenstadt können vor allem für Ortsfremde und Anfänger eine Herausforderung sein. Unterwegs mit der Fahrschule. Von Katrin Stassig 

Für einen Ortsfremden ist die Verkehrsführung in Seligenstadt mitunter ein Buch mit sieben Siegeln. Das gilt auch für jene, die zum ersten Mal hinter dem Steuer eines Autos sitzen – und die gezwungen sind, sich an die Regeln zu halten, auch wenn die manchmal noch so widersprüchlich erscheinen. Einer, der das gut beurteilen kann, ist Rudolf Schuck aus Froschhausen. Der 77-Jährige arbeitet seit fast 50 Jahren als Fahrlehrer. Er hat sich zwar vor 15 Jahren aus dem aktiven Dienst zurückgezogen, seine Fahrlehrer-Lizenz aber behalten und regelmäßig die dafür notwendigen Weiterbildungen absolviert. Heute unterrichtet er noch sporadisch, meist auf Bitten von Bekannten oder Kollegen. „Ich habe den Beruf immer gerne gemacht“, sagt er.

Der junge Mann, den Rudolf Schuck an diesem Nachmittag durch sämtliche neuralgischen Punkte Seligenstadts lotst, hat schon 30 Fahrstunden hinter sich. So viele sind nach Schucks Einschätzung mindestens notwendig, um erfolgreich durch die Prüfung zu kommen – erst recht für Seligenstädter Verhältnisse. Anderthalb Stunden lang geht es durch Kreisel und Einbahnstraßen, über den Marktplatz, durch Altstadtgassen, Neubaugebiete und über die Umgehungsstraße und fünf oder sechs Mal durch die berüchtigte „Karibik“. So heißt im Volksmund der Bahnübergang an der Frankfurter Straße.

Nur wenige Autofahrer beachten am Mini-Kreisel an der Kreuzung Ellenseestraße/Querstraße die Markierungen auf der Fahrbahn. Auch die Vorfahrt des Kreisverkehrs wird oft ignoriert.  

„In Seligenstadt“, sagt Rudolf Schuck“, „hat nur derjenige die Chance, heil rauszukommen, der sein Auto zu 100 Prozent beherrscht.“ Ein Fahranfänger ist also per se schon im Nachteil. An der Karibik kommt für ihn erschwerend hinzu, dass er die Vorfahrtsregeln beherzigen muss, wenn er in der Prüfung nicht durchfallen will. Etwa das Stoppschild aus Richtung Froschhausen, das seit einigen Jahren das Vorfahrt-gewähren-Schild vor dem Bahnübergang ersetzt. Wer ordnungsgemäß an der Haltelinie bremst, riskiert bei freier Strecke einen Auffahrunfall, meint Schuck. Und hat von dort keine Übersicht über den Verkehr auf der Vorfahrtsstraße. Wer weiter nach vorne fährt, verliert die Sicht auf die Ampel und steht den Fußgängern im Weg.

Schuck hat im Rathaus nach den Gründen für das Stoppschild gefragt. Die Rücksprache mit Hessen Mobil ergab, die Kreuzung sei ein Unfallschwerpunkt. „Zu dieser Einsicht haben die Fachleute 30 Jahre gebraucht. Wer als Fahrlehrer bei einer Prüfung seinen Schüler an dieser Kreuzung ohne Probleme durchbringt, hat nicht nur gut ausgebildet, sondern auch viel Glück gehabt.“ Schon als der Bahnübergang in Betrieb genommen wurde, gingen die Fahrlehrer auf die Barrikaden. Sie zogen zum Rathaus und debattierten mit Bürgermeister Karl Schmidt und dem Straßenverkehrsamt über die Frage der Vorfahrt. Die Schilder, die nachträglich aufgestellt wurden, tragen nach Schucks Dafürhalten aber nicht zur Entschärfung bei. „Dass da nichts passiert, ist nur dem Umstand geschuldet, dass keiner Ahnung hat. Deshalb fahren alle schön langsam.“

Letzteres gilt an vielen anderen kritischen Punkten im Ortsgebiet nicht. „Eigentlich gehört die ganze Stadt mit Tempo 30 ausgestattet“, meint Schuck. „Es wird viel zu schnell gefahren.“ Zum Beispiel an den Kreiseln, wo neben der Geschwindigkeit vor allem das Blinkverhalten ein Problem ist. Der eine blinkt bei der Einfahrt in den Kreisel rechts (falsch), der nächste im Kreisel links (falsch), andere bei der Ausfahrt gar nicht (auch falsch).

Im Mini-Kreisel auf der Ellenseestraße soll der Fahrschüler die dritte Ausfahrt in die Querstraße nehmen. „Glück gehabt, dass da sonst keiner unterwegs war“, kommentiert Schuck. Fast alle fahren dort einfach über die Markierung drüber, beachten die Vorfahrt des Kreisverkehrs nicht. Den Mini-Kreisel, ein Vermächtnis der Ersten Stadträtin a.D. Claudia Bicherl, hat Schuck vor Jahren schon einmal in einem Leserbrief kritisiert. „Ich bin ein echter Fan von Verkehrskreiseln“, schrieb er Ende 2012. Diese müssten aber eine Mindestgröße aufweisen und einen erkennbaren Sinn haben, was an dieser Kreuzung nicht der Fall sei.

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Der Fahrlehrer ist mit seiner Kritik nicht alleine. Die FDP-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung fragte damals nach verkehrstechnischen Vorteilen, die der Bau dieses Kreisels mit sich gebracht habe. „Aus der Querstraße kommt kaum Einmündungsverkehr, sodass der Durchgangsverkehr der Ellenseestraße den Kreisel mehr als lästiges Hindernis wahrnimmt und ein spürbares Mehr an Sicherheit nicht vorhanden ist“, sagte René Rock seinerzeit als Fraktionsvorsitzender der Seligenstädter FDP, stufte die Maßnahme deshalb eher als neu geschaffene Gefährdung ein. Am Kreisel in der Würzburger Straße kommt von rechts ein Radfahrer angebraust, muss scharf bremsen. „Wir hatten zwar Vorfahrt“, sagt Schuck, nachdem sein Schüler in die Einhardstraße abgebogen ist. „Aber nach dem Radfahrer zu schauen, wäre besser gewesen.“

Dass auch aus einer Einbahnstraße von rechts ein Radfahrer kommen kann, wenn diese für Fahrräder entgegen der Fahrtrichtung freigegeben ist, damit „ist ein Anfänger hoffnungslos überfordert“, stellt Schuck fest. Nur ein winziges Schild weist darauf hin. Auch die Bahnhofstraße hat ihre Tücken. Wer in der Einbahnstraße geradeaus weiterfahren will, muss nach jeder Kreuzung die Spur wechseln. Blick in den Innen-, dann in den rechten Außenspiegel. „Blinker rechts. Kopf über die Schulter, Spur gewechselt“, sagt Schuck dem Fahrschüler vor.

Noch ein letztes Mal geht es auf dem Rückweg nach Froschhausen über den Bahnübergang. Diesmal von der Eisenbahnstraße aus und nach links auf die Frankfurter. Die Ampel an der Schranke ist rot, genug Platz zum Abbiegen, bevor sich der Verkehr wieder in Bewegung setzt. „Da steht jetzt Vorfahrt gewähren. Wenn da links einer auftauchen würde, dann müssten wir warten“, erläutert Schuck. „Und wenn da einer mit einem fremden Kennzeichen kommt, der hat keine Ahnung. Dann bricht hier alles zusammen.“

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